Albert Camus' "L'Etranger": Einen Schulklassiker genau lesen, Teil IV

Der vierte Teil der Gesamtdeutung von Camus' "L’Etranger" geht der Frage nach, wie die Mordszene am Ende des ersten Romanteils angemessen gedeutet werden kann. Dabei werden unterschiedliche vorliegende Deutungen dargestellt und mit dem verglichen, was dem Text (und dem ursprünglichen Manuskript) bei einer genauen Lektüre zu entnehmen ist.

Beschreibung

Eine systematische und umfassende Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte würde angesichts der Überfülle an Material den Rahmen der Studie sprengen. Wenn im Folgenden exemplarisch die Rezeption der Mordszene untersucht werden soll, so soll dabei das Ziel verfolgt werden, zu fragen, welche Logiken den verschiedenen Deutungen zugrunde liegen.

Die Rezeption dieser Stelle des Romans eröffnet einen Blick auf höchst unterschiedliche Deutungen, die sich mal nahe am Text, mal weit von ihm entfernt bewegen, den Text mal kritisch distanziert betrachten, mal als Ausdruck philosophischer Wahrheiten lesen. 

Rezeptionsgeschichte als Geschichte einer Kontroverse: die Mordszene

Das Ziel einer Rezeptionsanalyse

Das Ziel eines Vergleiches von verschiedenen Rezeptionen soll nicht allein darin bestehen, Unterschiede zu beschreiben. Einem erkenntniskritischen Ziel an die Erforschung von Literatur folgend soll gefragt werden,

  • welche plausibler als andere erscheinen,
  • welche Bedürfnisse und Wahrnehmungslogiken der Rezipienten sich in ihnen zeigen,
  • inwieweit sich in den Deutungen ein kritischer, aufgeklärter Blick auf die Gesellschaft und die Dichtung zeigt, an dem sich Jugendliche orientieren können, oder inwieweit die literarische Kritik hier "eine [Haltung] der gläubigen und bereiten Hinnahme" (Löwenthal 1990c, 192) vermitteln will, also die Tendenz hat, "Verklärung der Wirklichkeit mit Hilfe der Ausschmückung der privaten seelischen Innenwelt zu leisten" (4) (195), ob sie nicht "auf jeden Erkenntnisanspruch" verzichtet und nicht "aus der Beschäftigung mit der Dichtung selbst wieder Dichtung" (5) (317) macht,
  • ob sie das literarische Werk als Objekt der Bewunderung sakralisiert ["Dans la perspective traditionelle (enseignement des indignes par les dignes et des infirmes par ceux qui possédaient la science) l'oeuvre était simplement donnée à lire et à admirer"; Barbéris 1971, 22], um  so den Jugendlichen die Mitgliedschaft in einer Elite zu eröffnen ("la critique [...] n'ayant tout au plus pour fonction que de justifier l'admiration [de l'oeuvre] ... et de lui fournir si possible des raison objectives [...] qui définissaient implicitement l'appartenance à une élite et des fonctions d'élus; ebd.). Ob [...] L'oeuvre avait une valeur morale: l'écrivain avait bien connu l'homme, le fameux homme éternel et – ou bien – il suggérait une leçon à laquelle il fallait parvenir et – ou bien – assimiler" (ebd.). Barbéris, Pierre (1971) : Balzac – une mythologie réaliste, Larousse: Paris.)

Eine solche Untersuchung soll im Folgenden fokussiert auf die unterschiedlichen Deutungen der Mordszene am Strand unternommen werden.

Roland Barthes' Interpretation: Die Sonne als auslösender Faktor

Mit Roland Barthes' Interpretation (L'étranger, roman solaire, 1954) liegt eine frühe Deutung der Mordszene vor, die sich ganz auf die Beschreibung des Mordes durch einen unzuverlässigen Ich-Erzähler verlässt und dessen Legitimation übernimmt, aber nicht hinterfragt. Wie Meursault sieht auch Barthes die Sonne als den auslösenden Faktor. Barthes begnügt sich aber nicht damit, die Begründung des Protagonisten paraphrasierend nachzuvollziehen. Er bearbeitet sie weiter und stellt sie in die Traditionsreihe literarischer Texte der Antike und der französischen Klassik:

Barthes stellt zunächst textnah fest, "Meursault est un homme charnellement soumis au soleil", um dann eine ergänzende, textferne Deutung hinzuzufügen, wenn er schreibt: "et je crois qu'il faut entendre cette soumission dans un sens à peu près sacral. Tout comme dans les mythologies antiques ou la Phèdre racinienne, le Soleil est ici expérience si profonde du corps qu'il devient destin; il fait l'histoire - le feu solaire fonctionne ici avec la rigueur même de la Nécessité antique" (480). "Meursault n'est pas seulement aux prises avec une idée du monde, mais aussi avec une fatalité – le Soleil – extensive à tout un ordre ancestral de signes […] la conduite de Meursault est doublée d'un itinéraire charnel qui nous attache à sa magnifique et fragile existence" (481).

