Claude Nougaros Chanson "Bidonville" genau lesen

Dieser sich auf das literaturdidaktische Modell des "genauen Lesens" (Chirollo/Schröder 2017) beziehende Fachartikel zu Claude Nougaros Chanson "Bidonville" (1966) erläutert die fachdidaktischen Überlegungen, die der gleichnamigen Unterrichtseinheit zugrunde liegen.

Schwierigkeiten bei der Arbeit mit dem Text

Texte im Fremdsprachenunterricht irritieren gleichermaßen durch ihre sprachliche Fremdartigkeit und durch ihre zeit- und kulturbezogenen "fremden" Inhalte. Fremdsprachliche Text gilt es bei der Planung und Durchführung von Unterricht deshalb stets aus den Augen der Lernenden zu betrachten, auf der Suche nach sprachlichen Lernschwierigkeiten auf der einen Seite und ihrem inhaltlichen, kulturellem Irritationspotential auf der anderen Seite. Ein zentrales Element der Textarbeit sind deshalb die Fragen, die der Text für die Schülerinnen und Schüler aufwirft.

Ergebnisse eines literarischen Gesprächs

In einem literarischen Gespräch mit Schülerinnen und Schülern, das stets als Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit literarischen Texten dienen sollte, gilt es, diese und andere vom Lied ausgelösten Irritationen zum Ausgangspunkt einer Deutungsarbeit am Lied zu machen.

In literarischen Gesprächen über das Chanson "Bidonville" verweisen Lernende auf eine Vielzahl von Stellen, die ihnen dunkel und rätselhaft erscheinen. Insbesondere das Ende, das die Perspektive einer baldigen "Erlösung" von Armut, Leid und Ausgrenzung skizziert, wirft Fragen auf:

  • Handelt es sich bei dem Lied um eine revolutionäre Aufforderung, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern?
  • Warum verschiebt das zweite lyrische Ich die Verbrüderung auf eine nahe und doch zugleich zeitlich unbestimmte Zukunft anstatt sie sofort zu vollziehen?

Ergebnisse einer Basisanalyse

Durch ein auf das literarische Gespräch folgendes erneutes abschnittsweises Lesen des Gedichts kann im Literaturunterricht zunächst versucht werden, erste textimmanent fundierte präzise Antworten sowie einige leicht zu klärende Verständnis- und Deutungsfrage zu formulieren und so zunächst eine "Basisanalyse" (Tepe 2017) der Textstruktur zu erstellen. Dabei kann das Folgende erarbeitet werden:

  • Der Titel des Liedes verweist auf die soziale Realität von Elendsvierteln, die sich in den Peripherien der Großstädte in der 1. bis in der 3. Welt finden.
  • Das erste lyrische Ich bewohnt ein bidonville. Es wendet sich an ein weiteres zunächst zuhörendes lyrisches Ich und beschreibt ihm das Leben dort.
  • Ein zweites lyrisches Ich fordert es auf, ihm die Hand zu geben, bietet ihm seine Hand an. Unklar bleibt, ob es zu einem Händedruck kommt.
  • Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass beide gleich sein könnten: "wir können annehmen gleich zu sein". Damit ist indirekt gesagt, dass sie es aber noch nicht sind.
  • Das erste lyrische Ich lehnt es ab, den bidonville zu verlassen.
  • Es begründet seine Weigerung damit, dass es in den cités, also den modernen Wohnstädten, das Elend nicht würde vergessen können.
  • Es kommt zu einem Abschied, weil das erste lyrische Ich den bidonville nicht verlassen will, das zweite, den Refrain singende Ich es jedoch verlässt.
  • Zwischen den beiden steht neben eine Barriere, die sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht überwinden konnten, sie können erst in einer unbestimmten Zukunft miteinander sprechen.
  • Diese Zukunft trägt in der Beschreibung Züge, die an Paradiesbeschreibungen erinnern.
  • Die zweite Person macht dem Bewohner des bidonville also ein Angebot der Verbrüderung, das jedoch scheitert und dessen Realisierung auf die Zukunft verschoben wird.

Die offene durch eine Kontextualisierung zu beantwortende Frage

Diese durch textimmanentes Lesen erstellte Deutung kann jedoch die Frage nicht beantworten, wieso die Verbrüderung (on pourra s’embrasser) auf eine nahe aber unbestimmte Zukunft verschoben wird.

Durch eine Kontextualisierung kann versucht werden, mögliche fundierte Antworten auf diese textimmanent nicht zu klärenden Fragen zu formulieren. Es zeigt sich, dass das Lied die historische Erfahrung artikuliert, dass die Bewohner der bidonville in den französischen Großstädten der 60er Jahre nicht zu kontrollieren, sondern zu integrieren sind (Gastaut 2004). Zugleich zeigt sich bei einer genauen Lektüre, dass dies nur in einer unbestimmten Zukunft möglich sein wird, weil die Umsiedlung der Bewohner in die neu gebauten cités das soziale Problem nicht wird lösen können.

Literatur

Chirollo, Natalie / Schröder, Achim (2017): Literarisches Verstehen durch "genaues Lesen": ein Drei-Phasen-Modell zur Planung von Literaturunterricht. Online

Gastaut, Yvan (2004): « Les bidonvilles, lieux d’exclusion et de marginalité en France durant les trente glorieuses », Cahiers de la Méditerranée [En ligne], 69 | 2004, mis en ligne le 10 mai 2006 Online 

Tepe, Peter/ Rauter, Jürgen/ Semlow, Tanja (2017): Regeln und Empfehlungen für die kognitive Textarbeit, Online im Internet. Online

Ausführliche Version des Fachartikels "Claude Nougaros Chanson "Bidonville" genau lesen"

In Kooperation mit

Dieser Beitrag wird in Kooperation mit Dr. Achim Schröder angeboten.

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