So sieht die neue Lehrerausbildung in Schleswig-Holstein aus: Direkteinstieg ab Bachelor

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veröffentlicht am 19.06.2026

Schleswig-Holstein erlaubt künftig auch Bachelorabsolventinnen und -absolventen, direkt an Grundschulen und Gemeinschaftsschulen zu unterrichten, ohne abgeschlossenes Referendariat. Was Lehrkräfte und Bewerbende über das neue Modell wissen sollten.

Ein neuer Weg ins Klassenzimmer: Der Bachelor-Direkteinstieg

Der Lehrermangel zwingt die Bundesländer zu innovativen Lösungen. Schleswig-Holstein beschritt nun einen besonderen Weg: Das Bundesland führt den Direkteinstieg für Grund- und Gemeinschaftsschulen ein. Das bedeutet: Menschen mit einem geeigneten Bachelorabschluss können künftig sofort ins Klassenzimmer gehen. Sie müssen vorher nicht das vollständige Referendariat absolvieren.

Die Novelle des Lehrkräftebildungsgesetzes wurde mit den Stimmen von CDU und Grünen im Landtag beschlossen. Sie schafft damit eine Option, die es in Schleswig-Holstein bislang nur an berufsbildenden Schulen gab. Doch diese Regelung kommt mit Bedingungen. Der Direkteinstieg soll 'nur als nachrangige Option' genutzt werden, betont Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU). Das heißt konkret: Eine freie Stelle kann erst nach zweimaligem erfolglosem Ausschreibungsverfahren mit einer Direkteinsteigerin oder einem Direkteinsteiger besetzt werden. Die Stelle muss zudem zuvor nicht besetzt werden können – weder durch eine vollständig ausgebildete Lehrkraft noch durch den klassischen Quereinstieg.

Qualifizierung läuft parallel zum Unterrichten

Anders als beim klassischen Referendariat entfallen für Direkteinsteigerinnen und -einsteiger die anderthalb Jahre Vorbereitungsdienst, in denen sie noch nicht unterrichten. Stattdessen arbeiten sie von Anfang an als Lehrkräfte an der Schule und erhalten eine begleitende, fünfjährige Qualifizierungsphase.

Diese Qualifizierung ist nicht zu unterschätzen. In den ersten sechs Monaten müssen Direkteinsteigerinnen und -einsteiger an speziellen Veranstaltungen teilnehmen, um ihre pädagogisch-didaktischen Kompetenzen auszubauen. Während der gesamten fünfjährigen Phase steht ihnen zudem eine Ausbildungsberatung zur Verfügung. Das Modell sieht damit vor, dass pädagogische Grundlagen berufsbegleitend, parallel zur realen Arbeit im Klassenzimmer, erworben werden.

Ein deutlicher Unterschied zur klassischen Ausbildung

Das klassische Modell in Deutschland folgt einer bewährten Struktur: Bachelor-Studium (drei Jahre), Master-Studium (zwei Jahre), Referendariat (circa anderthalb Jahre). Für Lehrkräfte mit Referendariat liegt damit die Gesamtausbildungszeit bei etwa sechs bis sieben Jahren.

Beim Direkteinstieg in Schleswig-Holstein entfallen diese Phasen teilweise. Das hat auch Konsequenzen bei der Besoldung. Direkteinsteigerinnen und -einsteiger werden der Besoldungsgruppe A12 zugeordnet, nicht wie vollständig ausgebildete Lehrkräfte der Gruppe A13. Das bedeutet ein niedrigeres Gehalt und dies kann sich später auch auf die Pension auswirken. Wer später in ein anderes Bundesland wechselt, muss damit rechnen, dass die Direkteinstiegs-Qualifizierung nicht anerkannt wird, da sie ein reines Schleswig-Holstein-Zertifikat ist.

Kritik von Gewerkschaften und Opposition

Die Maßnahme ist umstritten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht von einer 'Dequalifizierung des Lehrerberufs'. GEW-Co-Landesvorsitzende Kerstin Quellmann betont: 'Lehrkräfte üben einen anspruchsvollen und komplexen Beruf aus.' Die klassische Ausbildung mit Bachelor-, Master-Studium und Referendariat sei notwendig und daran sollte nicht gerüttelt werden.

Auch die Oppositionsfraktionen äußern Bedenken. SPD-Abgeordneter Martin Habersaat warnt vor einer 'Zwei-Klassen-Gesellschaft im Lehrerzimmer': Vollständig ausgebildete Lehrkräfte würden neben Bachelor-Direkteinsteigerinnen und -einsteigern arbeiten, mit unterschiedlicher Ausbildung, Besoldung und Anerkennung. Dieses Modell entspreche nicht der Idee von multiprofessionellen Teams an Schulen, bei denen unterschiedliche Professionen zusammenarbeiten, nicht aber unterschiedlich gut ausgebildete Lehrkräfte desselben Faches.

Chancen und Fragen für Bewerberinnen und Bewerber

Für Absolventinnen und Absolventen mit Bachelorabschluss könnte der Direkteinstieg dennoch attraktiv sein:

  • Schnellerer Berufseinstieg: Statt vier bis sieben Jahren bis zur regulären Anstellung dauert es deutlich kürzer.
  • Berufseinstiegsgehalt: Mit dem direkten Unterrichtseinsatz erhält man sofort ein Angestelltengehalt (A12), nicht nur eine Referendarausbildungsvergütung.
  • Praxisorientierung: Die Qualifizierung erfolgt direkt an der Schule, nicht im theoretischen Lehrplan.

Allerdings sind auch kritische Fragen berechtigt:

  • Sind fünf Jahre begleitende Qualifizierung während der Vollzeitarbeit ausreichend?
  • Wie wird die Belastung für Direkteinsteigerinnen und -einsteiger, die ohne vollständige theoretische Vorbereitung unterrichten?
  • Welche Unterstützung erhalten sie im Schulalltag?

Ein bundesweiter Trend – mit unterschiedlichen Wegen

Schleswig-Holsteins Schritt ist nicht isoliert. Bundesweit wird an flexibleren Zugangswegen zum Lehrerberuf experimentiert. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat bereits Rahmenvereinbarungen für verschiedene Qualifizierungspfade beschlossen. Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg bieten ebenfalls Direkteinstieg an, allerdings meist nur für berufsbildende Schulen.

Schleswig-Holsteins Weg, dies auch an Grund- und Gemeinschaftsschulen zu ermöglichen, ist relativ neu. Ob sich das Modell bewährt und als Vorbild für andere Länder dient, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Für die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Schulleitungen werden diese Erfahrungen entscheidend sein.

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