Kleines Handorakel für junge Lehrkräfte: Zehn Überlebenstipps

Der Gelegenheitsautor Dr. Christian Schwießelmann hat in seinem Orakel seine Erfahrungen als Junglehrer in zehn kleine, humorvolle und alltagspraktische Tipps verpackt. Ob angehende Lehrkraft oder schon seit Jahrzehnten im Schuldienst, hier findet sicherlich jeder und jede Gedanken und Ideen zum Mitnehmen.

1. Erfinde das Rad nicht neu. Vor dir haben schon Millionen Lehrkräfte unterrichtet, nach dir werden sie es auch tun. Nutze ihr Wissen. Zuerst aber blicke ins Tierreich. Intelligente Tiere sind Imitationslerner. Was der "Silberrücken"(-Pavian) vormacht, wiederholt der "Rotarsch". Alle Affen machen's nach, gilt erst recht für die Schule. Schon der Steinzeitsenior lehrt seinen Steinzeitjunior, wie man einen Faustkeil herstellt, indem er ihm vormacht, damit es der Nachwuchs nachmache. Papa lässt es gerade nicht Papa machen, sondern er will, dass sein Kind ein eigenes Werkzeug herstellt.

Merke: Der "homo faber" war zuerst ein "homo discens". Angehende Magister mögen hier schon die Phasierung erkennen: den Lehrgegenstand schmackhaft machen, Wissen vermitteln, seinen Erwerb überprüfen und anwenden. Die neuen Esel an den schulpraktischen Seminaren nennen das heute die Drei-E(sel)-Regel: Einstieg, Erarbeitung, Ergebnissicherung. Im 19. Jahrhundert sprach ein alter Esel namens Johann Friedrich Hebart von Klarheit, Assoziation, System und Methode. Im Grunde meinen sie ein und dasselbe. Das grundlegende Prinzip hat sich eben nie gewandelt.

2. Frage. Wie die Philosophie nach Aristoteles beginnt Unterricht mit dem Staunen. Den Schüler und die Schülerin erstaunt, dass Wasser unter null Grad Celsius nicht gefrieren muss und die Erde eigentlich ein Raumschiff ist. Nutze den Überraschungseffekt. Frage, als würde Sokrates einen Sophisten sezieren. Was tun Menschen, wenn sie jemanden wahlweise des Gutmenschtums, des Links- oder Rechtsextremismus, der Klimaleugnung oder der -hysterie zeihen? Was unterscheidet den Islamisten vom Moslem? Ist der Regenwald wirklich die grüne Lunge der Erde? Das Selbstverständnis wird durch die Frage erst ein verständliches Selbst.

Kannst du richtig fragen, beherrscht du automatisch schon die Königsdisziplin: das Unterrichtsgespräch. Hast du die sokratische Methode, das Abklopfen der Argumente und das Evozieren der Gegenargumente, einmal in der Klasse etabliert, dann lehne dich als Moderierender zurück. Argumente abwägende Schülerinnen und Schüler sind schlauer als die meisten Politikerinnen und Politiker.

3. Sei du selbst. Natürlich hat jeder Vorbilder. Eine Lehrkraft, deren Erscheinung ihm oder ihr imponiert und vielleicht sogar bewogen hat, diesen Beruf zu ergreifen. Doch Vorsicht: Das Schulamt braucht Originale und keine Abziehbilder. Nicht jeder ist witzig, hat eine sonore Stimme oder eine hohe Statur. Was tun? Auf Oma hören und mit den eigenen Pfunden wuchern. Oder zeitgemäßer formuliert: authentisch bleiben.

Der Witzbold darf – nein: er muss – seine Klasse mit Pointen beliefern; die bierernst-strenge Kollegin mit dem geflochtenen Zopf, die privat zum Lachen in den Keller geht, sollte auch in der Schule keine Possen reißen. Schülerinnen und Schüler sind sensibler als Seismographen, keine noch so gelungene Verstellungskunst wird ihnen verborgen bleiben. Das setzt freilich voraus, dass du dich selbst kennst. Dieser mitunter lebenslange Erkenntnisprozess hat den Vorteil, dass du einige Vorlieben in der Schule erproben kannst. Deshalb:

4. Sei dein eigenes Lernlabor. Bringe mit, was dich interessiert. Die Themen liegen nämlich auf der Straße. Hebe sie auf. Hast du einen alten Pionierausweis, dann erzähle die Geschichte der DDR ausgehend von diesem Dokument. Stelle die Lernenden symmetrisch im Klassenzimmer wie ein Atomgitter im Metall auf und erkläre den elektrischen Strom, indem du einen Schüler den fingierten Leiter vom Minus- zum Pluspol hindurch laufen lässt. Verrätsele die Suche nach einer chemischen Verbindung mit einer Detektivstory.

