Eine genaue Lektüre: der zweite Teil des Romans

Meursaults Selbststilisierung

Zunächst einmal eine Selbstschilderung, in der er sich als normal ("j'étais comme tout le monde", 76) und gelangweilt darstellt ("Il m'a seulement demandé du même air un pas las si je regrettais mon acte. J'ai réfléchi et j'ai dit que, plutôt que du regret véritable, j'éprouvais un certain ennui", 81.) und als der einzige, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, wenn er eine Idee seines Anwalts für eine taktisch-strategische, die Wahrheit verletzende Aussage ablehnt, "parce que c'est faux" (76). Wie Marie und wie Raymond Sintès gilt auch ihm das körperliche Vergnügen, das hedonistische Leben in den Tag hinein als das Wichtigste: "mes besoins physique dérangeaient souvent mes sentiments" (74). Meursault als Erzähler erzählt höchst intelligent und seine Intelligenz fällt auch seinen Mitmenschen auf, zum Beispiel dem Gefängniswärter. Er berichtet nicht ohne Stolz, dass dieser seine besondere Intelligenz erkannt habe: "Vous comprenez les choses, vous. Les autres non" (90).

Im letzten Kapitel findet er zu einer Sprache, die seinem eigentlichen Ich als intelligentem Denker und Erzähler entspricht. Er leistet eine leidenschaftliche und tief schürfende Selbstreflexion zurück in seine Kindheit, erinnert seinen Vater (127), entwirft Strafrechtsreformen (128) nachdem er bis dahin von keinerlei intellektuellen Aktivitäten berichtet hatte. Der Wutausbruch kurz vor der Hinrichtung enthüllt einige Gedanken, die Meursault zuvor entweder für sich behalten hat oder von denen er als Erzähler nicht erzählen wollte.

Meursaults Entdeckung der Indifferenz in der Gegenwart der Erzählzeit

Im letzten Kapitel des Romans kommt die Handlung in der Gegenwart an, erkennbar am Präsens der Erzählung. Hier formuliert der Ich-Erzähler erstmalig im Roman in der Gegenwart. Er hat (!) dem Priester nichts zu erzählen:

"Pour la troisième fois, j'ai refusé de recevoir l'aumônier. Je n'ai rien à lui dire" (Soelberg 1985, 83).

Was genau geschieht nun, da wir als Leserinnen und Leser am Ursprung der Entstehung der Erzählung angekommen sind? Und: Warum erzählt der Erzähler das, was er erzählt?

In der Gegenwart der Erzählung vollzieht sich die "prise de conscience décisive" (84), "la narration entière a lieu après cette prise de conscience" (ebd.).

Meursault empört sich gegen Scheinwahrheiten

Erzählt wird hier der Wutausbruch von Meursault, der sich kurz zuvor gegen die Rede des Predigers empört hatte, gegen dessen anmaßende Behauptung, über sichere Werte und sicheres Wissen zu verfügen.

"Il avait l'air si certain, n'est-ce pas?"

Meursault setzt dem Priester seine subjektiven Wahrheiten entgegen. Zunächst einmal die mit Frauen erlebbare Sinnlichkeit, die dem katholischen Priester verwehrt bleibt, und deren Genuss für Meursault eine verlässlichere Wahrheit darstellt, als die vom Priester behaupteten religiösen Scheinwahrheiten:

"Pourtant, aucune de ses certitudes ne valait un cheveu de femme. Il n'était même pas sûr d'être en vie puisqu'il vivait comme un mort."

Dann die Gewissheit, sterben zu müssen:

"Moi, j'avais l'air d'avoir les mains vides. Mais j'étais sûr de moi, sûr de tout, plus sûr que lui, sur de ma vie et de cette mort qui allait venir. Oui, je n'avais que cela. Mais du moins, je tenais cette vérité autant qu'elle me tenait."

Schließlich die Erkenntnis, dass sein Leben keinen Sinn gemacht habe, da nichts, was er gemacht habe, von Bedeutung gewesen sei:

"J'avais eu raison, j'avais encore raison, j'avais toujours raison. J'avais vécu de telle façon et j'aurais pu vivre de telle autre. J'avais fait ceci et je n'avais pas fait cela. Je n'avais pas fait telle chose alors que j'avais fait cette autre. Et après? C'était comme si j'avais attendu pendant tout le temps cette minute et cette petite aube où je serais justifié. Rien, rien n'avait d'importance et je savais bien pourquoi. Lui aussi savait pourquoi. Du fond de mon avenir, pendant toute cette vie absurde que j'avais menée, un souffle obscur remontait vers moi à travers des années qui n'étaient pas encore venues et ce souffle égalisait sur son passage tout ce qu'on me proposait alors dans les années pas plus réelles que je vivais."

