Vorurteile und Integrationsprobleme

Die abfälligen Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Nitzsche machten es wieder einmal deutlich: Gegenüber Muslimen gibt es in Deutschland viele Vorurteile. Sie entstehen durch Unkenntnis und mangelnde Aufgeschlossenheit, aber auch durch Integrationsprobleme.

Der Fall Nitzsche

Hetze gegen Muslime

Henry Nitzsche, ein CDU-Hinterbänkler im Bundestag, sorgte im Herbst für große Aufregung. Eher würde einem Moslem die Hand abfaulen, als dass er CDU wähle - so abfällig äußerte sich der sächsische Bundestagsabgeordnete in einem Interview. Damit handelte sich der Politiker mächtigen Ärger ein. Man solle ihn aus dem Bundestag entfernen, forderten Politiker anderer Parteien. Die CDU-Chefin Angela Merkel sorgte schließlich dafür, dass er sich offiziell für seine Worte entschuldigte.

Muslime in der CDU

Die umstrittenen Äußerungen sind ein gewichtiges Beispiel dafür, wie sehr Moslems in Deutschland als Fremdkörper betrachtet und wie abwertend sie mitunter behandelt werden. So unpassend Nitzsches Wortwahl war, so dumm war auch die Aussage des Volksvertreters. Denn viele Moslems sind sogar Mitglieder in der CDU, wie der sächsische Abgeordnete eigentlich hätte wissen müssen: In einem "deutsch-türkischen Forum in der CDU" haben sich zum Beispiel türkischstämmige Unionsmitglieder zusammengeschlossen - sie leben und arbeiten in Deutschland und sehen in der CDU die beste Vertretung ihrer Interessen.

Muslimische Abgeordnete im Bundestag

Im Bundestag gibt es übrigens auch muslimische Volksvertreter. Die Kölner Abgeordnete Dr. Lale Akgün (SPD) wurde in Istanbul geboren und kam als Neunjährige in die Bundesrepublik Deutschland. Ekin Deligöz (Bündnis 90/Grüne) wurde ebenfalls in der Türkei geboren und ist seit ihrem 26. Lebensjahr deutsche Staatsbürgerin.

Das Zusammenleben in Deutschland

Integration mit Kopftuch?

Der Fall des Abgeordneten Nitzsche ist nur ein Beispiel dafür, wie schwierig sich das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland gestaltet. Über drei Millionen Muslime leben in der Bundesrepublik, viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Im täglichen Leben begegnen sie aber vielen Vorurteilen, denn ihre Lebensweise erscheint vielen ihrer Mitbürger als fremd und schwer verständlich. Besonders das Islam: Die Bedeutung des Kopftuchs/Schleiers gehört zu den Stereotypen, die das Islam-Bild in Deutschland prägen, und ist damit durchaus ein Symbol für die problematische Integration der Muslime in unserem Land.

Unterschiedliche Positionen

Einige islamische Gruppen betonen die Kopftuch-Pflicht in besonderer Weise, während es für andere islamische Glaubensrichtungen weniger wichtig ist. Millionen Musliminnen, die sich als durchaus religiös bezeichnen, lehnen es ab, das Tuch zu tragen. Auch viele muslimische Frauen in Deutschland sehen das Tuch nicht als Symbol ihrer Würde, sondern als hinderlich im täglichen Zusammenleben mit ihren nicht-islamischen Nachbarn. Denn selbst wenn seine Trägerin seit Jahren mit deutschem Personalausweis in Deutschland lebt, das Kopftuch betont als äußerlich weithin sichtbares Symbol die religiöse Ausrichtung seiner Trägerin - und das weckt bei vielen Deutschen Vorbehalte.

Ghettobildung in Großstädten

Die sprachliche Integration für die Migrantinnen und Migranten ist eine weitere große Hürde. Im Laufe der letzten Jahre bildeten sich in einigen Großstädten so genannte "Ghettos". Das sind ganze Viertel, in denen hauptsächlich Menschen wohnen, die aus dem Ausland stammen. So finden sich in Großstädten Stadtteile, in denen hauptsächlich türkischstämmige Bürgerinnen und Bürger wohnen und arbeiten. Da sie in ihrem Viertel "unter sich" bleiben und in ihrer Sprache alle Besorgungen erledigen können, haben sie kaum einen Grund, richtig Deutsch zu lernen - und kommen noch weniger mit deutschen Nicht-Muslimen in Berührung. So entfernen sich Muslime und Nicht-Muslime zusehends voneinander - und auf beiden Seiten entstehen Vorurteile. Obwohl sich der Lebensstandard bei Deutschen und den hier lebenden Menschen mit ausländischen Wurzeln zwischen 1985 und 2000 angenähert hat, empfinden viele Deutschland nicht als Heimat, am wenigsten diejenigen türkischer Herkunft (so eine aktuelle Studie von Dr. Wilhelm Hinrichs vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung).

Probleme in Schule und Beruf

Ein weiteres Problem ist die Integration in das Berufsleben. Je schlechter die Kenntnisse der deutschen Sprache sind, umso mehr Probleme haben ausländische Kinder und Jugendliche, dem normalen Schulunterricht zu folgen. Dabei haben die Lehrerinnen und Lehrer oft nicht die Zeit, sich besonders intensiv um ausländische Kinder zu kümmern und mit ihnen die deutsche Sprache zu üben. So bleiben sie nicht selten auf der Strecke, brechen die Schule ohne Abschluss ab und haben unter diesen Umständen so gut wie keine Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Es sind häufig diese Kinder und Jugendliche, die ohne Aussicht auf ein "normales" Leben straffällig werden und so das weit verbreitete Vorurteil vom "kriminellen Ausländer" bestätigen. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung haben beispielsweise 42,5 Prozent der Ausländerinnen und Ausländer (allerdings nicht allein die muslimischen), die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, keine Berufsausbildung. Bei den Deutschen derselben Altersgruppe lag der Anteil dagegen bei nur 5,7 Prozent.

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W. Bauchhenß und M. Bornkessel

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