Das Projekt Mathe-Chat

Das von der Müller-Reitz-Stiftung geförderte Projekt "Pilotstudie zur Chat-unterstützten Erstellung mathematischer Inskriptionen unter Grundschülern" wurde unter der Leitung von Professor Krummheuer vom Autor durchgeführt.

Gegenstände der Studie

Drei zentrale Fragestellungen

Chatten über mathematische Probleme ist eine im schulischen Umfeld auch heute kaum genutzte Art der Aufgabenbearbeitung. Es stellt sich für die Lernenden hierbei das grundsätzliche Problem der schriftlich-grafischen Darstellung ihrer Lösungsbemühungen. In der Studie soll untersucht werden, inwieweit Schülerinnen und Schüler für ihre eigenen Lernprozesse Inskriptionen einsetzen und neu entwerfen, in welcher Weise damit ein kollektiver Aufgabenbearbeitungsprozess strukturiert wird und inwieweit diese Strukturierung den Bearbeitungsprozess bestimmt.

Inskriptionen im Mathematikunterricht

Das Interesse richtet sich auf das detaillierte empirische Studium des inskriptionalen Aspekts in mathematischer Unterrichtsinteraktion. Im hier verwendeten Untersuchungsdesign sollen die Schülerinnen und Schüler inskriptionsbasiert interagieren. Durch den experimentellen Charakter der Chatumgebung werden theoretische und methodologische Fragen zur Verwendung von Verschriftlichung im Mathematikunterricht in verschärfter Form erkennbar. Es wird ausdrücklich nicht der Anspruch erhoben, hier eine zukunftsweisende oder zu empfehlende Lernumgebung empirisch zu erproben.

Durchführung und Auswertung

Aufzeichung der Sitzungen und Erstellung von Transkripten

In der Durchführung an Schulen bearbeiten Grundschulkinder gemeinsam via Chat an Computern mit Touchscreens und mit der Software NetMeeting mathematische Probleme. Der Verlauf dieser Chat-Sitzungen wird mit der Software Camtasia-Studio aufgezeichnet. Zur Auswertung der Chat-Sitzungen werden zu ausgewählten Sequenzen einzelner Chat-Sitzungen Transkripte erstellt. Diese werden mit Methoden der Interpretativen Unterrichtsforschung (Krummheuer & Naujok, 1999) ausgewertet.

Auswertung anhand von Screen-Video-Aufzeichnungen

Hierbei musste diese Methode so weiterentwickelt wurde, dass sie dem besonderen Status der Chat-Kommunikation gerecht werden. Die Chat-Serien wurden gemeinsam mit Studierenden des Lehramts an Grundschulen am Institut für Didaktik der Mathematik theoretisch und methodisch vorbereitet, an Grundschulen in Frankfurt durchgeführt und später anhand der von Screen-Video-Aufzeichnungen erstellten Transkripte detailliert ausgewertet.

Interaktion der Lernenden unter Chat-Bedingungen

Mündliche und schriftliche Aspekte

Mit dem Chatting liegt eine Interaktionsform vor, die einerseits auf Schrift und Grafik beruht, andererseits durch ihre hohe Interaktivität eher der zwischenmenschlich-verbalen Interaktion ähnelt. Um das Chatten als Kommunikationsform einzuordnen, wurde die von Koch und Oesterreicher ausgearbeitete Unterscheidung zwischen der "konzeptionellen" und der "medialen" (1985, Seite 17) Ebene von Mündlichkeit und Schriftlichkeit genutzt.

Konzeptionelle und mediale Ebenen

Diese beschreiben das Chatten als eine Kommunikationsform, die auf der konzeptionellen Ebene typische Merkmale von Mündlichkeit aufweist, während die mediale Ebene eine schriftliche Sprachform darstellt. Auf der konzeptionellen Ebene wird von Koch und Oesterreicher jeweils graduell differenziert, zum Beispiel nach Vertrautheit sowie zeitlicher Situierung. Die Begriffe "mündlich" und "schriftlich" stellen auf konzeptioneller Ebene die "Endpunkte eines Kontinuums" (1994, Seite 587) dar. Die mediale Ebene ist dichotomisch, das heißt die Kommunikation gestaltet sich entweder schriftlich oder mündlich.

