Dominik Rzepka
09.10.2003

Unterrichtseinheit: Homosexualität

"Bist du mit einem Schwulen befreundet? Woran erkennt man einen Schwulen?". Lehramtstudierende der Universität Bonn befragten etwa 50 Schüler der Klassen 9 und 10 einer Jungenschule zum Thema Homosexualität. Das Ergebnis war eindeutig: Homosexualität ist - zumindest an dieser Schule - ein Tabu-Thema.
 

Das Bild, dass die Schüler von Schwulen hatten, war vor allem von den Medien geprägt. Vorurteile ersetzten eigene Erfahrungen und Meinungen. Wir stießen auf Äußerungen wie "Gott hasst Schwule". Wir wollten dranbleiben an dem Thema. Entstanden ist nach dieser ehrlichen Bestandsaufnahme ein Unterrichtsentwurf, in dessen Mittelpunkt das Internet steht. Kernüberlegung ist es, über geeignete Schwulenforen oder AStA-Schwulenreferate die Kommunikation von Schülern der Klasse 9 mit etwa gleichaltrigen schwulen Jugendlichen zu ermöglichen. Die Schüler sollen ihre Fragen zum Thema Homosexualität sammeln, diese dann schwulen Jugendlichen per E-Mail schicken, die Antworten bündeln und - soweit von den Lernenden gewünscht - im Plenum diskutieren. Auf diese Weise sollen Vorurteile weichen. Die Unterrichtseinheit wurde an einer Jungenschule durchgeführt, weshalb ausschließlich mit Schwulenforen gearbeitet wurde. Das Prinzip ist aber auch auf Mädchen- oder gemischte Klassen übertragbar, da es natürlich auch entsprechende Lesbenforen und AStA-Lesbenreferate gibt.

 

Kompetenzen

Die Lernenden sollen

  • eigene Erfahrungen in der virtuellen Begegnung mit homosexuellen Jugendlichen sammeln.
  • Vorurteile gegenüber Homosexuellen überprüfen und abbauen.

Kurzinformation zum Unterrichtsmaterial

ThemaHomosexualität
AutorDominik Rzepka
FachBiologie
ZielgruppeKlasse 9
Zeitraum2 Unterrichtsstunden
Technische Voraussetzungenpro Schüler (Schülerin) ein Rechner mit Internetanschluss und ein E-Mail-Account
PlanungVerlaufsplan der Unterrichtseinheit

Didakisch-methodischer Kommentar

Die Unterrichtseinheit umfasst zwei Stunden. Wichtig ist, dass zwischen der ersten und der zweiten Stunde mindestens 48 Stunden liegen, damit die User des Schwulen-(Lesben-)Forums und die Mitarbeiter des Schwulen-(Lesben-)Referats genügend Zeit haben, die Fragen zu diskutieren und zu beantworten.

Internetadressen

Frühzeitige Kontaktaufnahme mit Foren und Referaten

Die Vorbereitung der Unterrichtseinheit ist nicht unaufwändig. In der Stunde - und dort insbesondere in der Phase der Internetrecherche - sollen die Lernenden über Internetforen eigene Fragen zum Thema Homosexualität an schwule oder lesbische Jugendliche stellen. Es ist wichtig, bereits im Vorfeld Kontakt mit den entsprechenden Foren aufzunehmen. Die Redaktion der jeweiligen Website kann dadurch ihre User auf die geplante Aktion vorbereiten und die Durchführung der Unterrichtseinheit ankündigen. Im Rahmen dieser Unterrichtseinheit wurde auch mit dem Schwulenreferat des AStA der Universität Bonn im Vorfeld Kontakt aufgenommen, damit die Mitarbeiter des Referats von der Aktion wussten und auch sie innerhalb eines abgesprochenen Zeitraums auf die Fragen der Lernenden antworten konnten.

Bereitstellung von E-Mail-Accounts und Nutzung von lo-net

Während der Stunde ist Anonymität wichtig. Die Lernenden sollen alleine und in Stillarbeit Fragen zum Thema Homosexualität sammeln und in ihr Heft schreiben. Im weiteren Verlauf der Stunde haben sie dann die Möglichkeit, diese Frage zu posten oder an das Schwulen-(Lesben-)Referat eines AStA zu schicken. Die Lernenden müssen dafür von der Lehrkraft einen Account gestellt bekommen. Zu diesem Zweck empfiehlt sich die Einrichtung eines virtuellen Klassenraums bei lo-net, dem Lehrer-Online-Netzwerk. Dort erhalten alle Mitglieder eines virtuellen Klassenraums eine eigene E-Mail-Adresse.

