Ines Thüring
26.05.2004

Wunschzettel: Software für den modernen Lateinunterricht

Betrachtet man aktuelle Software für das Fach Latein, so stellt man fest, dass sich hinter der faszinierenden multimedialen Verpackung zuweilen Lernprogramme verstecken, die mit veralteten Methoden arbeiten und dabei den Zielen des modernen Lateinunterrichts geradezu diametral entgegen wirken.
 

Ganz oben auf dem Wunschzettel steht, dass bei der Konzeption von Software die Grundsätze der modernen Fachdidaktik und Erkenntnisse der Lernpsychologie berücksichtigt werden und keinesfalls durch monotone und mechanische Übungen das Vorurteil vom Lateinlernen als stupider und öder Paukerei zementiert wird.

Grundsätzliches

Mehrkanaliges Lernen fördern
Eine grafisch reizvolle Gestaltung, ein funktionelles und altersadäquates Feedback, das den Lernenden ernst nimmt und nicht durch kindische Spielereien verprellt, steigern die Motivation. Die Behaltensleistung wird durch mehrkanaliges Lernen gesteigert, so dass auch eine Sprachfunktion und Bilder integriert sein sollten.

Lernwege variieren
Ein Umwälzen der grammatikalischen Phänomene durch vielfältige phantasievolle Übungen, in denen der Stoff in unterschiedlichen Kontexten trainiert wird, fördert  Verstehen und sicheres Anwenden des Gelernten ebenso wie die Motivation.

Verschiedene Lerntypen bedienen
Durch Optionen für verschiedene Lernniveaus und -wege werden eine Individualisierung erreicht und Lernenden unterschiedlicher Leistungsfähigkeit Erfolgserlebnisse ermöglicht.

Wortschatztrainer

Wortfelder und Wortfamilien
Vokabeln sollten im Interesse einer Systematisierung und Strukturierung nach Sach- und Wortfeldern sowie Wortfamilien gelernt werden. Zur Vermeidung von Frustration muss das Programm Synonyme erkennen. Res und Wörter sollten miteinander verknüpft werden, da Wort- überwiegend Sachwissen ist und das Sachnetz über andere Systeme dominiert. Werden diese Kriterien berücksichtigt, steigt mit der Anzahl der nun möglichen Querverbindungen auch die Behaltensleistung.

Kontextbezug
Neben der feldbezogenen Wortschatzarbeit ist eine kontextbezogene unerlässlich, da ein Lernen ausschließlich nach Wörterlisten den Transfer zur Anwendung nicht garantiert und das Fehlen des Kontextes eine adäquate Übersetzung trotz gewusster Bedeutungen verhindert. Daher erhöht auch ein Training mit Software die Übersetzungsfähigkeit nur dann, wenn Beispielsätze, Minikontexte und Redewendungen mit den Vokabeln verknüpft angeboten werden (etwa durch Hypertexte).

Individualisierung
Der bereits vorhandene Wortbestand sollte erweitert werden können, um zum einen eine ideale Anpassung des Lernvokabulars an die aktuelle Lektüre zu erreichen und zum anderen einen weiteren Lerneffekt durch die Eingabe der Wörter zu erzielen. Daneben ergibt sich ein motivationsfördernder Aspekt, da die Lernenden selbsttätig arbeiten können und nicht nur Anweisungen des Programms ausführen müssen.

Formentrainer

An die Stelle der Übersetzung isolierter Formen und mechanischer Formenbildung sollten kontextgebundene Übungen treten, da sich lateinische Phänomene von deutschen oftmals grundlegend unterscheiden und nicht eins zu eins wiedergegeben werden können. Monotone Formenpaukerei leistet zudem keinen Beitrag zur Texterschließungskompetenz.

Programme zur Texterschließung

Wünschenswert ist, dass semantisches Texterfassen als Schlüssel zum Textverständnis eingesetzt wird (etwa durch Markierung von Konnektoren oder Hervorhebung von Schlüsselbegriffen) und dass das Programm die einzelnen Schritte, die der Übersetzung vorausgehen (Erfassen der Grobstruktur, Identifizierung des Subjektes über Analyse der Personalmorpheme, Erkennen satzwertiger Konstruktionen und Ermittlung derer Aussage), optional durchführt. So wird die Schwierigkeit einer komplexen Periode durch Einrücken von Gliedsätzen oder das Isolieren satzwertiger Konstruktionen entschärft und auch schwächeren Lernern ein Verständnis der Satzstruktur ermöglicht. Auf diese Weise wird ein Übersetzen mit System eingeübt und zugleich eine Individualisierung des Lernens erreicht. Einen individuellen Zugang gewährleistet außerdem eine Hyperlink-Struktur, die Informationen zu Realien, Grammatik und Vokabular enthält.

Fazit

Wünschenswert ist also, dass die Konzeption von Software auf der Grundlage der im modernen Lateinunterricht bereits verankerten Prinzipien des Wortschatzerwerbs sowie des Formen- und Übersetzungstrainings erfolgt und dass die Stärken des Mediums (Hypertext, Multimedialität) noch besser ausgeschöpft werden, so dass der Einsatz von Software tatsächlich einen Mehrwert darstellt und gute Software auch Zweifler von einer Integration Neuer Medien in den Lateinunterricht überzeugt.

Informationen zur Autorin

Ines Thüring ist Studienassessorin am Bernhard-Riemann-Gymnasium in Scharnebeck.

  • Mehr Infos im Autorenverzeichnis
    Hier können Sie Kontakt mit Frau Thüring aufnehmen. Zudem finden Sie hier eine Liste mit weiteren Lehrer-Online-Beiträgen der Autorin.
 
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