Carmen Mendez
09.02.2012

Inklusion im Fremdsprachenunterricht

"Bevor ein einziger Schüler ausgesondert wird, bleiben eher einige Lehrer sitzen", stellte der finnische Erziehungswissenschaftler Matti Maeri 2007 fest. Bleibt Deutschland sitzen? Welche Erfahrungen machen Lehrerinnen und Lehrer in einem inklusiven Fremdsprachenunterricht? Welchen Nachholbedarf gibt es?
 

Am 3. Mai 2008 trat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft. Am 11. Mai 2009 ging die BRD mit 52 weiteren Staaten die Verpflichtung ein, die Konvention in nationales Recht zu übertragen. Für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf bedeutet dies, dass sie seitdem einen Rechtsanspruch darauf haben, gemeinsam mit Gleichaltrigen an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet zu werden, also "inkludiert" - dabei - zu sein.

 

Die schulische Situation von Kindern mit besonderem Förderbedarf

Sonderschule versus Regelschule
Deutschland gehört in Europa zu den Ländern mit den höchsten Sonderschulbesuchsquoten (vergleiche die Übersichten in Schöler/Merz-Atalik/Dorrance 2010, Seite 26 f.). Obwohl nur ein Prozent aller schulpflichtigen Kinder eine so schwere Form der Behinderung hat (zum Beispiel geistig behindert oder mehrfach behindert), dass im Interesse der Betroffenen eine Beschulung in einer Sondereinrichtung notwendig ist, bleibt die inklusive Beschulung in Deutschland auch im Jahre 2011 immer noch die Ausnahme. Während in Großbritannien zum Beispiel über 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen, sind es in Deutschland kaum 15 Prozent.

Hilfestellungen für Eltern und Lehrkräfte fehlen
Zwar sind die Quoten der Schülerinnen und Schüler an Förderschulen im Vergleich zu 2008 (Didaktisches Lexikon, Seite 14 f.) inzwischen leicht gesunken, der in der Praxis notwendige Paradigmenwechsel aber bleibt aus und lässt viele Eltern von Kindern mit besonderem Förderbedarf spätestens nach Beendigung der Grundschule oft in einem um Verständnis ringenden Kampf mit Jugend- und Schulämtern, aber auch Schulen und Lehrkräfte verzweifeln (vergleiche Verbeet/Windmann 2011, Bleher/Thomas 2010; Draxel 2011; Loerzer 2011).

Gründe für die "Aussonderung"

Es gibt historische Gründe für die Entwicklung des deutschen Sonderschulwesens, es gibt aktuelle Gründe für die fortgesetzte "Aussonderung" behinderter Schülerinnen und Schüler vom Regelschulwesen und damit auch vom Fremdsprachenunterricht:

  • Gesellschaftliche Verfassung
    vergleichsweise geringe Erfahrungen im Umgang mit Behinderten in Deutschland; daher fehlt weitestgehend der soziale Hintergrund einer inklusiven Gesellschaft
  • Selektionsfunktion von Schule
    Herstellung einer leistungsbezogenen Homogenisierung von Klassen- und Schulstrukturen über eine angeblich begabungsgerechte Zuweisung
  • Legislative Vorgaben
    die Bedingung zur Fähigkeit zur "aktiven" Teilnahme am Unterricht (zum Beispiel durch Artikulationsfähigkeit oder Hörverständnis) als Voraussetzung für den Besuch einer Regelschule
  • Schulisches Selbstverständnis
    mangelnde Offenheit für die Aufnahme und Beschulung behinderter Kinder aufgrund einer durch die Selektionsfunktion weiterführender Schulen entwickelten schulartbezogenen Identität
  • Lehrplanvorgaben
    eine entlang des gegliederten Schulwesens praktizierte zielgleiche Beschulung nach detailliert vorgegebenen starren (Jahres-)Lehrplänen, die eine größtmögliche Homogenität der Lerngruppen an den einzelnen Schultypen voraussetzen
  • Kernfachanforderungen
    die Fremdsprachen gehören traditionell zum Kanon der "gymnasialen Fächer", deren Erlernen nur den als höher begabt eingestuften Schülerinnen und Schülern zugetraut wird
  • Marktsituation
    fehlendes Lehrmaterial, das heterogenen Lerngruppen einschließlich Kindern mit verschiedenen Behinderungen gerecht wird
  • Lehrerausbildung
    eine in der Regel fehlende fachdidaktisch-methodische und pädagogische Ausbildung in sonderpädagogischen Themen
  • Erfahrungsmängel und Ängste
    Berührungsängste und Gefühle der Überforderung bei Lehrerinnen und Lehrern; Ängste bei Eltern, dass die Behinderungen und Beeinträchtigungen ihrer Kinder nicht ausreichend wahrgenommen und berücksichtigt werden
  • Vorurteile
    tradierte Vorstellungen bei Eltern von gesunden Kindern und bei Lehrkräften, dass behinderte Kinder intellektuell unterdurchschnittlich begabt und gegebenenfalls sozial auffällig seien und daher andere, gesunde Kinder beim Lernen stören könnten
  • Ausstattungsmängel
    fehlende räumliche, technische und personelle Ausstattung an Schulen, zu große Klassenstärken
  • Kosten
    fehlende oder eingeschränkte Kostenübernahme für die schulische Ausstattung, für Schulbegleiter, den Schulweg, Hilfsmittel et cetera durch Krankenkassen oder den Staat

Interesse der Schulen an Inklusion wächst

Trotz dieser vielen Gründe hat sich ein Teil der deutschen Bundesländer zumindest auf den Weg zur Entwicklung eines inklusiven Bildungswesens gemacht, oft jedoch steht die Umsetzung der UN-Konvention unter "Haushaltsvorbehalt" (vergleiche Schöler/Merz-Atalik/ Dorrance 2010, Seite 25, 32 bis 37). Das Interesse der Schulen aber an Inklusion wächst. Das Stichwort "Inklusion" belegte zum Schuljahresbeginn 2011/12 bereits die Top 1 aller Suchanfragen auf der Website des Bayerischen Kultusministeriums.

Download

inklusion_im_fremdsprachenunterricht.pdf
 

Zusatzinformationen

Informationen zur Autorin

Carmen Mendez ist Lehrerin und Schulleiterin, am Gymnasium Derksen in München.

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