Unterrichtsphasen

Impulsphase
Der Unterricht beginnt mit einem Impuls: An die Wand werden via Beamer oder Overhead-Projektor zwei Bilder von sich küssenden Jungen und/oder Mädchen projiziert. Als Vertreter des lesbischen Paares eignet sich zum Beispiel das russische Duo t.A.T.u. Die beiden Mädchen haben 2003 mit "All the things she said" einen großen Hit gelandet. In dem Video zu dem Song küssen sie sich und auch im Rahmen des diesjährigen Eurovision Song Contest sorgten sie für Wirbel. Somit ist auch ein aktueller Bezug zu dem Thema hergestellt. Webseiten mit entsprechenden Bildern für die Präsentation per Beamer sind zum Beispiel diese:

  • t.A.T.u
    Wikipedia-Artikel über das russische Pop-Duo t.A.T.u.

Nachdem die Bilder gezeigt wurden, sollte die Lehrkraft zunächst einmal gar nichts sagen. Aus der Klasse kommen erfahrungsgemäß sofort Reaktionen. Diese Reaktionen sollten Sie wahrnehmen, da sie doch einen optimalen Einstieg bieten. Als solcher eignet sich aber auch die Frage "Was seht ihr?" oder "Was empfindet ihr, wenn ihr euch diese Bilder anseht?". Während dieser Phase meinte ein Schüler bezogen auf ein Bild von t.A.T.u.: "Die beiden sind ja gar nicht lesbisch". Daran ließ sich sogleich die Frage anknüpfen: "Woher weißt du das?" oder "Warum küssen sie sich dann? Ist denn lesbisch sein cooler?".

Fragen sammeln
Die Impulsphase (Bilder von sich küssenden Jungen beziehungsweise Mädchen) sollte etwa fünf Minuten dauern. Im Idealfall wird bereits während dieser Impulsphase eine Frage gestellt. In einem Fall meldete sich ein Schüler und fragte: "Kann man durch Analsex AIDS bekommen?". Solche und andere Fragen stehen im Mittelpunkt der Unterrichtseinheit. Die Lernenden sollen nun nämlich die Möglichkeit haben, sich derartige Fragen zu überlegen und sie zu sammeln. In dieser Phase der Unterrichtsstunde sollen sie in Stillarbeit ihre Fragen in ihr Heft schreiben. Als Arbeitsauftrag ist zum Beispiel zu empfehlen: "Stellt Euch vor, einer der beiden Jungs (von dem gezeigtem Foto) würde gleich zu uns kommen, oder Yulia von t.A.T.u. wäre gleich bei uns zu Gast. Was würdet ihr von ihnen wissen wollen? Was wisst ihr über Homosexualität und vor allem: Was wollt ihr wissen?". Die Lernenden sollten etwa fünf Fragen aufschreiben (fünf Minuten Stillarbeit).

Internetrecherche
Nach der Stillarbeit haben die Schülerinnen und Schüler etwa 25 bis 30 Minuten Zeit online zu gehen und ihre zuvor formulierten Fragen zum Beispiel an ein Schwulen-(Lesben-)Referat zu stellen. Wichtig ist, dass die Lernenden dabei relativ unbeobachtet agieren können. Wer sich auf den Seiten ungestört umsehen will, muss dazu Gelegenheit haben. Die genannten Webseiten sind unbedenklich. Gleichwohl muss auf das Problem hingewiesen werden, dass man unter Umständen durch Tippfehler auf Seiten mit pornografischem Inhalt gelangen könnte. Ein Inhaltsfilter seitens der Schule kann das Problem jedoch lösen.

In der Praxis hat sich diese Befürchtung als unbegründet erwiesen: Die Lernenden waren ausschließlich auf den vorgegebenen Seiten und das mit erstaunlichem Eifer und großem Interesse. Die Internetrecherche beendet die erste Stunde.

Raumwechsel oder nicht?

Impulsphase und Stillarbeit der ersten Stunde können direkt im Computerraum durchgeführt werden (sofern dort ein Beamer oder ein Overheadprojektor für den Bildimpuls zur Verfügung stehen). In meinem Unterricht hat es sich aber bewährt, diesen Teil der Stunde im Klassenraum abzuhalten und dann erst in den Computerraum zu wechseln, da die damit verbundene Bewegung als auflockernde Aktivität wirkte.