Barthes überhöht hier einen Mord zu einem Sinnbild philosophischer Wahrheit über die wunderbare und zerbrechliche Existenz Meursaults.

Die Sichtweise eines umfassend belesenen Literaturkritikers

Hier drückt sich die Sichtweise des belesenen universitären Literaturkritikers aus, dem die Tradition literarischer Texte ins Auge fällt, der aber die gesellschaftlichen historischen Elemente im Text übersieht, weil sie der inneren Logik seiner Sinn- und Wissenskonstruktion nicht entsprechen. Barthes fragt nicht, in welcher Tradition Camus schreibt (Die Antwort wäre dann: in der Tradition der kolonialen Schriftsteller Algeriens oder möglicherweise auch in der Tradition der literarischen Moderne des frühen 20.Jahrhunderts.), sondern, in welche tausendjährige Tradition man das Werk einordnen kann. Seine Deutung ist Ausdruck seiner Bildungsbiografie:

"De par sa formation scolaire ( [...] licence de lettres classiques. - Fondation du Groupe de théâtre antique [...]) R. Barthes était formaté pour voir dans le soleil algérien l'antique Soleil tragique. [...] Du reste, c'est toute 'la critique des professeurs' qui remonte toujours à Methusalem [...] qui voit d'innombrables textes improbables sous n'importe quel texte: 'La culture lettrée, savante, se définit par la référence: elle consiste dans le jeu permanent de références [...]' (Pierre Bourdieu, Lecture, lecteurs, lettrés, littérature, dans: Choses dites, Editions de Minuit: 1987, p.142)" (140).

"L'Etranger" wird bei Barthes zum "roman de ce que le lecteur a lu". Durch den großen Abstand zwischen Camus' Text und Barthes' Deutung wird diese selbst zur Dichtung (vgl. Löwenthal 1990c, 317).

Robbe-Grillets Interpretation: Die Dinge als auslösender Faktor

Ähnliche Tendenzen, nicht mit einem präzisen kritischen Blick auf den Text und seinen Kontext, auf Literatur und Gesellschaft, zu interpretieren, sondern Dichtung über Dichtung zu verfassen, finden sich in den Deutungen aus den Jahren 1958 und 1959 von Robbe-Grillet und Champigny:

So heißt es bei Robbe-Grillet (Nature, humanisme, tragédie, 1958): "Il n'est pas exagéré de prétendre que ce sont les choses, très exactement, qui finissent par mener cet homme jusqu'au crime: le soleil, la mer, le sable éclatant, le couteau qui brille, la source entre les rochers, le revolver, [...]."

Wie Barthes übernimmt auch Robbe-Grillet Meursaults Darstellung des Mordes und fragt nicht nach, ob die subjektive Erklärung eines Ich-Erzählers wahr und schlüssig ist. Stattdessen bedient er sich seiner eigenen Romantheorie als Deutungsrahmen. Diese besagt, dass in der modernen Gesellschaft die Dinge die Herrschaft über die Menschen erlangt hätten und deshalb folgerichtig der moderne Roman nicht mehr den Menschen als Subjekt seines Schicksals zeigen dürfe. Um wahrhaftig zu schreiben, müsse die Herrschaft der Dinge über den Menschen gezeigt werden: "Die Dinge rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung [...]. Der erzählte Blick 'Robbes-Grillets' verharrt auf der strikten Objektivität der unterbreiteten Dingewelt" (Kuhnle 1995, 250-251).

Es ist hier die These von der Dingwelt, die Goldmann dann später als Ausdruck der zunehmenden Verdinglichung in den kapitalistischen Gesellschaften nach 1945 gedeutet hat, die in der Phase des nicht mehr liberalen, sondern organisierten Kapitalismus, zu einer zunehmenden "Autonomie der Dinge" von und eine Herrschaft der Dinge über die Menschen führe. "L'Etranger" wird zum "roman des choses", zu einem der ersten Werke des "Nouveau Roman" (Goldmann 1980, 59).

Robbe-Grillets Deutung verweist dann folgerichtig auf die Verantwortlichkeit der Dinge am Mord. Nicht der Mörder selbst trage die Verantwortung, sondern die "Dinge": Sonne, Meer, Sand, Messer, Quelle und Revolver.

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Autor
Portrait von Dr. Achim Schröder Dr. Achim Schröder

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