Georg Büchners "Lenz" genau lesen, Teil I

Dieser Fachartikel zu Georg Büchners Novelle "Lenz" erläutert das in der gleichnamigen Unterrichtseinheit zu diesem Text beschriebene Vorgehen und bietet der Lehrkraft methodische und didaktische Hintergrund-Informationen.

Beschreibung

Die Materialien der Unterrichtseinheit Georg Büchners "Lenz" genau lesen zeigen, wie im Unterricht über "Lenz" zunächst von den Irritationen, Fragen und Deutungshypothesen der Schülerinnen und Schüler ausgegangen werden kann, bevor der Interpretationsprozess durch didaktische Entscheidungen beeinflusst wird.

Im Zentrum der Unterrichtseinheit steht die in literarischen Gesprächen zu diesem Text häufig aufgeworfene Frage: "Wieso scheitert Lenz' Versuch, bei Oberlin Ruhe zu finden?". Diese soll im vorliegenden Fachartikel beantwortet werden.

Warum findet Lenz bei Oberlin keine Ruhe?

Die Frage "Warum findet Lenz bei Oberlin keine Ruhe?" artikuliert eine Lese-Erfahrung, die sich auf einen befremdlichen Tatbestand bezieht: Lenz scheint ja in Oberlin eine Person gesucht und gefunden zu haben, die ihm Stabilität und Geborgenheit geben könnte. Nachdem sich Lenz zu Beginn seines Aufenthalts beruhigt hat, steigert er sich im weiteren Verlauf aber zunehmend in Wahnvorstellungen. Unklar und befremdlich bleibt zunächst, warum dies so ist. In ersten Deutungsversuchen formulieren Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Hypothesen.

Eine psychologische Deutungshypothese: Lenz ist unheilbar psychisch krank

Ihre Hypothese "Lenz ist so stark psychisch erkrankt, dass ihm niemand, auch Oberlin nicht, helfen kann" liest die Novelle als die Schilderung einer unheilbaren psychischen Erkrankung. Dies entspricht der Forschungsrichtung, die wie Irle (1965) und Anz (1989) eine psychologische Interpretation der Novelle vorschlägt. Charakteristisch für diese Hypothese ist, dass sie nur Lenz' Verhalten problematisiert und deshalb nicht untersucht, ob Lenz' Umwelt einen irritierenden und krank machenden Einfluss auf ihn haben könnte.

Eine historisch-biografische Deutungshypothese: Das Vorbild Lenz war krank

Die Hypothese, dass Büchner nur die Lebensgeschichte des Schriftstellers Lenz erzählt und ihm damit keine anderen Gestaltungsspielräume zur Verfügung standen, folgt einer positivistischen Forschungsrichtung, die sich in erster Linie dafür interessiert, ob und wie im literarischen Text eine vermeintliche historische Realität, Quellen und eigene oder fremde Lebenserfahrungen abgebildet werden.

Ein solches Vorgehen, das viele Schulausgaben prägt, die eine Vielzahl an Sekundär-Texten zu den historischen Vorbildern Lenz und Oberlin abdrucken (exemplarisch hierfür Dedner 1998), droht sich in einer "richtungslosen" (Hermand 1994, 62) Detailkenntnis zu verlieren. Literatur wird zum Abbild von Wirklichkeit reduziert. Ihre über die Abbildung von Realität hinausweisende Bedeutung und Funktion bleibt unklar.

"Lenz" biografisch betrachtet, lenkt den Blick auf die Identität des Textes mit dem Lebenslauf der historischen Figur und folgt einem positivistischen Verständnis von Literaturwissenschaft und Deutschunterricht, der sich zum Ziel setzt, Quellen und Motive zu finden, um zu erklären, warum der Text so ist wie er ist. Lenz (so wie hier im Folgenden vorgeschlagen) soziologisch-historisch zu betrachten, lenkt den Blick hingegen auf die sozialen Ursachen, die sein Leid verursachen.

Eine religiöse Deutungshypothese: Lenz zerbricht an seinem Atheismus

Die Hypothese "Lenz zerbricht daran, den Glauben an Gott verloren zu haben" liest sich wie eine jener religiösen Deutungen, die unter anderem von Wittkowski (1978) und Kobel (1974) vorgelegt worden sind. Sie antwortet auf die Frage "Warum aber vermag Lenz in dem lichten Bereich, den ihm dieser Sonntag [= der Tag der Predigt; Anmerkung Achim Schröder] erschließt, nicht zu bleiben?" (Kobel 1974, 155), ohne den Versuch von Lenz, durch Glauben zur Ruhe zu finden, zu problematisieren.

