Thomas Zadow
27.01.2004

Eine multimediale Anlauttabelle für die ganze Schule

Kinder kommen erfahrungsgemäß mit einem unterschiedlichen Umfang an Fähigkeiten in die Schule. So können einige bereits erste Wörter lesen, andere brauchen lange Zeit, um einzelnen Buchstaben die richtigen Laute zuordnen zu können.
 

Die Charlotte-Salomon-Grundschule im Berliner Bezirk Kreuzberg nimmt auch Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten Formen der Behinderung bis hin zum Förderschwerpunkt geistiger Behinderung auf. Bei einem Teil der Schülerinnen und Schüler ist der Prozess der Zuordnung bei der Lautbildung sehr langwierig und muss durch verschiedenste Hilfsmittel unterstützt werden. Anlauttabellen sind eine bewährtes Hilfsmittel, um selbständig schreiben und lesen zu lernen. Alle Buchstaben stehen übersichtlich mit Anlautbildern zur Verfügung. Multimediale Anlauttabellen enthalten neben Anlautbildern Sounds und Filme mit Lautgebärden und können auf unseren Computern - in jedem Klassenraum ist mindestens einer vorhanden - eingesetzt werden.

Von der Idee bis zur Umsetzung

Einprägen durch Nachahmung und Wiederholung

Da die Nachahmung häufig eine effektive Lernmethode ist, haben einige unserer Kolleginnen und Kollegen Kinder ihrer Klasse bei der Darstellung von Lautgebärden fotografiert. Hieraus entwickelte sich die Idee einer "multimedialen Anlauttabelle" unserer Schule: Bewegung statt still stehender Bilder - Kinder lassen sich dadurch besser zum Hinsehen animieren, die dazugehörenden Töne können abgerufen werden.

Bereitstellung im schulischen Intranet
Mithilfe von selbst aufgenommenen MPEG-Files, die über eine HTML-Seite im schulischen Intranet bereitgestellt werden, ist "unsere Anlauttabelle" in allen Klassen abrufbar. Die multimediale Ausführung einer Anlauttabelle kann natürlich nicht zur Erarbeitung innerhalb eines Lese- oder Schreibvorgangs herangezogen werden, sondern ist ein Mittel der zusätzlichen Motivation für die Auseinandersetzung mit Anlauten: Für die einen, um durch ständiges Wiederholen zumindest einen Großteil der Laute zu lernen, für die anderen, um sich auch schwierigere Laute einzuprägen.

Filmaufnahmen

Selbst gefilmt ist halb gelernt

Die einfachste Lösung, mit der wir auch begannen, ist die Aufnahme kurzer Filme mit einer Digitalkamera (unsere Schule besitzt eine ältere Sony Mavica, die die Möglichkeit bietet, kurze Filmsequenzen aufzunehmen). Einige Schülerinnen und Schüler, die als Schauspieler fungierten, waren jedoch häufig erst bereit, wenn die kurze Aufnahmezeit, die diese Kamera zulässt, abgelaufen war.

Manchmal fingen sie auch so plötzlich an, dass unsere "Kameraleute" nicht schnell genug reagieren konnten. Deshalb stellten wir auf Videoaufnahmen um. Jetzt konnte über einen längeren Zeitraum aufgenommen werden. Die entscheidenden Szenen wurden nachträglich geschnitten.

Vorübungen mit der Kamera
Wie wird die Kamera richtig auf das Stativ montiert, wie eingeschaltet? Wie wird eine Aufnahme gestartet und beendet? Das musste von jedem "Kamerateam" bestehend aus zwei Kindern einer 3.Klasse, geübt werden. Fragen zur Filmgestaltung wurden auch wichtig: Welchen Bildausschnitt und welche Perspektive wählen wir?

 

Vor und hinter der Kamera

Die meisten unserer "Schauspieler" waren Kinder, die mit dem Erlernen der Buchstaben und Laute die größten Schwierigkeiten haben, teilweise Kinder mit geistiger Behinderung. Auch wenn jeweils nur kurze Sequenzen vorzuspielen waren, stellte die Darstellung hohe Anforderungen an sie.

Die Bewegungsabläufe mussten genauso klar dargestellt wie die Töne artikuliert werden. Bestimmte "Regieanweisungen", die jeweils vom Kamerateam gegeben wurden, mussten eingehalten werden. Meist waren zehn oder mehr Aufnahmen einer Szene notwendig, um ein brauchbares Ergebnis zu erhalten. So wurden an einem Drehtermin möglichst verschiedene Buchstaben aufgenommen, damit das Interesse der Kameraleute nicht abnahm.

