Nachhaltigkeit ästhetisch vermitteln: BNE durch Kulturelle Bildung im Unterricht

Dieser Artikel zum Thema Kulturelle Bildung und BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) zeigt, inwiefern sich beide Themenfelder sinnvoll in der Schul- und Unterrichtsentwicklung ergänzen. Durch die Verbindung eröffnen sich neue Lernchancen für beide Bereiche.

Ein Mädchen hält einen Regenwurm in den Händen

BNE und Kulturelle Bildung

BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung) und Kulturelle Bildung sind Schwerpunktthemen, die durch ihre vielfältigen Anbindungsmöglichkeiten an unterschiedliche Fächer und Arbeitsgemeinschaften eine immer stärkere Bedeutung im Schulwesen erlangen. Innerhalb von BNE werden ökonomische, ökologische und soziokulturelle Aspekte zur Sensibilisierung für eine zukunftsfähige und ressourcenschonende Gesellschaftsgestaltung berücksichtigt. Die Kulturelle Bildung nutzt die Methoden und Vermittlungsformen aus Kunst und Kultur, um attraktive und sinnlich erfahrbare Lernangebote zu schaffen, die mit den Zielen von BNE und ökologischen Themenfeldern verbunden werden können.

Schulentwicklung und Unterrichtsentwicklung

Durch die Möglichkeit der Vernetzung mit vielen anderen Aufgaben der Schul- und Unterrichtsentwicklung bieten sich diese Themen dazu an, einer Schule ein besonderes und öffentlichkeitswirksames Profil mit vielfältigen Aktivitäten zu verleihen. Diese Möglichkeit ergibt sich beispielsweise durch die Anbindung an alle Unterrichtsfächer, an Arbeitsgemeinschaften und die zielorientierte Qualitätsentwicklung einer Schule. In beiden Bereichen spielt auch die Kooperation mit außerschulischen Partnern eine zentrale Rolle, sodass sich für eine Schule interessante Lernorte und innovative Lernmöglichkeiten ergeben.

Offener Kulturbegriff

Sowohl in der Kulturellen Bildung als auch für das Thema Nachhaltigkeit ist ein offener Kulturbegriff grundlegend, der nicht nur die Künste, sondern auch Lebensformen und deren gesellschaftliche Relevanz sowie das interkulturelle Lernen einschließt (Fuchs 2012: 63 f.). Dieser Kulturbegriff wurde im Abschlussbericht der UNESCO-Tagung 1982 in Mexiko formuliert. Demnach kann die Kultur "in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen" (Deutsche UNESCO-Kommission 1982: 121).

Kulturelle Vielfalt als Lernchance

Kulturelle Vielfalt wird ausdrücklich begrüßt und als Lernchance mit vielfältigen Bezügen begriffen. Beide Bildungsbereiche - die Kulturelle Bildung und die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) - werden auch in den Bildungslinien der UNESCO hervorgehoben, die sich in deren Anspruch der Förderung des Kultur- und Naturerbes begründet (Ströter-Bender 2010: 54). Sie versuchen darüber hinaus, möglichst viele Akteure einzubinden und somit eine breit angelegte Partizipation und Mitbestimmung zu ermöglichen (von Schwanenflügel/Walther 2012: 274 ff.).

Fächerverbindende Konzepte

Sowohl innerhalb der Kulturellen Bildung als auch innerhalb der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) spielen fächerverbindende Konzepte zur dauerhaften Schulentwicklung eine entscheidende Rolle. Für die Bildung für nachhaltige Entwicklung dient der Orientierungsrahmen für den Lernbereich "Globale Entwicklung" zur Strukturierung des Handlungsfeldes, der von der Kultusministerkonferenz herausgegeben wird (Schreiber/Siege 2016). Innerhalb dieses Rahmens finden sich Verknüpfungen und Praxisbeispiele zu allen Unterrichtsfächern. Durch die Verbindung zu den Bereichen Musik, Bildende Kunst und Literatur entstehen direkte Anknüpfungen zur Kulturellen Bildung.

Nachhaltigkeit erleben und erfahren

In dem 2011 erschienenen Buch "Die emotionale Seite der Nachhaltigkeit" wird betont, dass es wichtig ist, im Umgang mit der Natur und Umwelt den emotionalen Faktor nicht zu vernachlässigen. Nicht nur durch Wissen und Verstand kann eine Beziehung zum Thema Nachhaltigkeit aufgebaut werden, sondern es ist notwendig, nachhaltiges Handeln zu erleben und zu erfahren (vergleiche Korczak 2011).

