Das Vertrauen der Bürger sinkt - Was das für Schulen und Lehrkräfte bedeutet
Die neueste Bürgerbefragung des Beamtenbundes offenbart ein historisches Tief beim Vertrauen in den Staat. Für Lehrkräfte hat das konkrete Folgen: Weniger Ressourcen, höhere Erwartungen, aber auch wachsende Chancen durch Digitalisierung und Verwaltungsvereinfachung.
Systemkrise: Wenn das Vertrauen wegbricht
Nur noch 17 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger trauen dem Staat zu, seine Aufgaben erfüllen zu können. 79 Prozent sehen den Staat als überfordert - ein historisches Tief seit Beginn der regelmäßigen dbb-Bürgerbefragung 2019, als noch 34 Prozent Vertrauen hatten. Besonders besorgniserregend: Bei jüngeren Menschen (18-44 Jahre) trauen nur 13-14 Prozent dem Staat zu, die Dinge in den Griff zu bekommen.
Doch hier liegt auch eine Chance für Lehrkräfte. Denn die Befragten unterscheiden deutlich: Während das Vertrauen in die Systemleistung schrumpft, bleibt das Ansehen der Beschäftigten im öffentlichen Dienst hoch. Lehrkräfte genießen großes Vertrauen als verlässliche Fachleute - ähnlich wie Feuerwehrleute, Ärzte und Pflegekräfte. Die Botschaft der Bevölkerung lautet: Nicht die Menschen sind das Problem - die Systeme sind es.
Was Lehrkräfte überfordert: Prioritäten der Bevölkerung
Innerhalb der Bildungspolitik zeigt sich ein differenziertes Bild. 14 Prozent der Befragten meinen, der Staat sei bei der Schul- und Bildungspolitik überfordert. Das mag niedrig klingen, aber es verdeckt die Realität an den Schulen: Lehrkräfte berichten von Personalengpässen, fehlender Ausstattung und einer wachsenden administrativen Last.
Interessanter ist die Verschiebung der Problemwahrnehmung insgesamt. Während Asyl- und Flüchtlingspolitik 2024/2025 noch als zentrale Überforderung galt (30 Prozent), ist dieser Anteil 2026 auf 16 Prozent gefallen. Stattdessen rücken soziale Sicherungssysteme und Rentenpolitik in den Fokus (26 Prozent, plus 10 Prozentpunkte). Auch Steuer- und Finanzpolitik (18 Prozent) und soziale Gerechtigkeit (14 Prozent) werden stärker als Staatsprobleme wahrgenommen.
Das hat Auswirkungen auf Schulbudgets: Wenn die Finanzpolitik in der öffentlichen Kritik steht, wird es schwerer, für Schulen zu kämpfen.
Die zentrale Forderung: Weniger Bürokratie, mehr Zeit für Unterricht
Die Bürgerinnen und Bürger haben eine klare Botschaft an die Verwaltung - und damit auch an Schulverwaltungen: Verringerung und Vereinfachung von Vorschriften sowie deutlich kürzere Bearbeitungszeiten.
Das ist für Lehrkräfte unmittelbar relevant. Schulverwaltungen sind oft Quellen von Papierflut: Genehmigungsverfahren für Klassenfahrten, Berichte an die Schulaufsicht, Dokumentation von Fördermaßnahmen, Personalverwaltung, Schülerdaten. Eine Vereinfachung dieser Prozesse würde Lehrkräfte von administrativen Aufgaben entlasten und ihnen mehr Zeit für ihr Kerngeschäft - Unterrichten und die Unterstützung von Lernenden - geben.
Besonders vielversprechend ist die wachsende Forderung nach digitalen Behördenleistungen. Das Potenzial liegt auf der Hand: digitale Schülerverwaltung statt Papierakten, automatisierte Genehmigungsverfahren, digitale Personalakten für Lehrkräfte und digitale Kommunikation mit der Schulaufsicht.
