Twitter als Ratgeber-Medium bei Corona-Schulschließungen

veröffentlicht am 30.04.2021

Eine Studie der Universität Tübingen zeigt Potenzial von Online-Communities und legt Defizite des Digitalisierungsprozesses in Schulen offen.

Lehrkräfte haben während der Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie verstärkt Social-Media-Plattformen wie Twitter als Informationsquelle und zur Fortbildung genutzt. Sie vernetzten sich in der Online Community und tauschten sich über die Herausforderungen bei der Umstellung auf den digitalen Unterricht aus. Die drängendsten Themen waren guter digitaler Unterricht, die fehlende Software und unzureichendes digitales Know-How. Gleichzeitig zeigten die Twitter-Beiträge die Defizite im Bildungssystem hinsichtlich der digitalen Ausstattung und der Vermittlung entsprechender Kompetenzen an die Lehrkräfte auf. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, des Leibniz-Instituts für Wissensmedien Tübingen und des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Die Studie wurde kürzlich in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft veröffentlicht.

Ausgewertet wurden unter anderem über 21.000 Beiträge, sogenannte Tweets, von mehreren tausend Nutzerinnen und Nutzern im Zeitraum vom 6. Januar bis zum 3. Juni 2020, die unter den Hashtags #twitterlehrerzimmer oder #twlz veröffentlicht wurden. Hashtags können wie Schlagworte behandelt werden und vernetzen die Mitglieder einer Community. Mithilfe von computerlinguistischen Methoden wurden Themen der Tweets bestimmt, sowie die Reaktionen, die sie hervorriefen, zum Beispiel, wenn sie besonders häufig weiterverbreitet wurden, starke Zustimmung erhielten oder intensiv diskutiert wurden.

Studienergebnisse

Es zeigte sich, dass sich die Themen vor und während der Schulschließungen wenig unterschieden und das Twitterlehrerzimmer bereits vor den Schulschließungen für Austausch und Vernetzung hinsichtlich digitalen Unterrichts genutzt wurde. Es kann angenommen werden, dass der digital gestützte Unterricht in Deutschland vor der Corona-Pandemie bisher vor allem denjenigen Medienenthusiasten überlassen war, die sich beispielsweise aus persönlicher Überzeugung in die Thematik eingearbeitet hatten. Während der Schulschließungen erhöhte sich die Anzahl der Tweets erwartungsgemäß und das Thema wurde noch stärker in den Fokus gerückt. Vor den Schulschließungen stand eher der Wunsch nach Veränderung im Raum, der durch die häufig in Zusammenhang verwendeten Worte Bildungsnotstand und Bildungsrevolution ausgedrückt wurde. Während der Schulschließungen wurde dann die unbekannte Situation des digitalen Distanzunterrichts diskutiert. So wurde beispielsweise das Schlagwort Homeschooling in Kombination mit Worten wie Medienkompetenz verwendet, und es standen die Werkzeuge im Vordergrund, die digitalen Unterricht ermöglichen.

Um herauszufinden, welche Herausforderungen und Chancen im Twitterlehrerzimmer während der Schulschließungen thematisiert wurden, wurden diejenigen Tweets hinsichtlich ihrer Inhalte analysiert, die das größte Echo erzeugten: Sie erhielten viele Likes und wurden häufig geteilt oder kommentiert. Als die drei drängendsten Herausforderungen wurden die Gestaltung eines guten digitalen Unterrichts, die fehlende Software zum digitalen Lehren und Lernen sowie unzureichendes digitales Know-How zur Durchführung des digitalen Unterrichts genannt. Die drei größten Chancen, die sich boten, waren die Möglichkeiten für Vernetzung und Austausch, das Angebot von digitalem Material und das Angebot von Tipps und Erklärungen. Diese Angebote wurden auch am häufigsten verbreitet.

"Dies kann als Anzeichen für den großen Bedarf an Materialien, Software sowie Tipps und Erklärungen zur Nutzung und Umsetzung im digitalen Unterricht gedeutet werden", erklärt Dr. Tim Fütterer vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung und Erstautor der Studie. Beispielsweise wurde ein Tweet, der eine kostenlose Geographie-App vorstellte, am häufigsten geteilt. Am stärksten diskutiert wurden die hohe Arbeitsbelastung durch die Umstellung auf den Fernunterricht und die fehlende Software.

"Die Bildungspolitik könnte Social-Media-Plattformen wie Twitter nutzen, um einen Eindruck drängender Probleme in Echtzeit zu erhalten", so Fütterer. Zu bedenken gibt der Wissenschaftler jedoch, dass sich die Lehrkräfte, die in der Twitterlehrerzimmer-Community aktiv sind, wahrscheinlich durch eine hohe Medienaffiniät auszeichnen. "Diese Einschränkung lässt aber auch befürchten, dass die Defizite bezüglich der Digitalisierung an Schulen, die in unserer Studie zu Tage kamen, noch größer sind."

Publikation

Fütterer, T., Hoch, E., Stürmer, K., Lachner, A., Fischer, C., & Scheiter, K. (2021). Was bewegt Lehrpersonen während der Schulschließungen? – Eine Analyse der Kommunikation im Twitter-Lehrerzimmer über Chancen und Herausforderungen digitalen Unterrichts. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Artikel zum Download

Kontakt

Dr. Tim Fütterer

Universität Tübingen

Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung

Telefon +49 7071 29 76566

tim.fuetterer@uni-tuebingen.de