Fake News: Anglizismus des Jahres 2016

veröffentlicht am 02.02.2017

Die Initiative "Anglizismus des Jahres" würdigt regelmäßig den positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung der deutschen Sprache und will damit ein besseres Verständnis von Lehnwörtern im Sprachwandel erreichen. Der Anglizismus des Jahres 2016 ist das Wort "Fake News".

Das Wort "Fake News" bezeichnete im Englischen schon Ende des 19. Jahrhunderts gelegentlich bewusste Falschmeldungen in Zeitungen. Zu einem stehenden Ausdruck wurde es aber erst ab dem Jahr 2000, vor allem zur Benennung satirischer Nachrichtenmagazine wie The Daily Show oder The Onion. Mit der zunehmenden Rolle der sozialen Medien wurde das Wort zur Bezeichnung für erfundene Nachrichten (etwa Todesanzeigen von Prominenten), mit denen Menschen auf bestimmte Webseiten gelockt oder zu Unterhaltungszwecken in die Irre geführt werden sollten. In dieser Verwendung wurde es ab 2014 ins Deutsche entlehnt, konnte sich aber zunächst nicht gegen etablierte Wörter wie Hoax(-Meldung) behaupten. Der Durchbruch in den allgemeinen Sprachgebrauch erfolgte erst ab November 2016 im Zusammenhang mit einer Bedeutungsverschiebung hin zu politisch motivierten Falschmeldungen, die – angeblich – dem Kandidaten Donald Trump den Sieg im Präsidentschaftswahlkampf in den USA bescherten. Obwohl die wahlentscheidende Rolle solcher Fake News aus wissenschaftlicher Sicht inzwischen angezweifelt wird, ist die Popularität des Wortes und des damit Bezeichneten gerade in Deutschland ungebrochen – in der Politik wird sogar über gesetzliche Maßnahmen gegen die neue Form der Falschmeldung diskutiert, im allgemeinen Sprachgebrauch dient das Wort inzwischen hauptsächlich zur Diskreditierung von Meldungen, die nicht in das eigene Weltbild passen.

Jurybegründung zum Anglizismus des Jahres

Überzeugt hat die Jury an Fake News neben seiner überwältigenden und anhaltenden öffentlichen Präsenz vor allem, dass es eine Lücke im deutschen Wortschatz füllt, die ohne das Wort fake nicht ganz einfach zu schließen ist. Dies zeigt sich an Versuchen, das Wort etwa durch das bestehende Wort Falschmeldung wiederzugeben, das aber nicht zwischen bewusster Irreführung und ehrlichen Fehlern in der Berichterstattung unterscheidet. Auch die neu geprägte Lehnübersetzung Falschnachrichten trifft diesen Unterschied nicht, da die Doppeldeutigkeit im Adjektiv falsch liegt. Anders als falsch (oder das englische false) bezeichnet das Adjektiv fake bewusste, in Täuschungsabsicht hergestellte Nachbildungen von Dingen – vom Pelz oder dem Reisepass über ein Lächeln bis eben zu Nachrichten. Das Partizip gefälscht, das in der Bedeutung nahe kommt, eignet sich nicht zur Bildung von Komposita, und so bleibt auch die häufigste Eindeutschung nur eine teilweise: Fakenachrichten.

Platz 2 geht an "Darknet"

Das Wort Darknet findet sich im Englischen und Deutschen seit Mitte der 1990er Jahre als Bezeichnung für verschiedene Arten geschlossener, nicht ohne Weiteres zugänglicher Netzwerke im Internet. Mitte des Jahres gelangte es durch einen mit einer im Darknet gekauften Waffe verübten Amoklauf in München schlagartig ins öffentliche Bewusstsein und in den allgemeinen Sprachgebrauch. Seither findet es sich regelmäßig in den Nachrichten und entwickelt sich dort zu einer allgemeinen Metapher für die negativen Seiten des Internet.

Platz 3 geht an "Hate Speech"

Schon 2015 hat sich Hate Speech im öffentlichen Sprachgebrauch etabliert, um Beiträge in den sozialen Medien zu bezeichnen, die irgendwo zwischen Volksverhetzung und diskriminierender Beleidigung liegen. Wie Fake News dient der Begriff Hate Speech dabei als Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Debatten über den Umgang mit diesem nicht völlig neuen, aber mit Wucht ins öffentliche Bewusstsein gedrungenen Phänomen. 2016 hat sich das Wort weiter verbreitet und sich dabei bisher gegen Eindeutschungen wie Hassrede behauptet.

Platz 4 geht an "Brexit/-exit"

Schon 2015 entwickelt sich -(e)xit unter dem Eindruck des drohenden Grexit zu einem produktiven Wortbildungselement mit der Bedeutung „Austritt/Ausschluss aus einer geo-politischen Einheit“ und kam bei der Wahl zum Anglizismus des Jahres auf den zweiten Platz. Durch den Brexit befeuert erreichte -(e)xit diesen Platz in der Publikumswahl nun noch einmal. Sprachlich hat es sich auf Abschiede aller Art ausgedehnt, zum Beispiel Fexit (Ausscheiden aus der Formel 1), Ehexit (Scheidung) oder Zlexit (Zlatan Ibrahimovics Abschied aus dem Profifußball).

Über den Wettbewerb

Sprachgemeinschaften haben überall und zu jeder Zeit Wörter aus anderen Sprachen entlehnt. Als globale Verkehrssprache spielt dabei derzeit das Englische für alle großen Sprachen eine wichtige Rolle als Gebersprache. Die unabhängige Initiative „Anglizismus des Jahres“ würdigt seit 2010 jährlich den positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung des deutschen Wortschatzes. Bisherige Anglizismen des Jahres waren leaken (2010), Shitstorm (2011) und Crowdfunding (2012), -gate (2013), Blackfacing (2014) und Refugees Welcome (2015).

Über die Jury

Gründer der Initiative „Anglizismus des Jahres“ und Vorsitzender der Jury ist Professor Dr. Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Autor beim „Sprachlog“. Unterstützt wird er seit 2010 von der Anglistin Susanne Flach (Freie Universität Berlin, Autorin beim „Sprachlog“) und der Germanistin Dr. Kristin Kopf (Universität Mainz, Autorin beim „Sprachlog“). In diesem Jahr wurde die Wörterwahl erstmalig in Kooperation mit der Arbeitsstelle „Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt, vertreten durch die Jurymitglieder Dr. Alexander Geyken (Leiter des DWDS) und Dr. Lothar Lemnitzer (außerdem Betreiber der „Wortwarte“).


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