Schillers "Das Lied von der Glocke" genau lesen

Dieser Fachartikel zur Analyse des Gedichts "Das Lied von der Glocke" (1797/1799) von Friedrich Schiller bezieht sich auf das literaturdidaktische Modell des "genauen Lesens" (Chirollo/Schröder 2017) und erläutert die fachdidaktischen Überlegungen, die der Unterrichtseinheit zu dem Gedicht zugrunde liegen.

Dieser Artikel liefert vertiefende Hintergrundinformationen zur Unterrichtseinheit "Friedrich Schiller: "Das Lied von der Glocke" genau lesen". Eine ausführlichere Downloadversion des Fachartikels vertieft die hier skizzierten fachdidaktischen Darlegungen.

Das Gedicht von Friedrich Schiller "genau lesen"

Im Zentrum des Unterrichtsmodells steht die auch von Lernenden in der ein oder anderen Form gestellte Frage, was die Glockengießerstrophen und die Erzählstrophen zusammenhält und welche Bedeutung die Glocke im Gedicht hat.

Ein befremdlicher Text

Das Befremden beim Lesen dieses Textes, der über lange Zeit ein Klassiker des Deutschunterrichts gewesen ist, zeigt sich an einer Reihe von Fragen, die Schülerinnen und Schüler in literarischen Gesprächen über den Text stellen:

  • Was verbindet die Glockengießerstrophen mit dem Rest des Gedichts?
  • Was genau symbolisiert die gegossene Glocke?

Als Deutungshypothese wird die Annahme verfolgt, dass eine enge Verbindung zwischen den Textteilen besteht, die an der symbolhaften Bedeutung der gegossenen Glocke aufgezeigt werden kann.

Der Text im Kontext von Schillers ästhetischem Programm

Im Kontext von Schillers Literaturprogramm erweist sich sein Lied von der Glocke als ein Versuch, dieses für breite Bevölkerungsschichten und nicht nur für ein humanistisch gebildetes Publikum verständlichen Text zu konkretisieren (Link/ Link-Heer 1980, 189ff.). Mit dem Lied von der Glocke idealisiert er die kleinbürgerliche Familie und den Handwerksmeister, beide weder besitzlos noch viel besitzend in einer ländlichen Kleinstadt lebend um die sozialen und kulturellen Gegensätze seiner Zeit zu versöhnen. An Familie und Handwerksmeister will er zeigen, wie die Empfindsamkeit für den harmonie- und ordnungsstiftenden Klang der Glocke Ordnung stiftend wirksam werden kann.

Die Bedeutung der Glocke als Symbol stellt sich bei einer kontextbezogenen Lektüre auf zwei Ebenen her:

  • Ebene 1 enthält den Hinweis, dass sie die bedrohlichen Massen bändigt, indem sie ihnen eine Form gibt, in der sie erkalten können.
  • Ebene 2 enthält den Hinweis, dass sie durch ihren wohltuenden ästhetischen Klang die Herzen anrührt und auch auf diese Weise ordnungsstiftend wirkt.

Der Text als Gegenstand von Kontroversen

Erstaunlicherweise herrscht in der Fachwissenschaft Uneinigkeit über das Gedicht. Vergleicht man die im Unterricht durch ein genaues Lesen des Gedichts erarbeiteten Erkenntnisse mit den anderen Deutungen, die im Laufe seiner Rezeption entwickelt worden sind, so zeigt sich, dass die Bedeutungsoffenheit literarischer Texte Grenzen hat: Es gibt fachwissenschaftliche und fachdidaktische Deutungen, die durch das genaue Lesen eines Textes heute als textferne aneignend bezeichnet werden können, weil sie durch sozial-politische Positionen und Interessen geprägt sind.

Literatur

Chirollo, Natalie / Schröder, Achim (2017): Literarisches Verstehen durch "genaues Lesen": ein Drei-Phasen-Modell zur Planung von Literaturunterricht, Wiesbaden, Lehrer-Online. Online

Grimminger, Rolf (1984): Die ästhetische Versöhnung. Ideologiekritische Aspekte zum Autonomiebegriff am Beispiel Schillers, in: Schillers Briefe "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", hg. v. Jürgen Bolten, Frankfurt/M., 161-184

Hartwig, Helmut (1972): Man sollte die Glocke wieder lesen. Ein Beitrag zum Thema Trivialliteratur im Unterricht, in: Diskussion Deutsch. Sonderband Ideologiekritik im Deutschunterricht, Frankfurt am Main, 47-75.

Link, Jürgen / Link-Heer, Ursula (1980): Literatursoziologisches Propädeutikum, München.

Ausführliche Version des Fachartikels "Schillers "Das Lied von der Glocke" genau lesen"

In Kooperation mit

Dieser Beitrag wird in Kooperation mit Dr. Achim Schröder angeboten.

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