An diesem Punkt können Kulturelle Bildung und BNE in eine sinnvolle Allianz treten, denn in der Kulturellen Bildung geht es darum, mit allen Sinnen und Empathie zu lernen. Hierdurch kann gleichzeitig ein Defizit überwunden werden, denn für Politik und Wissenschaft ist es in ihren abstrakten Botschaften oft schwer, das Thema Umwelt- und Klimaschutz zu vermitteln (Kurt/Wagner 2002: 19).

Die Künste bieten viele Möglichkeiten sinnlich zu lernen und spielen in den Konzepten der Kulturellen Bildung eine zentrale Rolle (Zirfas 2012: 168 ff.). Über die sinnliche Wahrnehmung kann eine intensive Beziehung zwischen Mensch, Natur und Umwelt entstehen. Naturphänomene sind in vielen Kunstwerken enthalten. Sie spiegeln sich beispielsweise in musikalischen Werken, der Malerei und in der Literatur wider. Über die Betrachtung und das Erleben von Kunst kann daher die Sensibilität und Achtsamkeit für Natur und Umwelt erhöht werden.

Praxisbeispiele: Kulturelle Bildung und BNE

Kreative Schreibprozesse zu Umweltthemen

Aber nicht nur die Auseinandersetzung mit und Rezeption der Künste ermöglicht diesen Zugang, sondern auch das eigene kreative Gestalten in künstlerischen Vorgängen. Kreative Schreibprozesse können beispielsweise Umweltthemen aufgreifen. Das Albert-Einstein-Gymnasium in Völklingen hat diesen Zugang gewählt, um das Thema Nachhaltigkeit in Poetry Slam-Texten lebendig werden zu lassen und auf einem Nachhaltigkeitskongress zu präsentieren. Die Schülerinnen und Schüler haben auf diese Weise ihre ganz persönlichen Perspektiven zu diesem Thema mit Bezügen zu ihrer Lebenswelt dargestellt. Hier und hier sind zwei beispielhafte Beiträge einsehbar.

Bildende Kunst und Malerei: Klima-Kunst-Kultur

Die Verbindungsmöglichkeiten zwischen den Künsten und dem Thema Nachhaltigkeit sind spartenübergreifend in vielfältiger Weise vorhanden. In der Bildenden Kunst und Malerei können Umweltthemen aufgegriffen werden, indem beispielsweise verschmutzte Landschaften zum Thema von Bildgestaltungen oder entsprechende Werke von Künstlerinnen und Künstlern zum Thema der Betrachtung und Reflexion werden. Einen Überblick über verschiedene künstlerische Bezüge zum Leitbild Nachhaltigkeit zeigt der Band "Klima Kunst Kultur" (Ebert/Zell 2014).

Choreographie zum Klimawandel

Am "Schauspiel Köln" wird 2020 eine Choreographie zum Klimawandel von Richard Siegal mit dem Titel "New Ocean" aufgeführt, in der Klimadaten mit einem eigens entwickelten Algorithmus in tänzerische Bewegungen übersetzt werden; aus abstrakten Daten wird Kunst, und es entsteht ein sinnlicher Erfahrungsraum.

Multiperspektivischer Zugang zur "Ressource Boden"

Im saarländischen Landesprogramm KULTUR_leben! entsteht derzeit in Kooperation mit dem dortigen Umweltministerium eine fächerverbindende und jahrgangsübergreifende Unterrichtsreihe zur "Ressource Boden", die unter anderem Grundlage für die menschliche Ernährung ist. Die verschiedenen Module dieser Reihe öffnen sich sowohl für naturwissenschaftlich-experimentelle Zugangsweisen als auch für künstlerische Auseinandersetzungen, die durch die Module "Gartenkunst", "Mit Erde malen" oder "Boden-Lieder" ermöglicht werden. Dadurch erhalten die Schülerinnen und Schüler einen multiperspektivischen Zugang zur "Ressource Boden" und lernen diese sinnlich zu erfahren, wodurch wiederum eine intensivere Beziehung zum Boden als Lebensgrundlage entsteht.

