Leseförderung im Unterricht: Warum sinnerfassendes Lesen in Deutschland wichtiger wird
Die Lesekompetenz hat sich in Österreich weiter verschlechtert. Auch für Deutschland zeigen aktuelle Studien erheblichen Handlungsbedarf: Sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen wächst der Anteil der Menschen mit geringen Lesekompetenzen. Für Schulen stellt sich damit die Frage, wie sinnerfassendes Lesen nachhaltig gefördert werden kann.
Lesekompetenz wird zum Thema für alle Bildungsbereiche
Die Ö1-Sendung "Verstehen Sie, was Sie lesen?" beschäftigt sich mit der Frage, ob sinnerfassendes Lesen als zentrale Kulturtechnik an Bedeutung verliert. Anlass sind aktuelle Befunde zur Lesekompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Österreich.
Nach Angaben des Österreichischen Rundfunks gilt fast ein Drittel der 16- bis 65-Jährigen in Österreich als leseschwach. Das entspricht rund 1,7 Millionen Menschen. Bei 28 Prozent der Schulabgängerinnen und Schulabgänger bestehen demnach bereits bei einfachen Texten erhebliche Verständnisschwierigkeiten.
Lesekompetenz bedeutet dabei mehr, als Wörter flüssig lesen zu können. Wer Texte sicher versteht, muss Informationen entnehmen, Zusammenhänge herstellen, Aussagen bewerten und Inhalte auf neue Situationen übertragen. Diese Fähigkeiten sind nicht nur im Deutsch-Unterricht relevant, sondern auch beim Bearbeiten von Sachaufgaben, beim Verstehen naturwissenschaftlicher Erklärungen oder bei der Einordnung politischer Informationen.
Deutschland zeigt ähnliche Befunde
Auch in Deutschland weisen aktuelle Studien auf eine problematische Entwicklung hin. Die internationale PIAAC-Studie 2023 untersucht die Grundkompetenzen von Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren. Danach verfügen rund 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland über geringe Lesekompetenzen. Im Vergleich zur vorherigen Erhebung ist dieser Anteil von 17 auf 20 Prozent gestiegen.
Die Ergebnisse sind nicht vollständig mit den österreichischen Daten vergleichbar, weil die Studien unterschiedliche Altersgruppen, Definitionen und Testverfahren verwenden. Die Grundtendenz ist jedoch ähnlich: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat Schwierigkeiten, selbst einfache schriftliche Informationen sicher zu erfassen und zu nutzen.
Auch bei Schülerinnen und Schülern zeigt sich Handlungsbedarf. Laut Bildungsbericht "Bildung in Deutschland 2026" verfehlten 15 Prozent der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler den Mindeststandard im Lesen für den Ersten Schulabschluss. Beim Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss lag der Anteil bei rund einem Drittel. Die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 weisen ebenfalls auf einen Rückgang der Lesekompetenz deutscher 15-Jähriger hin.
Soziale Herkunft und digitale Medien
In Österreich wie in Deutschland hängt der Bildungserfolg weiterhin stark mit der sozialen Herkunft zusammen. Der deutsche Bildungsbericht zeigt, dass Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien deutlich häufiger grundlegende Kompetenzanforderungen im Lesen verfehlen. Leseförderung ist daher auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.
Digitale Medien verändern zugleich, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene Informationen aufnehmen. Kurze, visuell aufbereitete Beiträge können einen schnellen Zugang ermöglichen, ersetzen aber nicht automatisch die Fähigkeit, längere und komplexe Texte zu verstehen. Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass Jugendliche digitale Medien zunehmend für Information und Nachrichten nutzen. Schule muss deshalb Leseförderung und Medienbildung stärker miteinander verbinden.
Bedeutung für Ihren Unterrichtsalltag
Fördern Sie das Textverständnis regelmäßig in allen Fächern. Lassen Sie Lernende zentrale Aussagen markieren, Begriffe klären, Schlussfolgerungen formulieren und die Glaubwürdigkeit verschiedener Quellen prüfen. Vergleichen Sie beispielsweise einen längeren Zeitungsartikel mit einem kurzen Beitrag aus sozialen Medien zum gleichen Thema. So lernen Schülerinnen und Schüler, Informationen nicht nur schnell aufzunehmen, sondern sie zu verstehen, einzuordnen und für eigene Entscheidungen zu nutzen. Besonders wirksam sind kurze, wiederkehrende Leseaufgaben statt einzelner großer Fördermaßnahmen.
Informations-, Fortbildungs- und Unterrichtsmaterial zum Thema
- PISA 2025: Was die Ergebnisse für den Unterricht bedeuten
Am 8. September 2026 sollen die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 veröffentlicht werden. Ein Blick auf PISA 2022 zeigt bereits, vor welchen Herausforderungen Schulen stehen:…
- Crossmediales Lesen: Medienkompetenz vermitteln mit der "Bloggerbande"
In diesem Fachartikel zu den Themen "Crossmediales Lesen" und "Medienkompetenz" wird dargelegt, wie sich das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen durch das…
- Kritische Medienreflexion in Schule und Unterricht
Ein Medienkompetenz-Bereich der KMK-Strategie Bildung in der digitalen Welt besteht darin, Schülerinnen und Schüler zu einer kritischen und reflektierten Analyse und Bewertung von Medien in der…
- Leseförderung: Lesen, Verstehen, Malen
Dieses Arbeitsblatt zum Thema Leseförderung verbindet Textliches mit Visuellem, beziehungsweise Lesen mit Malen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Texte zu erfassen und…
- Ganztag, Handyverbot, Digitalpakt: Das ändert sich 2026 im Schulalltag
Von Ganztagsanspruch über Digitalpakt 2.0 bis hin zu neuen Handyregeln: 2026 bringt spürbare Veränderungen für Schulen in ganz Deutschland. Ein Überblick über zentrale…
Aktuelle Bildungsnachrichten direkt auf Ihr Smartphone
Bleiben Sie über wichtige Entwicklungen in Schule und Bildung informiert und abonnieren Sie den WhatsApp-Kanal von Lehrer-Online.
Neue Unterrichtsmaterialien, Unterrichtsideen und weitere Empfehlungen finden Sie alle zwei Wochen in unserem Lehrer-Online-Newsletter.
Quellen
- Österreichischer Rundfunk: Verstehen Sie, was Sie lesen? - https://oe1.orf.at/programm/20260915/844566/Verstehen-Sie-was-Sie-lesen
- Deutsches Institut für Erwachsenenbildung: PIAAC-Studie: Kein Schock, aber auch kein Signal zur Entspannung - https://www.die-bonn.de/institut/wir-ueber-uns/presse/mitteilungen/PIAAC-Studie_kein_Schock_aber_auch_keine_Entspannung
- Universität Hamburg: Literalität von Erwachsenen stabil - OECD publiziert internationale Studie - https://leo.blogs.uni-hamburg.de/literalitaet-von-erwachsenen-stabil-oecd-publiziert-internationale-studie/
- Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2026 - https://www.bildungsbericht.de/
- OECD: PISA-Studie - https://www.oecd.org/pisa/
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2025 - https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2025/

