Mehr Unterrichtszeit als Bildungsreform: Eine Debatte über Lernchancen

News
Basis
veröffentlicht am 03.09.2026

Der ehemalige Hamburger Schulsenator Ties Rabe fordert mehr Unterrichtszeit, um die Leistungen von Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Sein Vorschlag stößt auf eine zentrale Frage: Wie lässt sich zusätzliche Lernzeit schaffen, ohne Lehrkräfte weiter zu belasten?

Die jüngsten Bildungsstudien zeigen deutliche Rückstände bei sprachlichen und mathematischen Kompetenzen. Vor diesem Hintergrund plädiert der ehemalige Hamburger Schulsenator Ties Rabe dafür, die Unterrichtszeit stärker in den Mittelpunkt der bildungspolitischen Debatte zu rücken. Seine These: Zusätzliche Unterrichtsstunden könnten insbesondere in Deutsch und Mathematik einen messbaren Beitrag zur Verbesserung der Leistungen leisten.

Rabe fordert mehr Lernzeit in der Grundschule

Rabe verweist auf das Gutachten "Basale Kompetenzen vermitteln - Bildungschancen sichern" der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Darin wird ein Zusammenhang zwischen zusätzlicher Unterrichtszeit und höheren Fachleistungen beschrieben. Der ehemalige Schulsenator schlägt deshalb vor, allen Grundschulkindern wöchentlich je eine zusätzliche Deutsch- und Mathematikstunde zu geben.

Nach seiner Berechnung würde dies über die vier Grundschuljahre hinweg eine erhebliche Ausweitung der Lernzeit bedeuten. Rabe verbindet den Vorschlag mit dem Ausbau des Ganztags: Wenn Grundschulkinder künftig länger in der Schule betreut werden, könnte ein Teil dieser Zeit auch für zusätzlichen Fachunterricht genutzt werden.

Die Forderung steht jedoch unter einem Vorbehalt. Zusätzliche Stunden lassen sich nur dann dauerhaft umsetzen, wenn dafür ausreichend Lehrkräfte vorhanden sind. Rabe rechnet für zwei zusätzliche Unterrichtsstunden bundesweit mit etwa 11.000 weiteren Vollzeitlehrkräften. Er verweist zugleich auf sinkende Schülerzahlen in den kommenden Jahren und auf Reformen in der Lehrkräftebildung.

Unterrichtszeit ist nicht gleich Arbeitszeit

Für Lehrkräfte bedeutet mehr Unterricht nicht automatisch nur zwei zusätzliche Stunden im Stundenplan. Jede weitere Unterrichtsstunde bringt in der Regel zusätzlichen Aufwand für Vorbereitung, Nachbereitung, Korrekturen, Gespräche und Dokumentation mit sich.

Untersuchungen zur Lehrerarbeitszeit zeigen, dass Lehrkräfte neben dem Unterricht umfangreiche außerunterrichtliche Aufgaben übernehmen. Lehrkräfte mit Leitungsaufgaben kommen laut einer Auswertung des Deutschen Schulportals auf mehr als 53 Wochenstunden; Schulleitungen an Gymnasien auf rund 55 Stunden. Eine Ausweitung der Unterrichtszeit müsste deshalb mit einer realistischen Betrachtung der Gesamtarbeitszeit verbunden werden.

Auch die Deutsche Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft weist darauf hin, dass die Unterrichtsverpflichtung nur einen Teil der Arbeitszeit abbildet. Wie viele Pflichtstunden Lehrkräfte leisten, wird in den Ländern unterschiedlich geregelt.

Mehr Lernzeit braucht gute Rahmenbedingungen

Rabe kritisiert außerdem, dass Unterricht an Schulen mitunter durch organisatorische Abläufe verkürzt oder ersetzt werde. Als Beispiele nennt er Unterrichtsausfall nach Ausflügen, frühe Unterrichtsenden vor Ferien oder Konferenzen sowie Fortbildungen während der Unterrichtszeit.

Für die Unterrichtspraxis stellt sich damit die Frage, wie vorhandene Lernzeit verlässlich genutzt werden kann. Dazu gehören eine stabile Personaldecke, gut geplante Vertretungsregelungen und ausreichend Zeit für die Vorbereitung. Ebenso wichtig ist die Qualität des Unterrichts: Mehr Stunden allein garantieren noch keine besseren Leistungen.

Das Deutsche Schulbarometer 2026 zeigt, dass Lehrkräfte aktuell vor allem durch das Verhalten von Schülerinnen und Schülern, psychische Belastungen und große Leistungsunterschiede gefordert sind. Eine Bildungsreform zur Ausweitung der Unterrichtszeit müsste diese Belastungen berücksichtigen und Schulen durch multiprofessionelle Teams, Fortbildungen und verlässliche Arbeitsbedingungen unterstützen.

Die Debatte über Unterrichtszeit ist deshalb auch eine Debatte über Prioritäten. Zusätzliche Lerngelegenheiten können Kindern helfen, grundlegende Kompetenzen zu entwickeln. Damit sie wirksam werden, müssen sie jedoch pädagogisch sinnvoll gestaltet und personell abgesichert sein.

ANZEIGE