Upcycling: kreative und künstlerische Gestaltung

Ein weiteres interessantes Verbindungsfeld zwischen Kultureller Bildung und BNE entsteht über den Gestaltungsprozess des sogenannten Upcycling, innerhalb dessen nicht mehr verwertbare Materialien und Produkte umgestaltet werden und somit eine neue Bedeutung oder Nutzungsmöglichkeit erlangen. Upcycling bietet neben der Umwandlung in Gebrauchsgegenstände auch die Möglichkeit zur kreativen und künstlerischen Gestaltung, wenn aus alten Materialien beispielsweise Musikinstrumente, Mode oder Skulpturen entstehen (vergleiche Neumeister 2015).

Fazit

Insgesamt bieten alle Künste beziehungsweise Kunst-Sparten die Möglichkeit zur Anknüpfung an ökologische Themen und können über den Bezug des sinnlichen Lernens einen wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaftsgestaltung leisten. Der Vorteil besteht auf der Ebene der sinnlichen Erfahrung, welche die Motivation der schulischen Akteure zu nachhaltigem Denken und Gestalten erhöhen kann.

Literaturverzeichnis

Monographien

  • Deutsche UNESCO-Kommission (1983). Weltkonferenz über Kulturpolitik. Schlussbericht der UNESCO-Konferenz in Mexiko-Stadt 1982. München: Saur.
  • Ebert, Johannes und Andrea Zell (2014). Klima Kunst Kultur: Welche Fragen formulieren Kunst- und Kulturwissenschaften. Göttingen: Steidl.
  • Korczak, Dieter (2011). Die emotionale Seite der Nachhaltigkeit. Kröning: Asanger.
  • Kurt, Hildegard und Bernd Wagner (2002). Klima-Kunst-Nachhaltigkeit. Essen: Klartext.
  • Neumeister, Maria (2015). Upcycling Step by Step: Über 30 Projekte zur kreativen Wiederverwertung. München: EMF.
  • Schreiber, Jörg-Robert und Hannes Siege (2017). Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung.  Bonn: Cornelsen.

Artikel in Sammelbänden

  • Fuchs, Max (2012). "Kulturbegriffe, Kultur der Moderne, kultureller Wandel". In: Hildegard Bockhorst, Vanessa-Isabelle Reinwand und Wolfgang Zacharias. Handbuch Kulturelle Bildung. München: kopaed. Seite 63-67.
  • Ströter-Bender, Jutta (2010). "Dialogfelder einer interkulturellen Vermittlung von Welterbe". In: Jutta Ströter-Bender. World Heritage Education. Positionen und Diskurse zur Vermittlung des UNESCO-Welterbes. Marburg: tectum. Seite 47-58.
  • von Schwanenflügel, Larissa und Andreas Walther (2012). "Partizipation und Teilhabe". In: Hildegard Bockhorst, Vanessa-Isabelle Reinwand und Wolfgang Zacharias. Handbuch Kulturelle Bildung. München: kopaed. Seite 274-278.
  • Zirfas, Jörg (2012). "Die Künste und die Sinne". In: Hildegard Bockhorst, Vanessa-Isabelle Reinwand und Wolfgang Zacharias. Handbuch Kulturelle Bildung. München: kopaed. Seite 168-173.

In Kooperation mit

KULTUR_leben!

KULTUR_leben! ist ein Schul- und Unterrichtsentwicklungsprogramm zur Förderung der Kulturellen Bildung im Saarland. Darin werden gezielt Methoden und Arbeitsweisen aus den Künsten mit dem Unterricht in allen Fächern verbunden. Schulen arbeiten zudem mit Kunst- und Kulturschaffenden zusammen und bilden regionale Kulturnetzwerke. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Demokratie-Erfahrung in kulturellen Bildungsprozessen mit dem Ziel der Beteiligung möglichst vieler schulischer und außerschulischer Akteure.

Kreativpotentiale im Dialog

Das Projekt Kreativpotentiale im Dialog fördert den länderübergreifenden Wissensaustausch zwischen Akteuren aus Kultur und Bildung, die daran mitwirken, Kulturelle Bildung zum festen Bestandteil des Schullebens zu machen. Wissen, Erkenntnisse und Ideen, wie Schulveränderungsprozesse mit und durch Kulturelle Bildung erfolgreich gestaltet werden können, werden in diesem Netzwerk zugänglich gemacht.

Gefördert von

Stiftung Mercator

"Kreativpotentiale im Dialog" ist ein Projekt der Wider Sense TraFo gGmbH, gefördert von der Stiftung Mercator.

Autor
Avatar Dr. Yann Leiner

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