 

"Professionelles" Arbeiten

Die Kameraleute mussten neben den oben beschriebenen Aufnahmetechniken ganz einfache Verhaltensregeln lernen. Frühzeitiges Einschalten der Kamera ohne dann in die Aufnahme zu sprechen, um schnell noch eine Regieanweisung zu geben, erwies sich teils als eine schwierige Aufgabe.

Schwierige Laute waren besonders begehrt
Sehr schnell hat sich gezeigt, dass eine "Professionalisierung" der Teams wichtig ist, um gute Ergebnisse zu erreichen. Dies hat dazu geführt, dass nur vier Teams für jeweils knapp zehn Laute zum Einsatz gekommen sind, obwohl eigentlich alle Schülerinnen und Schüler der Klasse großes Interesse hatten. Besonders begehrt war übrigens, wenn einzelne schwierigere Laute wie zum Beispiel das "ch" selbst  vorgespielt werden konnten, so wurden mehrere der Kameraleute gleichzeitig zu Schauspielern.

Nachbearbeitung
Mit einem einfachen Programm zur Video-Bearbeitung (mit der Videokamera mitgeliefert) wurden die Filmschnipsel von mir zurechtgeschnitten. Aus zeitlichen Gründen - selbst kleine Schnittprojekte nehmen relativ viel Zeit in Anspruch, man sollte immer mehr Zeit einplanen, als dem Anschein nach notwendig - blieb nichts anderes übrig, als zu Hause zu schneiden. Auch die Computerausstattung unserer Schule lässt zu wünschen übrig. Für den Videoschnitt sollten Computer mit mindestens 2 MHz Rechenleistung und 512 MByte Speicher zur Verfügung stehen.

Zur Darstellung haben wir das Format MPEG1 ausgewählt, so sind die Ladezeiten kurz genug für unsere langsamen Computer und eine Internetpräsentation. Zugleich ist die geringe Auflösung für diesen Zweck absolut ausreichend. Möglichst am nächsten Tag wurden die Ergebnisse am Computer betrachtet und von den Beteiligten begutachtet. Dadurch wieder frisch motiviert, war die Vorfreude auf den nächsten Drehtermin groß.

Ergebnisse

Zusammenarbeit mit den "Großen"
Eine sechste Klasse hat geholfen, die Anlauttabelle der ganzen Schule zur Verfügung zu stellen. Die Schüler/innen haben die Anlautbilder gemalt und - was viel spannender war - die Startseite für die Anlauttabelle als Internetseite programmiert. Wir haben hierbei mit einem textbasierten HTML-Editor gearbeitet. Aus einem vorhergehenden Projekt hatten die beteiligten Schüler/-innen bereits Erfahrung gesammelt und konnten ihr Wissen anwenden. Auch spätere Änderungen können dadurch einfach eingebaut werden, ohne dass es spezieller Programme bedarf.

Bereits nach dem ersten Drehtag konnten die ersten Filme angesehen werden. Was anfangs noch eine Suchaufgabe war, weil herausgefunden werden musste, hinter welchem Anlautbild wirklich ein  Film versteckt war, entwickelte sich innerhalb von vier Monaten, bei wöchentlich ein bis zwei Drehterminen, zu einer vollständigen Tabelle. Nach Abschluss der Dreharbeiten hatten sich die beteiligten Kinder die Laut-Buchstabe-Verbindungen gut eingeprägt. Schließlich wurden die einzelnen Szenen während der Drehzeit immer wieder aufgerufen, um sie zum Beispiel den Klassenkameraden, Freunden oder Eltern zu zeigen. Aber auch nach Abschluss der Arbeiten suchten gerade die als Darsteller am Projekt beteiligten Schülerinnen und Schüler immer wieder die Seite mit der Anlauttabelle auf, um sich und ihre Kameradeninnen und Kameraden zu betrachten.

Andere benutzen unsere Anlauttabelle
Nachdem uns jetzt bewusst ist, wie groß der Anreiz ist, sich selbst und seine Mitschüler in der Anlauttabelle zu entdecken, beginnen wir, die Tabelle mit den neuen ersten Klassen zu bearbeiten, also neue Filme zu drehen und in unsere Tabelle einzubauen. Auch die Anlauttabelle selbst wird ihr Gesicht mit der Zeit verändern, neue Bilder die bestehenden ersetzen.

Eine eigene Anlauttabelle erstellen
Wer die Anlauttabelle selbst nutzen will, kann gleich beginnen, eigene Filme zu erstellen und die vorhandenen zu ersetzen. Das Bild der Startseite kann ebenfalls mithilfe eines entsprechenden Grafikprogramms mit neuen Anlautsymbolen versehen werden. So wird aus der bestehenden Anlauttabelle eine eigene geschaffen.

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Der  Buchstabe "B"
 

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