Gymnasial-Referendare in Baden-Württemberg: Gut ausgebildet, aber ohne Stellen

News
Basis
veröffentlicht am 06.08.2026

Der Philologenverband Baden-Württemberg sieht einen wachsenden Widerspruch: Nach jahrelanger Ausbildung bleiben viele Referendare ohne Einstellung an Gymnasien. Obwohl Unterrichtsausfälle ein Dauerproblem sind, fehlen Perspektiven für den Nachwuchs - und damit auch die Motivation, den Lehrerberuf zu ergreifen.

Das Paradoxon der leeren Stellen

In Baden-Württemberg wird seit Jahren über Lehrkräftemangel diskutiert. Doch für Absolventinnen und Absolventen der Referendariat-Ausbildung an Gymnasien zeigt sich ein paradoxes Bild: Sie sind gut ausgebildet, motiviert und einsatzbereit - doch die Stellenangebote bleiben spärlich. Der Philologenverband (PhV) und die Jungen Philologen (JuPhi) Baden-Württemberg prangern diese Diskrepanz in einer Pressemitteilung vom 23. Juli 2026 an. “Unsere Referendarinnen und Referendare haben eine langwierige, anspruchsvolle Ausbildung hinter sich und stehen bereit, die hohe Qualität an unseren Gymnasien zu sichern. Das aktuelle, spärliche Stellenangebot ist mehr als enttäuschend”, kritisiert Martina Scherer, Landesvorsitzende des PhV BW.

Existenzängste statt Berufsstart

Ein Brandbrief von Referendarinnen und Referendaren aus dem Seminar Stuttgart verdeutlicht die Frustration des Nachwuchses. Nach etwa fünf Jahren Studium und 18 Monaten Referendariat gehen viele angehende Gymnasiallehrkräfte leer aus - ein Schock für Menschen, die einen der anspruchsvollsten Lehrberufe erlernt haben. Maximilian Röhricht, stellvertretender JuPhi-Landesvorsitzender, bringt es auf den Punkt: “Nach den nicht enden wollenden Debatten über den Lehrkräftemangel der vergangenen Jahre werden nun die ambitionierten und hervorragend ausgebildeten Gymnasiallehrkräfte erneut mit unzureichendem Stellenangebot und falschen Versprechungen vor den Kopf gestoßen. Die Folge ist eine Mischung aus Existenzängsten und völliger Frustration.”

Die G9-Umstellung als Ursache

Der Grund für die Stellen-Engpässe liegt in der Umstellung vom achtjährigen (G8) zum neunjährigen Gymnasium (G9). Diese Reform hatte zunächst einen zusätzlichen Lehrkräftebedarf erzeugt. Mit fortschreitendem Übergang entstand nun ein temporärer Überhang. Doch der Philologenverband kritisiert, dass die Landesregierung diesen Übergangszeitraum nicht nutzt, um nachhaltige Verbesserungen in der Unterrichtsqualität zu schaffen.

Willkommenskultur oder leere Worte?

Das Kultusministerium Baden-Württemberg bemüht sich zwar, das Einstellungsverfahren benutzerfreundlicher zu gestalten und auch das Bewerbungsverhalten junger Lehrkräfte zu erforschen - der PhV BW begrüßt diesen modernen Ansatz. Allerdings zeigen sich auch hier Grenzen: Das geplante Nachbarbundesländerverfahren, das flexiblere Stellenvergaben ermöglicht hätte, scheiterte in diesem Jahr an fehlender Zustimmung anderer Bundesländer. Der PhV BW folgert: “Wir müssen im eigenen Land unsere Hausaufgaben machen.”

Forderungen für eine bessere Zukunft

Der Verband fordert konkrete Maßnahmen: Eine Lehrkräfteversorgung von 115 Prozent würde Schulleitungen ermöglichen, zusätzliche Stellen für pädagogisch sinnvolle Maßnahmen wie Förderklassen, Arbeitsgemeinschaften oder Klassenteilungen einzusetzen. Hierfür wäre eine Änderung des Organisationserlasses erforderlich. Allerdings weist der PhV BW darauf hin, dass auch die Schulverwaltungsprogramme ASV und UPM entsprechend modernisiert werden müssen - derzeit sind diese Systeme zu unflexibel.

Fluktuation und Motivationsverlust

Ein weiteres Problem kommt erschwerend hinzu: Viele Studienabsolventinnen und -absolventen treten das Referendariat gar nicht erst an - sie weichen in andere Berufe aus. Bis zu 40 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber verzichten auf den Vorbereitungsdienst, weil die Perspektiven unklar sind. Diese Fluktuation verschärft die Gesamtsituation zusätzlich.

ANZEIGE