Wolfgang Stich
15.07.2003

Suizidprävention

Spätestens seit ein junger Norweger sich mit einer jungen Österreicherin via Suizidforum zur gemeinsamen Selbsttötung verabredet hat, ist das Internet im Zusammenhang mit dem Thema Jugendsuizid in die Schlagzeilen geraten.
 

Ob diese Foren, von denen es nach Recherchen von Georg Fiedler, Diplom-Psychologe am Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, etwa zehn im deutschsprachigen Web gibt, aber auch tatsächlich suizidförderlich sind, darüber gibt es keine gesicherten Aussagen.

 

Konträr

  • Nach Ansicht Fiedlers
    ... bieten die Foren auch die Chance, Suizidfantasien offen äußern zu können, weil die Gefahr einer Sanktionierung nicht besteht. Für Einzelne hätten sie eine Ventilfunktion; sie könnten das Gefühl vermitteln, unter Gleichbetroffenen verstanden zu werden, und damit eher suizidpräventiv als -förderlich sein.
  • Dem widerspricht Dr. Thomas Bronisch
    ... vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie München entschieden: In den Suizidforen tummelten sich ohnehin fast nur junge, psychisch eher labile Menschen, die durch positive und verklärende Haltungen zum Suizid und Empfehlungen von Suizidmethoden zum Suizid animiert würden.

Recht haben vermutlich beide - Entlastung ist über die Foren sicher ebenso möglich wie Animation. Verifizieren lassen sich beide Aussagen nicht.

Verkürzt

Eine Fokussierung des Themas "Jugendsuizid" auf die Suizidforen verkürzt und verkennt jedoch das Problem. Jugendliche und junge Erwachsene bis zum 25. Lebensjahr sind die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Rate an Suizidversuchen; bei jungen Männern dieser Alterskategorie ist Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache. Dies war auch schon der Fall, bevor es Internet und Selbstmordforen gab.

Verkannt
Die Frage, die sich stellt, ist doch die: Wie sind junge Menschen in Krisen zu erreichen, wenn sie diese nicht mehr selbst meinen handhaben zu können? Die ambulanten Einrichtungen der Suizidprävention, die in Baden-Württemberg alle Arbeitskreis Leben (AKL) heißen, zeichnen übereinstimmend ein gleiches Bild:

  • Die jungen Menschen sind als Nutzer der Hilfeangebote deutlich unterrepräsentiert.
  • Nur 7,4% der Rat- und Hilfesuchenden waren in 2002 jünger als 20 Jahre.

Beispielhaft

Der AKL Freiburg, eine Einrichtung der AGJ - Fachverband für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e.V., hat auf diesen Missstand reagiert und ein in Deutschland vermutlich einmaliges Präventionsprojekt für junge Menschen entwickelt, das seit dem Herbst 2001 mit sehr gutem Erfolg umgesetzt wird.

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Autor

Wolfgang Stich vom Team [U25] ist Dipl.-Sozialarbeiter (FH) und Systemischer Familientherapeut. Mehrjährige Erfahrung in der ambulanten Suizidprävention.

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