Chat als "getipptes Gespräch"

Dürscheid greift den Ansatz von Koch und Oesterreicher auf und differenziert diesen für die neuen populären Kommunikationsformen wie Chat, Short-Message-Service (SMS) und Instant-Messaging (IM) weiter aus. Sie beschreibt den Chat als getipptes Gespräch, grenzt es aber vom dialogischen Text ab. Ermöglicht wird dies durch eine quasisynchrone Kommunikation in einem gemeinsamen, elektronisch erzeugten Kommunikationsraum (Dürscheid 2003, Seite 41).

"Chatbox" und "Whiteboard" in NetMeeting

+Beispiel für NetMeeting

Verschiedene Formen der Dateneingabe

In dem verwendeten Programm NetMeeting nutze ich für das Projekt die Möglichkeit, Daten am Computer in zwei verschiedenen Formen einzugeben: In der "Chatbox" erscheint mithilfe der Tastatur geschriebener alphanumerischer Text (Abb. 1, linker Teil; Platzhalter bitte anklicken). Auf dem "Whiteboard" wird mit einem speziellen Stift gezeichnet (Abb. 1, rechter Teil; Platzhalter bitte anklicken). Hierzu steht das bei Grafikprogrammen übliche Grafiktableau von Eingabehilfen zur Verfügung. Chatbox und Whiteboard lassen sich in NetMeeting als zwei Fenster nebeneinander anordnen. Von jedem der beiden verbundenen Computerplätze kann auf diese Daten reagiert und geantwortet werden.

"Quasisynchrone" Kommunikation im Chatbox-Bereich

Die Kommunikation im Chatbox-Bereich läuft in der Terminologie von Dürscheid "quasisynchron" (2003, Seite 44): Die Nachrichten müssen geschrieben und zur Veröffentlichung abgesendet werden. Bis zu dieser Versendung sind sie für die anderen Chat-Teilnehmer nicht sichtbar. Die Nachricht wird in einem Eingabefenster geschrieben und kann vom Eingebenden vor dem Verschicken verändert oder gelöscht werden. Nach dem Versenden steht die Nachricht unter Angabe des Autors und des Absendezeitpunkts auf allen am Chat beteiligten Computern in der Chatbox. Sie kann jetzt nicht mehr verändert werden. Entsprechend kurztaktig verwendet, kann auf diese Weise eine quasisynchrone Kommunikation entstehen.

Synchrone Kommunikation im Whiteboard-Bereich

Im Whiteboard-Bereich verläuft die Kommunikation dagegen synchron, das heißt jede Aktion auf dem Whiteboard ist zeitgleich auf dem Whiteboard der anderen Chat-Teilnehmer zu sehen. Auch eventuelle Korrekturen, die vom Autor der Nachricht vorgenommen werden, sind während des Korrekturprozesses sichtbar. Außerdem ist die veröffentlichte Grafik zur Bearbeitung für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugänglich. So wird insbesondere dieser Teil des verwendeten Chat-Settings zur Plattform für die Erstellung von gemeinsamen Zeichnungen, Diagrammen, Zahlenfolgen oder ähnlichem. Die Einträge in der Chatbox wie auch im Whiteboard werden zusammenfassend als "Inskriptionen" bezeichnet.

Durchführung der Chatsitzungen

Arbeit in zwei Gruppen

Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten jeweils alleine oder zu zweit in zwei getrennten Räumen und hatten die Vorgabe, mehrere Aufgaben auf den vorher eingerichteten Whiteboards zu lösen. Die Lösung sollte nicht etwa in Konkurrenz zur anderen Gruppe, sondern in Kooperation mit dieser erarbeitet werden. Dazu gab es den Hinweis, dass sowohl das Whiteboard als auch die Chatbox zur Kommunikation mit der anderen Gruppe dienen. Weitere Hilfsmittel - insbesondere Blätter oder Stifte - waren nicht vorhanden und sollten auch keinesfalls hinzugezogen werden. Die Sitzungen dauerten in der Regel 40 bis 60 Minuten. In dieser Zeit wurden in aller Regel zwei bis fünf Aufgaben gemeinsam gelöst. Das Ende der einzelnen Aufgaben wurde von den Schulkindern bestimmt und durch Weiterblättern oder durch Absprache in der Chatbox oder auf dem Whiteboard vereinbart. Durch das "Umblättern" gelangte man dann zur nächsten eingerichteten Whiteboardseite.

Beispiel-Film

Dieser Film zeigt die Funktionen von "Chatbox" und "Whiteboard" in NetMeeting bei der Lösungsfindung und verdeutlicht den Ablauf einer Chatsitzung.

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Autor
Portrait von Prof. Dr. Christof Schreiber Prof. Dr. Christof Schreiber

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