Kannst du ein Gedicht auswendig, dann fordere die Schülerinnen und Schüler auf, die Augen zu schließen, und sprich: "Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus" (Joseph von Eichendorff, Mondnacht). Und du wirst ihre Herzen gewinnen wie ein Schauspieler, der sehnsuchtsvoll auf der Bühne deklamiert und dem das Publikum an den Lippen hängt. Wisse: Ein Mensch, der ein Gedicht auswendig weiß, beeindruckt immer. Er ist nämlich selten geworden. Kurzum: Überrasche die Lernenden und durchbrich gewohnte Bahnen. Wer neue Wege geht, stolpert mitunter, ihm wird aber niemals langweilig.

5. Sei nicht nachgiebig, sondern konsequent. Schülerinnen und Schüler lieben keine Schluffis. Schmeißt du mit Einsen um dich wie ein Tennisautomat mit Bällen, bist du nur vordergründig beliebt. Hinter der Hand tuscheln sie und die Kolleginnen und Kollegen über deine lasche Notenpraxis, zweifeln an deiner Professionalität. Doch verfalle auch nicht ins Gegenteil und mime den harten Hund. Wer nur Fünfen und Sechsen verteilt, beweist, dass er die Diagnostik-Vorlesung verschlafen hat und die Gaußsche Glockenkurve mit einer Käseglocke auf dem Frühstückstisch verwechselt. Gesundes Misstrauen gegenüber Schülerinnen und Schülern ist gut, aber wenn das Notenspektrum mit Drei beginnt, klingt ein fundamentales Misstrauen gegenüber dem Menschen durch. Vergegenwärtige dir, dass du auch eine "tabula rasa" warst.

In den schulpraktischen Seminaren hört man die Drei-K-Regel ebenso wie die Drei-E-Regel: konsequent, kongruent, kontinuierlich. Dahinter steckt eine Banalität, die so banal ist, dass du sie im Alltag häufig vergisst: Was du den Schülerinnen und Schülern androhst, musst du vollstrecken. Das ist die größte Tugend, Konsequenz geheißen. Was du von den Schülerinnen und Schülern erwartest, musst du selbst vorleben. Das ist die zweite Tugend, die Deckungsgleichheit von Wollen und Tun verlangt. Was du anfängst, musst du zu Ende bringen, lautet die dritte Tugend der Kontinuität.

Auf Deutsch: Wer Arbeit anschafft, muss sie kontrollieren. Einmalige Hausaufgabenkontrollen kann man sich gleich sparen. Wer die Erledigung der Hausaufgaben von Schülerinnen und Schülern erwartet, muss sich auch selbst auf den Unterricht vorbereiten. Ein letzter Praxistipp aus dem Vorratsschatz erfahrener Kolleginnen und Kollegen: Walte deines Amtes zunächst streng bei einer neuen Klasse. Ist Vertrauen aufgebaut, zeige dich menschlich und lass die Zügel gelegentlich locker, ohne sie aus der Hand zu geben. Wo die Pferde allein laufen, lehne dich auf dem Kutschbock zurück. Die Etappe ist lang.

6. Nutze die Kolleginnen und Kollegen. Wenn wahr ist, dass du nicht der erste Lehrer oder die erste Lehrerin auf der Welt bist und auch nicht der oder die letzte sein wirst, dann empfiehlt es sich, auf das geronnene Erfahrungswissen der Kolleginnen und Kollegen zurückzugreifen. Sie haben bereits Arbeitsblätter, Vorbereitungstest und Wissen darüber, wie welche Stellen exemplarisch zu lesen sind, wenn du Goethes Faust oder den Kaufvertrag im BGB unterrichten willst. Hospitiere bei ihnen und lausche ihren Beispielen und Erzählungen. Taugen sie etwas, dann kopiere sie hemmungslos wie ein chinesischer Spion Siemens-Technologien. Nur so kommst du an die Weltspitze.

Anders als früher steht dir heute das digitale Gedächtnis der Welt zur Verfügung. Prinzipiell zu jedem Thema gibt es fertiges Unterrichtsmaterial, zunehmend auch interaktive Übungen, Textbausteingeneratoren, Lyrikgeneratoren, Erklärvideo-Clips und so weiter. Warum willst du deinen Schülerinnen und Schülern dieses Wissen vorenthalten? Erkunde das Netz und teile deine Entdeckung, um die Lernenden anzufüttern. Führe sie dann aber auch durch die Mühen der (Lehrbuchtext-)Ebene. Übe das Lesen als Schlüsselaneignungstechnologie. Ohne basale Grundfertigkeiten nützen digitale Medien gar nichts, im Gegenteil: Sie entlasten die unterentwickelten Textlese- und Texterfassungsmuskeln der Schülerinnen und Schüler weiter. Und dieser Art der Erschlaffung sollst du ja entgegenwirken. Sei ein Mindfitnesstrainer.

