GfdS wählt "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016

veröffentlicht am 12.12.2016

Die Wörter des Jahres 2016 wurden am 9. Dezember 2016 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt gegeben.

Wie in den vergangenen Jahren wählte die Jury, die sich aus dem Hauptvorstand der Gesellschaft sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammensetzt, aus diesmal rund 2.000 Belegen jene zehn Wörter und Wendungen, die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben.

Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz beziehungsweise Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund: Auf diese Weise stellen die Wörter eine sprachliche Jahreschronik dar, sind dabei jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.

Die Wörter des Jahres 2016

Die Rangliste

1. postfaktisch
2. Brexit
3. Silvesternacht
4. Schmähkritik
5. Trump-Effekt
6. Social Bots
7. schlechtes Blut
8. Gruselclown
9. Burkiniverbot
10. Oh, wie schön ist Panama

Erklärung der Jury

Das Wort des Jahres 2016 ist postfaktisch. Diese Entscheidung traf eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. Sie richtet damit das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen "die da oben" bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der "gefühlten Wahrheit" führt im "postfaktischen Zeitalter" zum Erfolg.

Auf Platz 2 wählte die Jury Brexit. Das Ergebnis des Referendums über den Verbleib Großbritanniens in der EU, das am 23. Juni stattfand, war ein Triumph postfaktischer Politik. Mit zum Teil gezielten Fehlinformationen schürten die Befürworter des Austritts den Unmut in der Bevölkerung. Die Wortkreuzung Brexit (Britain + Exit), mit der spätestens seit 2012 ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens bezeichnet worden war, stand 2016 als beherrschender Ausdruck in einer Reihe ähnlicher Wortbildungen. Zum Teil ging es dabei auch um die Frage eines Ausscheidens aus der Eurozone. Kaum noch eine Rolle spielte zwar der 2015 nach mühsamen Verhandlungen abgewendete Grexit (Griechenland), hingegen wurde immer wieder einmal ein möglicher Spexit (Spanien) oder Itexit (Italien) thematisiert. Über einen Frexit wurde für den Fall spekuliert, dass 2017 die Rechtspopulistin Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewänne.

Mit der altbekannten Zusammensetzung Silvesternacht (Platz 3) wurde 2016 eine neue, unerfreuliche Assoziation verbunden. Gemeint waren die sexuellen Übergriffe auf Frauen sowie andere Straftaten, die in der Nacht auf den 1. Januar 2016 in Köln und etlichen anderen Städten von Gruppen junger Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum verübt worden waren. Der Polizei wurde vorgeworfen, sie habe die Lage nicht unter Kontrolle gehabt und habe zunächst verharmlosende Darstellungen der Ausmaße gegeben. Die Vorkommnisse führten zu einer öffentlichen Debatte über das Frauenbild muslimischer Männer und über Verschärfungen des Asylrechts. Eine juristische Aufarbeitung erwies sich in vielen Fällen als schwierig, da eine zweifelsfreie Ermittlung der Täter kaum möglich war.


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