Narration als Produkt und ProzessDer Begriff Narration kommt von dem lateinischen Wort "narrare", das "erzählen" bedeutet. Er ist als Oberbegriff sowohl für Geschichten (Narration als Produkt) als auch für das Erzählen von Geschichten (Narration als Prozess) zu verstehen. Unabhängig von Form und Inhalt einer Geschichte gibt es einige konstituierende Merkmale: Eine Geschichte braucht Figuren beziehungsweise Handlungsträger und sie muss sich in einer erzählten Welt abspielen, die sich durch ihren Orts-, Zeit- und Realitätsbezug eindeutig bestimmen lässt.
Plot, Dramaturgie und KonfliktDaneben gibt es zwei Formen dynamischer Verknüpfungen: zum einen den sogenannten Plot, also eine kausale Verknüpfung in Form eines Grundkonflikts, und zum anderen die Dramaturgie, also eine zeitliche Verknüpfung mit Anfang, Hauptteil, Höhepunkt und Schluss. Einteilungen von Geschichten machen sich mitunter an der erzählten Welt fest: zum Beispiel Sachgeschichte, historische Fiktion, Science Fiction oder Märchen. Aber auch nach dem Konflikttyp kann man Geschichten einteilen: zum Beispiel Komödie, Tragödie, Abenteuergeschichte, Liebesgeschichte. Narrative Methoden im Unterricht können mit Narration als Prozess arbeiten, indem Lernende ermutigt werden, Geschichten zu erzählen. Sie können aber auch so konzipiert sein, dass bereits fertige Geschichten (Narration als Produkt) zum Einsatz kommen.
Lange Tradition der WissensvermittlungWissen und Erfahrungen durch Erzählen und Geschichten weiterzugeben, hat eine lange kulturgeschichtliche Tradition: Unter den Bedingungen kultureller Mündlichkeit waren Menschen dazu gezwungen, Wissen narrativ weiterzugeben, damit es nicht vergessen wurde. Im Zeitalter elektronischer Speichermedien spielt der Schutz vor gesellschaftlichem Vergessen als Grund für das Narrative kaum mehr eine Rolle. Nach wie vor aber haben Geschichten psychologische und soziale Funktionen:
Die besondere Wirkung auf Gedächtnis und DenkenDas Narrative gilt in der Psychologie zuweilen gar als zentrales Prinzip von Gedächtnis und Denken. Emotional-motivationale Wirkungen narrativer Methoden sind unumstritten. Zum Zusammenhang zwischen Lernen und Narration gibt es dennoch vergleichsweise wenige wissenschaftliche Konzepte und Befunde.
Verschiedene AnsätzeEnde der 1980er Jahre gab es einen ersten Boom narrativer Methoden im Unterricht: Unter dem Stichwort "teaching as story telling" wurden für den Grundschulbereich die Vorzüge des Narrativen für die Wissensvermittlung untersucht, aber auch deren Gefahren (Unsachlichkeit, Infantilisierung et cetera) kritisiert. Kurze Zeit später wurden einige konstruktivistisch geprägte Lehr-Lernmodelle (im anglo-amerikanischen Bereich) entwickelt, bei denen Lernende in Situationen und Handlungen versetzt werden, in denen sie mit komplexen Problemen konfrontiert sind und diese als Akteure in der Geschichte lösen sollen. Beispiele hierfür sind der "Anchored Instruction"-Ansatz, der mit Abenteuergeschichten arbeitet, und der "Goal-Based Scenario"-Ansatz", der auf realitätsnahe Geschichten setzt.
Das implizite LernenAktuell wird diskutiert, welchen Einfluss das Narrative vor allem auf das implizite Lernen hat: Implizit ist Lernen dann, wenn es beiläufig und unterhalb der Bewusstseinsschwelle abläuft und nicht reflektiert wird. Wenn Erkenntnisse aus der Hirnforschung für das Lernen fruchtbar gemacht werden, dann handelt es sich meist um dieses implizite Lernen, das in hohem Maße mit dem episodischen Gedächtnis zu tun hat und von Emotionen abhängig ist. Und beides - episodisches Gedächtnis und Emotionen - sind über Geschichten und den Akt des Erzählens sehr gut zu beeinflussen.