DPhV- und Lehrer-Online-Umfrage zeigt hohe Belastung von Lehrkräften

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veröffentlicht am 04.08.2026

Umfrage von DPhV und Lehrer-Online: Mehr als jede dritte Lehrkraft hat Schwierigkeiten, Beruf und Privatleben zu trennen. 92 Prozent sehen die Ursache ihrer Arbeitsbelastung im System. DPhV fordert Absenkung der Pflichtstunden und dienstrechtlich abgesicherte Entlastungsregelungen

Berlin, 4. August 2026 – Mehr als jede dritte Lehrkraft (38 Prozent) hat Schwierigkeiten, Berufs- und Privatleben zu trennen – das zeigt eine bundesweite Umfrage des Deutschen Philologenverbands (DPhV) und des Bildungsportals www.lehrer-online.de zur Gesundheit von Lehrkräften, die insgesamt eine hohe gesundheitliche Belastung der Lehrkräfte durch berufliche Überlastung belegt. Die Ergebnisse zeigen dabei eine Mehrfachbelastung auf mehreren Ebenen zugleich: auf der Beziehungsebene (Schülerverhalten, Heterogenität), auf Systemebene (Bürokratie, Rahmenbedingungen) und auf persönlicher Ebene (fehlende Abgrenzung).

Größter Einzelfaktor ist dabei herausforderndes Schülerverhalten: Fast jede zweite Lehrkraft (45 Prozent) nennt es als zentralen Stressor – Ergebnisse, die sich mit dem kürzlich veröffentlichten Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung decken. Daneben sind laut Umfrage des DPhV und Lehrer-Online für 39 Prozent der Lehrkräfte administrative und organisatorische Aufgaben, für 25 Prozent die Heterogenität der Lerngruppen, für 23 Prozent Lärmbelastung und das Fehlen von Ruheräumen sowie für 21 Prozent mangelnde Pausen die zentrale Belastung. Ein Ergebnis verdient dabei besondere Aufmerksamkeit: Nur 8 Prozent der Lehrkräfte führen ihre Belastung auf das eigene Classroom Management zurück – im Umkehrschluss sehen 92 Prozent die Gründe in den strukturellen und systemischen Rahmenbedingungen ihres Berufsalltags und einer quantitativen Überlastung zum Beispiel durch Zusatzaufgaben, überbordende Verwaltung, Führungs- und Teamdynamiken oder Korrekturbelastungen.

DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing: "Unsere Lehrkräfte leisten im Klassenzimmer jeden Tag mehr, als ihnen selbst guttut. Das ist kein individuelles Erschöpfungsproblem – sie arbeiten in einem System, das sich seit Jahren auf dem übergroßen Einsatz Einzelner ausruht, statt alle Schulen flächendeckend verlässlich abzusichern."

Auch bei der Frage nach gewünschter Unterstützung wird deutlich, dass es den Lehrkräften nicht in erster Linie um mehr Resilienz beziehungsweise Selbstoptimierung geht: 56 Prozent wünschen sich konkrete Techniken, um im Berufsalltag klarer Grenzen setzen zu können, 46 Prozent brauchen mehr Sicherheit in der Kommunikation bei Konflikten. 37 Prozent der Lehrkräfte würden gern Techniken zu Achtsamkeit und Entspannung erlernen oder vertiefen, 31 Prozent zu Zeitmanagement. Aus den Freitextantworten der Umfrage geht hervor, dass sich Grenzsetzung und „Nein“-Sagen häufig auf Schulleitung und Eltern beziehen – ein Hinweis darauf, dass Lehrkräfte vor allem handlungsfähiger gegenüber äußeren Anforderungen werden wollen, nicht nur innerlich noch belastbarer.

Lin-Klitzing warnt vor den Folgen, wenn diese Belastungen politisch weiter ignoriert werden: "Wenn wir Lehrkräfte weiter bis an die Belastungsgrenze arbeiten lassen, ohne sie zu entlasten, verlieren wir sie – durch Krankheit, durch Frühpensionierung, durch innere Kündigung. Jede Lehrkraft, die gesundheitsbedingt ausfällt, bedeutet mehr Unterrichtsausfall, mehr Druck auf die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen und am Ende eine Abwärtsspirale, die sich die Politik beim derzeitigen Lehrkräftemangel nicht leisten kann. Das ist kein Randthema für spätere Zeiten. Das ist ein akutes Risiko für die Unterrichtsversorgung in diesem Land."

Auch beim Format der Unterstützung äußern die Lehrkräfte klare Präferenzen: 47 Prozent wünschen sich täglich kurze Impulse, um Selbstfürsorge dauerhaft in den Schulalltag zu integrieren, 36 Prozent ein alltagsbegleitendes Mentoring-Programm und 28 Prozent einen regelmäßigen Peer-to-Peer-Austausch. Klassische Intensiv-Workshop-Formate bleiben dabei ebenfalls gefragt: 24 Prozent interessieren sich für ein eintägiges, 17 Prozent für ein mehrtägiges Format. Sie wirken aus Sicht der Lehrkräfte aber vor allem dann nachhaltig, wenn sie durch kurze, alltagsbegleitende Formate ergänzt werden, die das Gelernte auch nach dem Workshop im Kollegium lebendig halten.

Dr. Silvie Kruse, Bereichsleiterin Lehrer-Online: "Die Ergebnisse zeigen: Lehrkräfte wollen den fundierten Impuls in Workshops sowie die Begleitung im Alltag danach. Ein guter Fortbildungstag legt die Grundlage, aber damit diese im stressigen Schulalltag wirklich trägt, braucht es kurze, wiederkehrende Formate und den strukturierten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen."

Der DPhV fordert die Bildungsminister und -ministerinnen deshalb auf:

  • Lehrkräfte durch eine spürbare Absenkung des Stundendeputats sowie durch ausreichend Fachkräfte aus Schulpsychologie, Schulsozialarbeit und Verwaltung an jeder Schule von Aufgaben zu entlasten, die nicht zu ihren Kernaufgaben gehören,
  • funktionale Rückzugsräume in jeder Schule und neu in Schulbaurichtlinien vorzusehen,
  • tatsächliche Pausen- und Ruhezeiten im Schulalltag zu ermöglichen,
  • alltagsintegrierte, niedrigschwellige Unterstützungs- und Mentoring-Formate flächendeckend durchzuführen und dauerhaft zu finanzieren – ergänzt durch qualitativ hochwertige Fortbildungsangebote – sowie
  • klare, dienstrechtlich abgesicherte Regelungen zur Erreichbarkeit und Abgrenzung von Lehrkräften gegenüber Schulleitung und Elternhaus zu schaffen.

"Lehrkräfte müssen nicht lernen, sich selbst noch mehr zu optimieren. Wir brauchen ein System, das sie endlich als Berufsgruppe stärker unterstützt und nicht länger übergroße Lasten tragen lässt. Die Zahlen liegen auf dem Tisch – jetzt muss die Politik in den Ländern liefern, bevor uns noch mehr gute Lehrkräfte gesundheitsbedingt verloren gehen", bilanziert Lin-Klitzing.

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