Stattdessen gilt Religion als ein Heilmittel, das Lenz aus Überforderung nicht zugänglich ist. Lenz' Überforderung sei typisch für den Menschen ganz allgemein: Für Wittkowski ist Lenz "tatsächlich überfordert; und damit steht er für den Menschen überhaupt, der überfordert ist, wenn er Gottes erbarmungslose Härte als Liebe des Schöpfers zu seinem Geschöpf, des Vaters zu seinem Kind verstehen und dankbar hinnehmen soll" (Wittkowski 1978, 358). Und für Kobel wird "in dieser Dichtung auf die grundsätzliche Schwierigkeit des Glaubens aufmerksam gemacht [...]. Lenzens Schicksal läßt sich [...] deuten mit dem Hinweis [...], daß der Glaube kein Besitztum ist, das man sich ein für allemal erwirbt und dann fraglos zu eigen macht" (Kobel 1974, 155, 154). Lenz' Elend ist für Wittkowski "der zerrüttete Zustand seines Geistes; es hat aber auch zu tun mit seinem gestörten Gottesbezug [...]. Wie dem historischen Lenz gehen ihm der leibliche Vater und Gott-Vater ineinander über. Er fällt - er muß, er kann offenbar nicht anders – von beiden ab, und damit von seiner Bestimmung" (Wittkowski 1978, 358).

Lenz' Bestimmung besteht für die Vertreter religiöser Deutungen offenbar darin, einen ungestörten Gottesbezug zu wahren, eine Vaterrolle (!) gegenüber anderen einzunehmen und väterliche "Härte" zu verstehen und hinzunehmen. Religion allgemein und die religiös formulierten Sinn-Angebote, die Lenz in Oberlins Gemeinde vorfindet, werden als steiniger aber gangbarer Weg gesehen, der es Lenz ermöglicht hätte, seine Erkrankung zu überwinden.

Büchners Novelle wird hier als "bedeutende religiöse Dichtung" gelesen, die "genau wie bedeutende religiöse Musik und Kunst genug Allgemeinmenschliches von Rang und Tiefe" enthalte (Wittkowski 2009, 144). Lenz versucht, "wie Jesus ein totes Kind zu erwecken. Als der sein Scheitern erkennt, lehnt er sich gegen Gott auf, nimmt seinen 'Atheismus' zwar zerknirscht zurück, kann aber sein Verhältnis zu Gott nicht bereinigen; [...] Am Ende haben der Leser und Lenz vergessen, daß ihm vorher, als er der Gemeinde predigte, eine unio mystica zuteil wurde, die alles bis dahin Berichtete hinter sich ließ [...]. Ausgelöst [...] wurde jenes Zentralerlebnis in Lenz durch das pietistische Lied 'Laß in mir die Heil'gen Schmerzen'" (Wittkowski 2009, 144).

Die Predigt als positives Vereinigungserlebnis und Höhepunkt zu deuten erweist sich jedoch bei genauer Lektüre der Predigt als ebenso problematisch wie die Annahme, dass erst "mit dem Auftreten Kaufmanns der Wendepunkt" (Hinderer 1977, 58) einsetze. Die Predigt selbst markiert einen Wendepunkt in der Novelle, und dieser kann durch ein genaues Lesen als solcher deutlich herausgearbeitet werden.

Lenz' Predigt genau lesen

Eine auf die Frage "Warum findet Lenz bei Oberlin keine Ruhe?" bezogene textimmanente Analyse muss Lenz' Predigt in den Blick nehmen und einer genauen Lektüre unterziehen. Die Predigt ist häufig nicht genau gelesen worden und mal widersprüchlich erst als Moment ekstatischen Hochgefühls (Pelster 2007, 52), dann als übertriebene "religiöse Spekulation" (ebenda, 57) gedeutet worden. Manchmal wird sie nicht näher zur Kenntnis genommen, sozusagen "überlesen" (so bei Anz 1989).

Ein genaues Lesen dieses Textabschnittes kann zeigen, dass sich Lenz' Situation nicht erst "von Grund auf und für Lenz mit zunehmend katastrophalen Folgen [ändert], als Kaufmann in das Steintal kommt" (Anz 1989, 76).

  • Weiterlesen
  • Teil II dieses Artikels befasst sich mit der textimmanenten Analyse der Predigt, vor allem mit deren erstem Abschnitt.

Literatur
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