Digitalisierung: Die Hoffnung - und ihre Hürden
Eine knappe Mehrheit der Befragten erhofft sich von Digitalisierung eine Verbesserung der staatlichen Leistungsfähigkeit. Allerdings wird der aktuelle Stand der Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung eher verhalten beurteilt. Als Hauptgründe nennen Bürgerinnen und Bürger mangelnde Kooperation zwischen föderalen Ebenen (Bund, Länder, Kommunen) und zu hohe Datenschutzanforderungen.
Für Schulen bedeutet das: Die dezentrale Struktur des deutschen Schulsystems wird zur Bremse. Während der DigitalPakt Schule Mittel für Geräte und Infrastruktur bereitgestellt hat, fehlt oft eine einheitliche digitale Verwaltungsstruktur. Bundesweit unterschiedliche Lösungen führen zu Inkompatibilität und zusätzlicher Arbeit für Lehrkräfte, die in verschiedenen Bundesländern oder über Wechsel mit unterschiedlichen Systemen arbeiten müssen.
Dem neu gegründeten Digitalministerium traut derzeit nur ein Fünftel der Bevölkerung zu, in den nächsten Jahren spürbare Fortschritte zu erzielen. Das ist ein Weckruf: Digitalisierung braucht nicht nur Geld, sondern auch Koordination, klare Standards und das Vertrauen der Nutzenden - also auch der Lehrkräfte.
Für die Unterrichtspraxis: Botschaften und Chancen
Die Befragung zeigt, dass Lehrkräfte in einem Spannungsfeld arbeiten:
Einerseits erleben sie täglich die Systemüberforderung: übervolle Klassen, mangelnde Ressourcen, Papierflut, fehlende Digitalisierung. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Staat sinkt, und Schulbudgets werden unter Druck geraten.
Andererseits bleibt das persönliche Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Lehrkräfte als Fachleute und zuverlässige Personen hoch. Das ist ein wertvoll Gut - und eine Verantwortung: Lehrkräfte sind oft die Schnittstelle zwischen überforderten Systemen und Lernenden, die ein stabiles Umfeld brauchen.
Drittens eröffnen sich konkrete Chancen: Die Forderung nach Vereinfachung und Digitalisierung ist nicht neu, aber die Dringlichkeit steigt. Schulen, die Lehrkräfte von Verwaltungsarbeit entlasten (durch digitale Lösungen, Vereinfachung von Prozessen, Unterstützung durch Schulsekretariate), werden attraktiver und ihre Lehrkräfte produktiver - nicht zuletzt weil mehr Zeit für die Arbeit mit Lernenden bleibt.
Die Botschaft: Es ist Zeit, in Schulverwaltung und digitale Infrastruktur zu investieren - nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit für ein funktionierendes Schulsystem.
Externe Links
- dbb beamtenbund und tarifunion / forsa: dbb Bürgerbefragung Öffentlicher Dienst 2026
Repräsentative Befragung von über 2.000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern (Juli 2026) zur Wahrnehmung des öffentlichen Dienstes.
- Statistisches Bundesamt: Lebenslagenbefragung zur Zufriedenheit mit der öffentlichen Verwaltung
Kontinuierliche Befragung zu Zufriedenheit mit Behördendienstleistungen in konkreten Lebenslagen. Erfasst konkrete Faktoren wie Informationsklarheit, Verfahrensdauer und Service-Qualität - relevant für die Analyse von Verwaltungshürden, denen auch Schulen und Lehrkräfte ausgesetzt sind.
- BMBF / Bundesländer: DigitalPakt Schule und DigitalPakt 2.0Bundesprogramm mit Milliardeninvestitionen zur Digitalisierung von Schulen. Zeigt Maßnahmen und Fortschritt bei der digitalen Ausstattung - im Kontext der Bürgerforderung nach digitalen Behördenleistungen und der Chance, Schulverwaltung zu modernisieren.
