Lehrermangel in Deutschland - aktuelle Lage und Auswirkungen auf den Unterricht
Der Lehrermangel bleibt ein kritisches Problem an deutschen Schulen. Tausende Stellen sind unbesetzt, Lehrkräfte berichten von Mehrarbeit und vergrößerten Klassen. Die aktuelle Situation belastet nicht nur die Pädagoginnen und Pädagogen, sondern gefährdet auch die Unterrichtsqualität und die Chancengerechtigkeit der Schülerinnen und Schüler.
Ein systemisches Problem mit Bundesländer-Unterschieden
Der Lehrermangel ist kein lokales, sondern ein bundesweit großes Problem. Es zeigen sich jedoch erhebliche regionale Unterschiede. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern ist der Mangel an Fachkräften groß, doch auch in westlichen Ländern ist es schwierig, die offenen Stellen zu besetzen. In Nordrhein-Westfalen entfallen allein mehr als 3.500 unbesetzter Stellen auf die Schulen in den Kommunen des Regionalverbands Ruhr. Schätzungen zufolge fehlen bundesweit aktuell rund 14.500 Vollzeitstellen für Lehrkräfte.
Besonders dramatisch ist die Situation in Berlin, wo zum Schuljahresbeginn 2025/26 nur etwa ein Viertel der neu eingestellten Personen voll ausgebildete Lehrkräfte sind. Die Hälfte verfügt über ein abgeschlossenes Lehramtsstudium, rund 15 Prozent sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Der Bedarf an Lehrkräften liegt in Berlin bei rund 4.100 Vollzeitstellen, jedoch wird dieser nicht gedeckt.
Wachsende Schülerzahlen verschärfen die Krise
Die Problematik wird durch demografische Entwicklungen zusätzlich verschärft. Die Schülerzahl in Deutschland soll nach Berechnungen der Bildungsministerkonferenz bis zum Jahr 2032 um beinahe 600.000 anwachsen - von rund 11,2 Millionen im letzten Jahr auf knapp 11,8 Millionen im Jahr 2032. Dies entspricht etwa 24.000 zusätzlichen Klassen oder fast 1.200 neuen Schulen, die umgerechnet notwendig wären.
Die Auswirkungen sind regional unterschiedlich: In westdeutschen Flächenländern wird der Höchststand der Schülerzahlen erst 2033 erreicht. Ein Plus von fast acht Prozent gegenüber 2024. Grundschulen sind zeitlich versetzt betroffen und schrumpfen bis 2040 um rund neun Prozent, während die Sekundarstufe II um fast zehn Prozent wächst.
Notmaßnahmen an den Schulen
Um die Unterrichtsversorgung aufrechtzuerhalten, ergreifen Schulen zunehmend Notmaßnahmen. Lehrkräfte leisten Mehrarbeit, Klassen werden vergrößert und Wahlfächer sowie Arbeitsgemeinschaften entfallen. In einigen Bundesländern wie Brandenburg wird sogar Fernunterricht geprüft, um Unterrichtsausfälle zu vermeiden. Hier arbeiten Oberstufenzentren mit Kameras, Bildschirmen und stabilen Internetverbindungen, sodass eine Lehrkraft zwei parallel stattfindende Klassen unterrichten kann.
Quer- und Seiteneinstieg als Dauerlösung?
Der Anteil von Quer- und Seiteneinsteigern an den deutschen Schulen steigt kontinuierlich. Im Schuljahr 2023/24 hatten 10,5 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen keine anerkannte Lehramtsprüfung abgelegt. Das sind rund 77.600 von insgesamt 739.500 Lehrkräften. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt erfolgte 2024 fast jede zweite Einstellung an Schulen mit Personen, die keine formale Ausbildung für das Lehramt besaßen.
Während Quereinsteigende von einem einschlägigen Fachstudium profitieren und berufsbegleitend weiterqualifiziert werden, stellt sich die Frage, ob diese Lösung nachhaltig ist. Lehrkräfte im Quer- und Seiteneinstieg benötigen zusätzliche Unterstützung und Fortbildungen, um den pädagogischen Anforderungen gerecht zu werden.
Besonders kritisch: MINT-Fächer
Auch bei den Unterrichtsfächern zeigen sich Engpässe. Lehrkräfte fehlen an weiterführenden Schulen besonders in den MINT-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Diese Mangelfächer sind essentiell für die technologische und wirtschaftliche Zukunft Deutschlands, weshalb der Mangel auch gesellschaftlich relevant ist.
Folgen für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte
Die Auswirkungen des Lehrermangels sind vielfältig und weitreichend. Für zwei Drittel der Schulleiterinnen und Schulleiter ist das fehlende pädagogische Personal die größte Herausforderung im Schulsystem. Schülerinnen und Schüler erleben Unterrichtsausfälle, verringertes Angebot an Wahlkursen und weniger individuelle Förderung. Gleichzeitig berichten Lehrkräfte von hoher Arbeitsbelastung, Burnout-Symptomen und unbezahlten Überstunden. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Hessen Jahr für Jahr rund drei Millionen Überstunden von Lehrkräften anfallen - unbezahlt.
Ausblick und erforderliche Maßnahmen
Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz werden bis 2035 etwa 49.000 ausgebildete Lehrkräfte fehlen, um alle offenen Stellen zu besetzen. Die Ursachen liegen in der unzureichenden Ausbildungskapazität, im Eintritt von Lehrkräften in den Ruhestand und in der gestiegenen Teilzeitquote. Im Schuljahr 2023/24 arbeiteten 43,1 Prozent aller Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen in Teilzeit - ein neuer Höchststand.
Zur Bewältigung dieser Krise sind langfristige Lösungen notwendig: bessere Ausbildungskapazitäten, attraktivere Arbeitsbedingungen, die Gewinnung internationaler Lehrkräfte, multiprofessionelle Teams zur Entlastung der Lehrkräfte sowie eine länderübergreifende Koordination der Lehrkräfteplanung. Die Kultusministerkonferenz und die Länder haben mit verschiedenen Maßnahmen, von Zulagen für Mangelfächer über Abordnungen in unterversorgte Regionen bis hin zu dualen Lehramtsstudien begonnen, gegenzusteuern. Ob diese Maßnahmen ausreichen, bleibt abzuwarten.