Eine "ausnehmend ekelhafte Geschichte" hatte Franz Kafka seine 1912 entstandene Erzählung genannt. Zwar nicht "ekelhaft", aber doch angemessen "kafkaesk" gestaltet sich das Layout der CD-ROM. Halb verblichene Fotografien, handschriftliche Faksimiles und Zeichnungen von Kafka und Nabokov, düstere Musik - das Ganze im Stil alter Stummfilme gehalten - sorgen dafür, dass bei den Nutzern die richtige Stimmung aufkommt. Dies dürfte die Einsatzbreite der CD-ROM stark erweitern. Schließlich will sie nicht bloß die Erzählung und Zusatzmaterialien in elektronischer Form darbieten, sondern dies auch in einer dem Literaturunterricht angemessenen Weise tun.
Primärtext auf CD-ROM"Angemessen" ist überhaupt das Stichwort, mit dem sich die Gestaltung der verschiedenen Features der CD-ROM benennen läßt. Da ist zum Einen das Wichtigste: der Primärtext auf etwa 60 eng beschriebenen Bildschirmseiten, der das Original zuverlässig wiedergibt. Leider fehlt eine Markierungsfunktion, mittels derer man am Bildschirm Notizen machen oder Textteile kopieren könnte. Auch eine Suchfunktion gibt es nicht. Zu diesen Zwecken muss man weiterhin auf die Ausgabe der Digitalen Bibliothek zurückgreifen.
Eher Arbeitsbuch als HörbuchDie CD-ROM verfolgt ein doppeltes Konzept: Sie soll gleichzeitig ein mulitmediales Arbeitsbuch und ein Hörbuch sein. Die letzte Funktion kann man mangels eines erträglichen Sprechervortrags jedoch vergessen. Umso überzeugender ist die multimediale Struktur und das Material, das den Einsatz der CD-ROM im Unterricht ermöglichen soll. Hier eröffnen sich den Lehrkräften wie den Schülerinnen und Schülern zahlreiche Möglichkeiten, sich über den Inhalt und die Personen der Erzählung sowie über ihren geistesgeschichtlichen und biografischen Hintergrund zu informieren.
Zusatzmaterialien zur TextinterpretationZu allen vier Personen gibt es akkurat erstellte Charakteristiken in Stichwörtern, begleitet von Zitaten und Aufgabenstellungen, zu denen jeweils eine mögliche Lösung in Form eines Aufsatzes angeboten wird. Zusätzlich lassen sich einige Referenztexte nutzbar machen, die ausführlich, aber niemals ausufernd sind: Kafkas Brief an den Vater, Aufsätze von Freud und Marx, Artikel über den Ödipus-Komplex oder "schwarze" Pädagogik. Abgerundet wird das vielfältige Angebot durch Schemata und Grafiken, anhand derer sich die Personenkonstellation oder beispielsweise das Freudsche Persönlichkeitsmodell adäquat veranschaulichen lassen.
Arbeitsvorschläge für den UnterrichtDer Autor Michael Zimmer hat zu beinahe jedem Hauptaspekt der Erzählung eine oder mehrere Aufgabenstellungen entworfen, die sich auf einen Grundkurs der Oberstufe mühelos anwenden lassen, aber auch in niedrigeren Jahrgangstufen umgesetzt werden können. Dies betrifft nicht nur die Interpretation des Primärtextes, sondern auch Materialien wie eine Übersicht über die Epoche des Expressionismus oder die Biografie Kafkas. Sogar mögliche Themen für die Gruppenarbeit werden aufgeführt. Leider fehlt auch bei diesen Texten die Kopier- bzw. Markierungsfunktion, was die multimediale Einsatzfähigkeit erhöht hätte. Das abschließende Literaturverzeichnis ist eher ein Behelf; hier informiert jede Reclam-Ausgabe besser und aktueller.
Die CD-ROM "Franz Kafka: Die Verwandlung" ist ein solide und überlegt gemachtes Arbeitsbuch, das die Möglichkeiten des Mediums zu nutzen weiß. Der CD-ROM gelingt es ohne Weiteres, bei Schülerinnen und Schülern die Lust am Text zu wecken, da sie quasi am "lebenden Objekt" logisch aufgebaute Textarbeit kennen lernen und an sie herangeführt werden. Die ganz und gar nicht kafkaeske, sondern erfreulich simpel gehaltene Handhabung des Programms, das auf überflüssige Spielereien verzichtet, unterstützt diesen positiven Eindruck.
Gunnar Kaiser hat Germanistik, Philosophie und Romanistik studiert (1. Staatsexamen Sek II und I) und arbeitet als freier Journalist in Köln.
multimediales Material, Hörbuch, Gegenwart, Literatur, Epik