GEW-Studie: Lehrkräftemangel entspannt sich - aber nicht überall
Eine neue Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft prognostiziert bis 2040 sinkende Schülerzahlen und eine mögliche Entlastung beim Lehrkräftemangel. Doch die Gewerkschaft warnt: An vielen Schulformen bleibt der Personalmangel bestehen, und für echte Qualitätsverbesserungen braucht es zehntausende zusätzliche Lehrkräfte.
Neue Studie zeigt: Lehrkräftemangel könnte sich abschwächen
Für Lehrkräfte in Deutschland ist der akute Personalmangel seit Jahren Alltag. Eine neue Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) liefert nun erste Anzeichen für eine mögliche Entlastung - allerdings mit wichtigen Einschränkungen für die Unterrichtspraxis. Die Untersuchung "Lehrkräftebedarf und Lehrkräfteangebot ohne und mit Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung 2026 bis 2040" der Wissenschaftler Kai Eicker-Wolf und Ansgar Klinger prognostiziert, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler zunächst noch leicht auf 11,4 Millionen steigt, bevor sie ab 2028 kontinuierlich auf 10,2 Millionen im Jahr 2040 sinkt.
Grundschulen könnten profitieren, andere Schulformen bleiben belastet
"Beispielsweise an Grundschulen sehen wir für die Zukunft eine mögliche Entspannung", erklärt Studienautor Kai Eicker-Wolf. Ganz anders sieht die Prognose für andere Schulformen aus: An berufsbildenden Schulen, im sonderpädagogischen Bereich und in der Sekundarstufe I, mit Ausnahme der Gymnasien, werde weiterhin ein erheblicher Mangel an Lehrkräften bestehen, ergänzt Ansgar Klinger. Besonders die berufsbildenden Schulen stehen laut Studie vor wachsenden Herausforderungen. Ihre Schülerzahl steigt entgegen dem allgemeinen Trend von aktuell 2,26 Millionen auf 2,4 Millionen, sodass der Lehrkräftebedarf dort ab Ende der 2020er-Jahre weiter zunimmt, obwohl er schon heute nicht gedeckt ist.
GEW-Vorsitzende Maike Finnern bezeichnet die Ergebnisse als "Hoffnungsschimmer", mahnt aber zugleich zur Vorsicht: "Im Moment fehlen Lehrerinnen und Lehrer an allen Ecken. Einfach nur zu warten, dass sich die Situation in der Zukunft möglicherweise durch weniger Schülerinnen und Schüler verbessert, wäre fatal." Sie warnt ausdrücklich davor, die Prognose als Anlass für Kürzungen zu nutzen.
Zusätzliche Lehrkräfte für Ganztag und Inklusion nötig
Rein rechnerisch könnten Anfang der 2030er-Jahre wegen sinkender Schülerzahlen etwa 20.000 Lehrkräfte mehr ihre Ausbildung abschließen, als benötigt würden. Doch dieser scheinbare Überschuss trügt: Allein für politisch gewollte Qualitätsverbesserungen im Ganztag, in der Inklusion und zur Unterstützung von Schulen in herausfordernden sozialen Lagen würden mindestens 60.000 zusätzliche Lehrkräfte benötigt, so Finnern.
Besondere Brisanz erhält dieses Thema durch den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule, der zum 1. August 2026 stufenweise in Kraft tritt. Wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, fehlen bundesweit über 100.000 pädagogische Fachkräfte, um diesen Anspruch flächendeckend und qualitativ hochwertig umzusetzen - vor allem in den westdeutschen Bundesländern. Auch eine Untersuchung des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen weist darauf hin, dass die Vielfalt der Trägermodelle im Ganztag die Umsetzung zusätzlich erschwert und eine engere Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe notwendig macht. Für Lehrkräfte und pädagogisches Personal bedeutet dies schon jetzt spürbare Mehrbelastung in Schulalltag und Betreuung.
Auch der aktuelle nationale Bildungsbericht 2026 unterstreicht, dass strukturelle Probleme im Bildungssystem trotz einzelner Fortschritte bestehen bleiben: Bildungserfolg hängt in Deutschland weiterhin stark von der sozialen Herkunft ab, und rückläufige Kompetenzen etwa in Mathematik zeigen zusätzlichen Handlungsbedarf.
Forderungen an die Bildungspolitik für die Unterrichtspraxis
Die GEW fordert von der Politik eine gezieltere Steuerung von Ausbildung und Einsatz der Lehrkräfte hin zu jenen Schulformen, in denen auch künftig Mangel herrscht. Als konkreten Schritt nennt die Gewerkschaft die Wiedereinführung von Stufenlehrämtern. Zudem brauche es eine transparentere Statistik: Zusatzbedarfe für Inklusion, Ganztag und soziale Unterstützung müssten grundsätzlich in offizielle Vorausberechnungen einfließen. "Wer die Realität ausblendet, betreibt keine vorausschauende Bildungspolitik", so Finnern.
Für Lehrkräfte bedeutet die Studie vor allem eines: Die aktuelle Belastungssituation wird sich kurzfristig nicht von selbst lösen. Wer sich mit den Hintergründen des Lehrkräftemangels und den Debatten um Ganztag und Inklusion beschäftigt, gewinnt jedoch wichtige Argumente für die eigene schulische und bildungspolitische Praxis.
Bedeutung für Ihren Unterrichtsalltag
Für Ihren Schulalltag bedeutet die Studie zunächst: Entlastung ist kein Selbstläufer, sondern abhängig von politischen Entscheidungen der kommenden Jahre. Besonders wenn Sie an einer berufsbildenden Schule, im sonderpädagogischen Bereich oder in der Sekundarstufe I unterrichten, bleibt der Personalmangel ein zentrales Thema für die Personalplanung im Kollegium. Nutzen Sie Gesamtkonferenzen oder Dienstbesprechungen im neuen Schuljahr, um den eigenen Ressourcenbedarf für Inklusion und Ganztag konkret zu benennen und an die Schulleitung beziehungsweise das Schulamt weiterzugeben. Wer sich frühzeitig mit den demografischen Prognosen der eigenen Schulform beschäftigt, kann auch bei der mittelfristigen Fortbildungsplanung und der Einarbeitung von Seiteneinsteigenden gezielter vorgehen.
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Quellen
- Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: GEW: „Ein Hoffnungsschimmer für Verbesserungen an den Schulen" - https://www.gew.de/presse/pressemitteilungen/detailseite/gew-ein-hoffnungsschimmer-fuer-verbesserungen-an-den-schulen
- Kultusministerkonferenz: Lehrkräfteeinstellungsbedarf und -angebot - https://www.kmk.org/downloads-dokumente/statistik/schulstatistik/lehrkraefteeinstellungsbedarf-und-angebot.html
- Kultusministerkonferenz: Gute Einstellungschancen für Lehramtsbewerberinnen und Lehramtsbewerber im Schulsystem - https://www.kmk.org/aktuelles-1/artikelansicht/gute-einstellungschancen-fuer-lehramtsbewerberinnen-und-lehramtsbewerber-im-schulsystem.html
- Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2024 - https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2024
