Abi-Debakel in Hagenow: Was Lehrkräfte aus der Debatte um Unterricht und Prüfungsvorbereitung mitnehmen können

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veröffentlicht am 14.07.2026

Eine Abiturrede in Hagenow hat eine bundesweite Debatte ausgelöst: Im Mittelpunkt stehen Vorwürfe zu veralteten Materialien, fehlender Anpassung an Prüfungsanforderungen und strukturellen Problemen an der Schule. Der Fall zeigt zugleich, wie eng Prüfungsdruck, Unterrichtsqualität und schulische Unterstützung miteinander verbunden sind.

Wutrede bei der Abi-Feier: Kritik an Unterricht und Schule

Bei einer Abschlussfeier in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern hat eine Abiturientin mit deutlichen Vorwürfen gegen Schule und Lehrkräfte für Aufmerksamkeit gesorgt. Aus den Berichten geht hervor, dass sie die Arbeit mit seit Jahren gleichbleibenden Materialien und Unterrichtsinhalten kritisierte und diese Praxis als unvereinbar mit veränderten Prüfungsanforderungen darstellte. n-tv berichtet außerdem, dass sie die Lehrkräfte für die hohe Misserfolgsquote mitverantwortlich machte.

Ausgangspunkt der Debatte ist eine außergewöhnlich hohe Zahl nicht bestandener Abiturprüfungen an dem Gymnasium. Die Berichte nennen rund 34 Prozent nicht bestandene Prüfungen. Das staatliche Schulamt will die Ursachen nun genauer untersuchen. Für Lehrkräfte ist der Fall deshalb mehr als eine lokale Schlagzeile: Er berührt Fragen der Unterrichtsentwicklung, der Vorbereitung auf das Abitur und der schulischen Begleitung in belasteten Prüfungssituationen.

Was die Zahlen zur Einordnung zeigen

Der Fall Hagenow fällt auch im Landesvergleich auf. Für Mecklenburg-Vorpommern wird für das Schuljahr 2023/2024 landesweit eine Durchfallquote von rund 7,4 Prozent genannt. Der Wert aus Hagenow liegt damit deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Auch im längerfristigen Blick ist die Quote auffällig. Die Kultusministerkonferenz weist für Deutschland insgesamt die Zahl der nicht bestandenen Abiturprüfungen aus; für 2023 liegt die bundesweite Durchfallquote bei 4,3 Prozent. Damit bewegt sich der Hagenower Wert weit außerhalb des üblichen Rahmens.

Die Diskrepanz allein erklärt jedoch noch nicht die Ursachen. In der öffentlichen Debatte werden neben individuellen Lernvoraussetzungen auch strukturelle Belastungen genannt, darunter Unterrichtsausfälle und Lehrkräftemangel. Gerade bei einem so hohen Anteil nicht bestandener Prüfungen stellt sich deshalb die Frage, wie viel auf Leistungsstand, wie viel auf Unterrichtsbedingungen und wie viel auf die konkrete Prüfungsvorbereitung zurückzuführen ist.

Prüfungsdruck, Unterrichtsqualität und die Rolle von Lehrkräften

Für Lehrkräfte verweist der Fall auf ein Thema, das in der Schulpraxis zentral ist: Wie gelingt Vorbereitung auf Prüfungen, ohne Lernende zusätzlich zu überfordern? Die OECD betont, dass hoher Leistungsdruck ohne ausreichende Unterstützung schnell zu Überforderung führen kann. Als entlastend gelten unter anderem angepasste Aufgaben, individuelle Hilfen und zuversichtliche Rückmeldungen durch Lehrkräfte.

Auch der Umgang mit Prüfungsangst ist für Schule und Unterricht relevant. Fachbeiträge weisen darauf hin, dass Prüfungsangst die schulischen Leistungen und das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern deutlich beeinträchtigen kann. Lehrkräfte stehen damit vor der Aufgabe, fachliche Anforderungen klar zu kommunizieren und zugleich Lernende in belastenden Prüfungssituationen zu begleiten.

Der Vorwurf aus Hagenow, dass Unterricht und Materialien über Jahre kaum weiterentwickelt worden seien, lässt sich von außen nicht in allen Details prüfen. Er verweist aber auf einen realen didaktischen Punkt: Wenn sich Prüfungsformate, Erwartungshorizonte und Kompetenzanforderungen verändern, muss auch der Unterricht regelmäßig überprüft und angepasst werden. Ein "Das machen wir schon immer so" ist in der gymnasialen Oberstufe besonders problematisch, wenn Lernende sich damit nicht auf aktuelle Anforderungen vorbereitet fühlen.

Was belegt ist – und was sich nicht belegen lässt

Belastbar belegt ist, dass die Schülerin Lehrkräfte und Schule für die hohe Durchfallquote mitverantwortlich macht und dass die Quote in Hagenow außergewöhnlich hoch ist. Ebenfalls belegt ist, dass in Mecklenburg-Vorpommern Lehrkräftemangel und Unterrichtsausfall als strukturelle Probleme diskutiert werden.

Nicht belastbar belegen ließ sich dagegen die zugespitzte Aussage, Lehrkräfte würden ihre eigenen Schultraumata an Lernende weitergeben oder persönliche Konflikte wirkten systematisch direkt auf Mitarbeitsnoten und mündliche Abiturprüfungen durch. Es gibt zwar Forschung zu Traumata im schulischen Kontext, zu traumasensiblem Unterricht und zu den Herausforderungen von Leistungsbewertung. Diese Quellen stützen jedoch nicht die pauschale Kausalkette, die im Video mitschwingt.

Für die schulische Praxis ist genau diese Differenz wichtig: Einzelne Konflikte und subjektive Erfahrungen können Unterricht und Bewertung stark belasten, lassen sich aber nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Sinnvoller ist deshalb die Frage, wie Schulen Feedback, Leistungsbewertung und Prüfungsvorbereitung transparent gestalten und zugleich verlässliche Unterstützung bieten können.

Konsequenzen für die Unterrichtspraxis

Der Fall Hagenow zeigt, wie eng Unterrichtsqualität, Beziehungsgestaltung und Prüfungsergebnisse miteinander verbunden sind. Für Lehrkräfte kann er Anlass sein, die eigene Prüfungsvorbereitung kritisch zu prüfen: Sind Materialien aktuell? Werden Anforderungen klar genug gemacht? Gibt es genügend Raum für Übung, Rückmeldung und individuelle Unterstützung?

Gerade in der Oberstufe ist es hilfreich, Prüfungsformate nicht nur abzudecken, sondern Kompetenzentwicklung bewusst mitzudenken. Lernende profitieren davon, wenn sie nicht erst kurz vor der Prüfung mit Erwartungen, Anforderungsniveaus und Bewertungskriterien konfrontiert werden. Der Fall aus Hagenow ist damit weniger ein Einzelfall als ein Anlass, über gute Abiturvorbereitung, professionelle Schulkultur und belastbare Unterstützung für Lernende nachzudenken.

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