Eltern und Lehrkräfte: Respekt und Partnerschaft – wo es fehlt und was helfen kann
Eine aktuelle Umfrage des Philologenverbandes NRW zeigt: Lehrkräfte vermissen Wertschätzung von Eltern und erleben Zusammenarbeit oft als mühsam. Dabei ist eine gute Partnerschaft zwischen Eltern und Schule entscheidend für den Schulerfolg und eine gemeinsame Aufgabe.
Die Kluft zwischen Klassenzimmer und Küchentisch
„Bei vielen Eltern herrscht Funkstille – bis die Noten nicht stimmen." Mit dieser prägnanten Aussage fasst Sabine Mistler, Landesvorsitzende des Philologenverbandes NRW, das Ergebnis einer umfangreichen Umfrage zusammen. Der Verband befragte rund 1.400 Lehrkräfte überwiegend an nordrhein-westfälischen Gymnasien: Wie nehmen sie die Zusammenarbeit mit Eltern wahr? Was funktioniert, und wo gibt es Probleme?
Die Antworten malen ein differenziertes, aber insgesamt besorgniserregendes Bild. Es geht nicht primär um einzelne Fälle von Respektlosigkeit, sondern um systematische Muster – bei Kommunikation, Verantwortung und gegenseitiger Wertschätzung.
Eltern melden sich – meist nur im Problemfall
83 Prozent der Kontakte entstehen laut Umfrage aus Leistungsproblemen, 56 Prozent aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten. Dagegen entfallen gerade einmal 7 Prozent aller Eltern-Lehrer-Kontakte auf positives Feedback oder Lob. Organisatorische Fragen oder Beratung zur Schullaufbahn sind deutlich weniger Grund für Gespräche.
Das signalisiert ein Problem: Eltern erleben die Schule primär in Krisensituationen. Die Botschaft für Lehrkräfte ist klar: „Ich kümmere mich, wenn etwas schiefgeht – vorher muss ich nicht aktiv werden." Das ist ein anstrengender Modus für beide Seiten.
Eine relevante Minderheit bleibt unsichtbar
Besonders problematisch ist ein Befund zur Partizipation: Etwa ein Viertel der Lehrkräfte berichtet, dass nur wenige oder kaum Eltern auf Gesprächsangebote der Schule reagieren. Das heißt: Eine relevante Gruppe von Eltern ist zwar legal anwesend, aber nicht wirklich erreichbar. Sie nehmen weder an Elternabenden teil noch folgen Einladungen zu Gesprächen.
Ähnlich bei der Eigeninitiative: 37 Prozent der Lehrkräfte sagen, dass nur eine Minderheit der Eltern von sich aus, ohne formale Einladung, Kontakt zur Schule aufnimmt. Eine proaktive Beteiligung? Die Ausnahme, nicht die Regel.
Das hat weitreichende Folgen: Wenn Eltern Verantwortung für Erziehung und Lernbegleitung nicht wahrnehmen, bleibt die ganze Last auf Schultern der Lehrkräfte, die ohnehin an ihre Grenzen stoßen.
Konflikte statt Konstruktion
Die Qualität der Zusammenarbeit ist angespannt. 44 Prozent der Lehrkräfte beschreiben die Zusammenarbeit mit Eltern als „teils konstruktiv, teils konflikthaft", weitere 7 Prozent erleben sie als „häufig konflikthaft" oder „überwiegend belastend". Nur 4 Prozent berichten von einer „sehr konstruktiv und unterstützenden" Zusammenarbeit.
Das ist eine klare Diagnose: Echte Erziehungspartnerschaft, der ideale Zustand, ist die Ausnahme. Der Normalfall ist Anspannung und diese Dauerspannung kostet Lehrkräfte Energie und Motivation.
Ein weiteres Zeichen der Konflikthäufigkeit: 42 Prozent der Schulen haben kein transparentes Beschwerdemanagement. Das bedeutet: Wenn Konflikt ausbricht, weiß oft niemand, wie damit umzugehen ist. Eltern und Lehrkräfte landen schnell in Sackgassen, statt Probleme konstruktiv zu lösen.
Schulleitungen: Unterstützung mit Grenzen
Lehrkräfte wünschen sich in Konfliktsituationen klare Unterstützung durch die Schulleitung. 51 Prozent sagen, sie erhalten diese, aber 35 Prozent schränken ein: „Es kommt auf den Einzelfall an." Und 14 Prozent fühlen sich „gar nicht gestützt". In offenen Antworten wird ein zentraler Wunsch deutlich: Lehrkräfte brauchen „klare und uneingeschränkte Unterstützung der Schulleitung".