7. Rhythmisiere deine Stunden. Merkst du, dass das Publikum nach sechs Stunden Unterricht wegnickt, dann hilft nur eine Lockerungsübung. Leben – das kann man von Goethe lernen – folgt dem Puls des Herzmuskels – der ständige Wechsel von Anspannung (Kontraktion) und Entspannung (Relaxation). Es ist naheliegend, dass der Schulunterricht bei der Humanbiologie Anleihen macht, wenn er gelingen soll. Baue also geistige Pausen ein, motiviere die Lernenden zu einem Unterrichtsgespräch, um das Gelernte zu verarbeiten und zu vertiefen. In einer Entspannungsphase lasse sie nach einer passenden Karikatur oder einem Witz suchen.

An dieser Stelle lohnt es sich auch klarzumachen, dass der Tagesaufmerksamkeitsspanne von Lernenden Grenzen gesetzt sind. Jede Lehrkraft erwartet volle Konzentration für ihren Unterricht. Bei bis zu acht Stunden Schulunterricht pro Tag muss diese Erwartungshaltung an der Realität scheitern. Niemand ist verpflichtet, mehr zu leisten als er vermag, heißt ein römischer Rechtsgrundsatz. Das gilt vor allen Dingen für Schülerinnen und Schüler.

8. Mach es (dir) einfach. Viel Vorbereitungsaufwand lässt sich reduzieren, wenn man die Stunde einfach hält. Die Ambivalenz des vorangehenden Satzes ist durchaus beabsichtigt (Der Connaisseur weiß, dass sie auf der doppelten Semantik des Wortes "einfach" basiert). Manche Vereinfachungsprozeduren sind dir aus deiner eigenen Schulzeit bekannt. Gestandene Fremdsprachlehrkräfte riefen zur Vokabelkontrolle zwei Lernende hinter die Tafel, diktierten aus dem Lehrbuch die neuen Vokabeln und sammelten die Übersetzungen ein. Anschließend korrigierten sie den Tafelanschrieb als Ergebnissicherung und Auswertung. Jeder Schüler und jede Schülerin erhielt eine Note und befriedigt waren mindestens vier Interessen gleichzeitig: Leistungserfassung, Auswertung, Anknüpfung an die vorherige Stunde und Disziplinierung der Schülerinnen und Schüler beziehungsweise extrinsische Motivation zum Lernen der nächsten Einheit.

Ähnlich einfach lässt sich eine Diskussion gestalten. Schicke die Schülerinnen und Schüler am Ende der Stunde an die Tafel und lasse sie links Vor- und rechts Nachteile des Unterrichtsgegenstandes notieren. Denn überall, wo Licht ist, herrscht auch Schatten. Schnell hast du auf diese Weise Material für eine vertiefende Pro-Kontra-Diskussion zusammen. Zudem lassen sich die Argumente auf einer Meta-Ebene nach Typen klassifizieren. Damit überragst du das Talkshow-Niveau des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms um Höhen.

9. Mut zur Türschwelle. Dass sich manche Lehrkräfte das Stundenthema erst an der Türschwelle zum Klassenzimmer aus dem Ärmel schütteln, ist ein offenes Geheimnis des verschlossenen Lehrerzimmers; diese Schwellen- oder Ärmelpädagogik ist mitunter aber unentbehrlich und inspirierend. Friedrich Nietzsche, der am Baseler Pädagogium sieben Jahre Altgriechisch lehrte, rühmte sich nahe dem (Größen-)Wahn in seiner Autobiographie "Ecce Homo": "Dem Zufall bin ich immer gewachsen; ich muß unvorbereitet sein, um meiner Herr zu sein."

Diese Einstellung hilft dir, das Streben nach Perfektion im Zaum zu halten und Freiheiten für Assoziation und Spontanität zu bewahren. Sie sorgt zugleich dafür, dass der Burnout nicht so schnell an deine Tür pocht. (Tut er es dennoch, rufe die Kolleginnen und Kollegen und sage ihnen, es sei für sie.) Oft zeigen sich desinteressierte Schülerinnen und Schüler gar nicht wert, lange Nächte ihretwillen am heimischen Arbeitstisch für Unterrichtsvorbereitung zu opfern. Deshalb tröste dich und vor allem:

10. Erwarte keine Dankbarkeit. Auch wenn du die Klasse vom Keimling über den Setzling bis zu hin zum Oberstufen-Aufpfropfling durch die gesamte Baumschule geführt hast, der Dank der Schülerschaft ist dir nicht gewiss. So mag es sein, dass einige Hölzer trotzdem krumm geraten sind, andere danken es dem Gärtner erst im Rückblick, nach einer angemessenen Reifefrist oder nie. Dies liegt in der Logik eines Schulsystems, das mit Zwangsbeglückung und Schulpflicht arbeitet. Gräme dich nicht darüber. Hie und da gedenkt im Stillen ein Schüler oder eine Schülerin deiner, murmelt etwas davon, dass der oder die Alte doch nicht ganz Unrecht gehabt haben könnte. An diesem Gedanken labe dich.

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