Meursault legitimiert seinen Mord als Revolte gegen die Scheinwahrheiten des Priesters

Aus dieser Erkenntnis leitete er in seiner Empörung ab, dass ein grenzenloser Egoismus, ein Mangel an Empathie mit dem Mordopfer, mit seiner Mutter und so weiter legitim sei:

"Que m'importaient la mort des autres, l'amour d'une mère, que m'importaient son Dieu, les vies qu'on choisit, les destins qu'on élit, puisqu'un seul destin devait m'élire moi-même et avec moi des milliards de privilégiés qui, comme lui, se disaient mes frères. Comprenait-il, comprenait-il donc? Tout le monde était privilégié. Il n'y avait que des privilégiés. Les autres aussi, on les condamnerait un jour. Lui aussi, on le condamnerait. Qu'importait si, accusé de meurtre, il était exécuté pour n'avoir pas pleuré à l'enterrement de sa mère?"

Die Frage nach dem Wert der Menschen und ihrer Schuldfähigkeit, damit auch die Frage nach seiner Schuld am Mord, beantwortet er in diesem Moment so folgerichtig als unbedeutend:

"Le chien de Salamano valait autant que sa femme. La petite femme automatique était aussi coupable que la Parisienne que Masson avait épousée ou que Marie qui avait envie que je l'épouse. Qu'importait que Raymond fût mon copain autant que Céleste qui valait mieux que lui? Qu'importait que Marie donnât aujourd'hui sa bouche à un nouveau Meursault?"

Meursaults Indifferenz ist keine grundsätzliche Haltung, sondern ein Element seiner Revolte

Interessanterweise erkennt er an, dass nicht alle Menschen grundsätzlich ununterscheidbar seien: "Qu'importait que Raymond fût mon copain autant que Céleste qui valait mieux que lui?" (141). Die von Meursault hier formulierte Indifferenz gegenüber der Welt ist keine ihn grundsätzlich, von Anfang an charakterisierende Haltung, sie ist ein Element seiner Revolte. Meursault kann zwischen Dingen, Menschen, Qualitäten, Quantitäten und so weiter unterscheiden. Er ist grundsätzlich nicht indifferent, sondern durchaus urteilsfähig und sieht, dass Raymond, der brutale Zuhälter, weniger verdient hatte, sein Freund gewesen zu sein, als Céleste.

Meursaults Entscheidung: Von nun an ist mir alles gleichgültig.

Sein Wutanfall mündete jedoch in die Entscheidung, dass ihm die Welt und die Unterschiede, die für ihn zuvor feststellbar waren, von diesem Moment an (!), "qui maintenant", für immer gleichgültig sein würden:

"Des bruits de campagne montaient jusqu'à moi. Des odeurs de nuit, de terre et de sel rafraîchissaient mes tempes. La merveilleuse paix de cet été endormi entrait en moi comme une marée. À ce moment, et à la limite de la nuit, des sirènes ont hurlé. Elles annonçaient des départs pour un monde qui maintenant m'était à jamais indifférent."

Jetzt erst beginnt die Erzählung

Hier beginnt er, sich daran zu erinnern, wie er gelebt hatte und denkt zuerst an seine Mutter:

"Pour la première fois depuis bien longtemps, j'ai pensé à maman. […]"

Und in diesem Augenblick beginnt er zum ersten Mal, "pour la première fois", sich der "zarten Gleichgültigkeit" der Welt zu öffnen, einer Welt, die ihm vor diesem Augenblick nicht gleichgültig gewesen war. Von jetzt an erzählt er im Rückblick, oder von einem Moment an, der kurz auf die Revolte folgt. Und in dieser rückblickenden Erzählung erscheint alles in der nun empfundenen Indifferenz.

"Comme si cette grande colère m'avait purgé du mal, vidé d'espoir, devant cette nuit chargée de signes et d'étoiles, je m'ouvrais pour la première fois à la tendre indifférence du monde. De l'éprouver si pareil à moi, si fraternel enfin, j'ai senti que j'avais été heureux, et que je l'étais encore."

Erst von diesem Moment an erscheint ihm das Leben, das er gelebt hat, als absurd ("cette vie absurde que j'avais menée", 140).

Wieso also empfindet er das Leben von diesem Zeitpunkt an als absurd? Antrieb seiner gefühlten Indifferenz des Lebens ist seine kurz bevorstehende Hinrichtung. Sein Gnadengesuch ist zurückgewiesen worden, er ist aus der Zelle, in der er mehrere Monate war, nun in eine neue Zelle, in die Todeszelle, verlegt worden  (vgl. hierzu Soelberg 1985). Er revoltiert gegen den Priester, der ihm die Gültigkeit einer traditionell-religiösen Wahrheit verspricht, die er empört ablehnt.

Autor
Portrait von Dr. Achim Schröder Dr. Achim Schröder

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