Unterrichtsphasen

Sicherung der Antworten
Die zweite Stunde beginnt direkt im Computerraum der Schule. Nur kurz soll der Arbeitsauftrag erteilt werden, die Antworten auf die E-Mails und die Forumsbeiträge zu lesen. Die Erfahrung zeigt, dass auch diese Phase der Freiarbeit erstaunlich diszipliniert abläuft. Die Lernenden sind mit großem Interesse beschäftigt und lesen die Antworten der braveboy.de-User. Nur vereinzelt ist Gelächter oder Kichern zu hören. Hilfreich ist der Hinweis, die Antworten auf die Fragen stichwortartig festzuhalten. Zudem ist es empfehlenswert, dass die Lehrkraft am Vorabend bereits erste Forumsbeiträge ausgedruckt und diese während der anschließenden Diskussion verteilt. Nach etwa 25 Minuten sollte der Raum gewechselt und die verbleibende Viertelstunde im Klassenraum diskutiert werden. Haben die Lernenden jetzt nämlich zusätzlich zu ihren eigenen Notizen identische Auszüge des Forums in Form von Kopien vor sich liegen, ist eine bessere Beteiligung aller zu erwarten. Wichtig ist zu betonen, dass alle Forumsbeiträge, also alle Fragen der Lernenden, vom Webmaster der Seite anonym gepostet werden (Absprache!). Es ist somit nicht erkennbar, wer welche Fragen gestellt hat.

Diskussion
Im zweiten Teil der Stunde soll relativ frei diskutiert werden. Über welche Themen und Fragen speziell gesprochen wird, ist den Lernenden überlassen. Die Lehrkraft kann hier vielleicht allgemein fragen, welche Antworten erhalten wurden. Erfahrungsgemäß wird es einige Schüler geben, die aufzeigen und ihre Fragen und Antworten präsentieren möchten. Ist dies nicht der Fall, sollte die Lehrkraft niemanden zur Beteiligung an der Diskussionsrunde zwingen. In diesem Fall ist zu empfehlen, die Antworten des Forums vorlesen zu lassen. Anschließend kann man die Lernenden auffordern, das Geschriebene zu kommentieren. Aber auch hier zeigt sich, dass die Lernenden sich rege an der Diskussion beteiligen. Das genutzte Forum sollte stets als "Antworten-Geber" benutzt werden: Werden Fragen in den Raum gestellt, empfiehlt es sich als Lehrkraft auf das Forum zu verweisen ("Ja, o.k. Was sagen denn die User zu dieser Frage?"). So wahrt man die Neutralität, denn die Lehrkraft sollte meines Erachtens jegliche Bewertung von Homosexualität unterlassen. Fallen diskriminierende Äußerungen, so werden diese aller Voraussicht nach optimal von den Usern des Forums selber aufgefangen. Ein Schüler nannte die User zum Beispiel "Schwuchteln" und erhielt daraufhin eine klare Antwort. Es wirkt meines Erachtens viel mehr, wenn die User des Forums auf derartige Äußerungen reagieren, als wenn die Lehrkraft das tut.

Resümee

Authentizität
Die Stärke dieser Unterrichtseinheit ist ihre Authentizität. Die Tatsache, dass in etwa gleichaltrige homosexuelle Jugendliche die Fragen der Lernenden beantworten, ermöglicht eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe. Es ist eben kein Lehrer, der dozentenhaft Toleranz predigt, sondern ein 16-jähriger Jugendlicher, der den Schülern Fragen wie etwa "War dein Coming-Out schwierig?" oder "Was haben deine Eltern gesagt?" beantwortet. Diese Stärke des Entwurfs sollte die Lehrkraft nicht dadurch untergraben, dass sie selber Bewertungen anstellt. Unter diesen Voraussetzungen bietet diese Unterrichtseinheit eine Möglichkeit, unverkrampft und authentisch über das Thema Homosexualität zu sprechen. Dann können die Lernenden abseits des Medienklischees von Schwulen und Lesben die homosexuelle Wirklichkeit kennen lernen und sich ein etwas vielseitigeres und objektives Bild machen.

Anonymität
Es sollten alle Fragen gestellt werden dürfen. Die Lehrkraft sollte diese Offenheit in der Fragestellung gewährleisten - beispielsweise durch die Herstellung von Anonymität. Möchten Lernende in einer E-Mail intime Fragen stellen, so sollte die Lehrkraft diese Fragen erstens nicht kennen oder gar die Schülerin oder den Schüler dazu drängen, die Frage dem Klassenverband zu präsentieren. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, dass die Lernenden während der Auswertungsrunde nicht gezwungen werden, die Antworten, die sie bekommen haben, vorzutragen.

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