Das ist nachvollziehbar. Wer allein in Konflikten mit Eltern steht, fühlt sich im Stich gelassen, besonders in Zeiten, in denen es auch zu verbalen oder körperlichen Übergriffen kommt.
Der größere Kontext: Elternbeteiligung und Schulerfolg
Aber hier ist die wichtige Gegenposition: Forschung zeigt, dass Elternbeteiligung tatsächlich einen starken positiven Effekt auf Schulerfolg hat. Das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien der Technischen Universität München (TUM) hat die bislang umfangreichste Forschungssynthese zum Thema erstellt. Das Ergebnis: Eltern können die Schulleistungen und Motivation ihrer Kinder stärken, indem sie eine positive Erwartungshaltung vermitteln und sich an Aktivitäten der Schule beteiligen.
Das klingt einfach, ist aber der Kern. Wenn Eltern durch ihre Teilhabe und ihre Haltung signalisieren 'Schule ist wichtig, du schaffst das', profitieren Kinder nachweislich. Umgekehrt: Wenn Eltern nur bei Problemen präsent sind, verstärkt das Druck und Sorge.
Das Bayerische Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) fasst es prägnant zusammen: „Eine gelungene Partnerschaft zwischen Schule, Eltern und Familien trägt entscheidend zum Schulklima und damit auch zum Erfolg von Unterricht und Erziehung bei."
Was Lehrkräfte und Schulen tun können
Die PhV-Umfrage zeigt auch: Es braucht konkrete strukturelle Verbesserungen.
Für Schulen:
- Beschwerdemanagement aufbauen: Klare, transparente Verfahren bei Konflikten helfen, Spannungen abzubauen.
- Positive Kontakte initiieren: Nicht nur bei Problemen anrufen, auch mal eine positive Rückmeldung geben oder zu Erfolgen gratulieren.
- Schulleitung als Rückhalt: Verbindliche Unterstützung bei Konflikten. Nicht je nach Fall, sondern konsistent.
- Kommunikationswege modernisieren: Die Umfrage zeigt, dass E-Mails und schulische Plattformen die Kommunikation dominieren. Aber auch persönliche Gesprächsmöglichkeiten sind wichtig.
Für Eltern:
- Eigeninitiative zeigen: Nicht warten, bis die Schule anruft. An Elternabenden teilnehmen, Gesprächsangebote nutzen.
- Verantwortung teilen: Lernerfolg ist eine gemeinsame Aufgabe. Zu Hause Zeit für Lesen, offenes Gespräch über Schule investieren.
- Vertrauenskultur aufbauen: Mit Lehrkräften in Kontakt kommen, bevor Probleme entstehen. Das schafft Grundvertrauen.
Mistler betont: „Eine echte Bildungspartnerschaft setzt voraus, dass Eltern ihren unverzichtbaren Beitrag zur Erziehung und zum Lernerfolg leisten. Derzeit erleben viele Lehrkräfte, dass dies nicht selbstverständlich ist."
Eine Frage der Kultur
Am Ende geht es um Kultur. Lehrkräfte wünschen sich Respekt, da sie die täglich mit den Kindern arbeiten. Eltern brauchen das Gefühl, dass die Schule ihre Kinder sieht und fördert. Beide Seiten profitieren, wenn diese gegenseitige Wertschätzung da ist.
Die Daten der PhV-Umfrage sind ein Weckruf. Sie zeigen nicht, dass alles schlecht ist, aber dass es besser werden muss und es eine gemeinsame Aufgabe zu bewältigen gibt: Schulleitung, Lehrkräfte, Eltern und am Ende auch die Gesellschaft, die Bildung wieder als gemeinsames Gut verstehen muss.
Externe Links
- dphv.de
Deutscher Philologenverband (DPhV) – PhV NRW: Lehrkräfte vermissen Respekt und Unterstützung von Eltern (Umfrageergebnisse)
- deutsches-schulportal.de
Deutsches Schulportal – Elternabend, Elternsprechtag & Co: Elternarbeit in der Schule
- isb.bayern.de
Bayerisches Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) – Familie und Schule: Partnerschaft und gemeinsame Verantwortung