Die Rechtschreibwerkstatt

Veröffentlicht am 02.11.2006

Die Rechtschreibwerkstatt ist ein vom Diplom-Psychologen Norbert Sommer-Stumpenhorst entwickeltes Rechtschreiblernkonzept, das auf einem regelbasierten Vorgehen beim Erwerb der Schriftsprache beruht.

Der Prozess des Rechtschreiblernens

Rechtschreibgespür entwickeln

Geübte Diktate werden in der Schule nicht mehr geschrieben, seitdem man weiß, dass man sich zwar im Kurzzeitgedächtnis Wörter merken kann, sich dadurch aber kein Rechtschreibgespür aneignet. Der Rechtschreiblernprozess ist nicht additiv und der Mensch besitzt keinen "Wortbildspeicher". Deshalb lernen die Kinder nicht einzelne Wörter auswendig, sondern erhalten über das Konstruieren von Wörtern ein Gespür für die Rechtschreibung. Dabei verbessert sich die Qualität des Rechtschreibens auf den drei Ebenen Laut-, Wort- und Satzkompetenz. Diese Entwicklung wird angeregt und unterstützt, wenn die Kinder viel schreiben und ihre Ergebisse regelmäßig kontrollieren.

Drei Prinzipien der Rechtschreibung

  • Lautkompetenz

    Laut-Buchstaben-Zuordnung, Lautfolgen, lang / kurz gesprochene Vokale.
  • Wortkompetenz

    Wortstammprinzip, Wortarten (Großschreibung der Nomen), Wortbildung.
  • Satzkompetenz

    Satzzeichen, grammatikalische Struktur, kontextbezogene Schreibübungen.

Das Haus der Rechtschreibung

Alles auf einen Blick

Das Haus der Rechtschreibung soll den Schülerinnen und Schülern die Ordnung der Rechtschreibung und den Verlauf des Rechtschreiblernprozesses überschaubar machen. Die drei Etagen stehen für die drei grundlegenden Rechtschreibprinzipien, die einzelnen Zimmer geben die Lernbereiche an.

Die Lernebenen

  • Untergeschoss

    Im Untergeschoss der Rechtschreibwerkstatt befindet sich das "Fitnessstudio". Die Kernfrage hier lautet: "Welche grundlegenden Kompetenzen brauche ich, um lesen und richtig schreiben lernen zu können?"
  • Erdgeschoss

    Im Erdgeschoss wird die Ordnung der Laute thematisiert. Daher beginnen hier alle Zimmer mit dem Buchstaben L. Die Kernfrage lautet: "Wie kann ich die Sprache als Informationsquelle für Rechtschreibung nutzen?"
  • Erstes Obergeschoss

    Im ersten Obergeschoss wird die Ordnung der Wörter thematisiert. Daher beginnen hier alle Zimmer mit einem W. Hier lautet die Kernfrage: "Wie kann ich das Wort als Informationsquelle für die Rechtschreibung nutzen?"
  • Zweites Obergeschoss

    Im zweiten Obergeschoss wird die Ordnung der Sätze thematisiert. Daher beginnen hier alle Zimmer mit dem Buchstaben S. Kernfrage hier ist: "Wie kann ich den Satz oder Text als Informationsquelle für die Rechtschreibung nutzen?"
  • Büro der Prinzipienwächter

    Im Büro der Prinzipienwächter werden die Rechtschreibung und deren Prinzipien thematisiert. In diesem Zimmer lautet die Kernfrage: "Wie ist die Rechtschreibung aufgebaut? Welchen Prinzipien folgt unsere deutsche Rechtschreibung?"

Der Modellwortschatz

In der Rechtschreibwerkstatt lernen die Kinder unter anderem mit dem Modellwortschatz, einer Methode, die sehr viele Möglichkeiten zum differenzierten Erlernen der Rechtschreibung bietet. Der Modellwortschatz besteht aus ausgewählten Wörtern, mit denen die Kinder langfristig Rechtschreibregeln konstruieren können. Neben dem Schreiben der Wörter per Selbst- oder Partnerdiktat lernen sie hauptsächlich durch Sortieraufgaben zu bestimmten Rechtschreibphänomenen. (Zum Beispiel: "Suche alle Wörter mit einem au heraus und schreibe sie auf.") Über das Heraussuchen und Konstruieren der Wörter können die Kinder später die Rechtschreibphänomene auf andere Wörter übertragen. Die verschiedenen Übungen können auf die Lernbereiche bezogen und sowohl in Einzel- als auch in Partnerarbeit zur Entwicklung eines Rechtschreibgespürs sowie zur Reflexion des bereits Gelernten eingesetzt werden.

Die Website zur Rechtschreibwerkstatt

Sommer-Stumpenhorst hat passend zu seinem Rechtschreibkonzept eine Website aufgebaut, die sehr ausführlich und anschaulich über das Konzept informiert. Dort gibt es einen Lehrer- und einen Schülerbereich. Im Schülerbereich erklärt der Chef der Rechtschreibwerkstatt, Graf Ortho, in kindgerechter Weise, was die Schulkinder im Rechtschreibhaus lernen. Hier werden auch verschiedene Rechtschreibphänomene erklärt, wie zum Beispiel: "Warum wird Ärger mit Ä und nicht mit E am Anfang geschrieben?". Die Schülerinnen und Schüler können hier zudem Fragen an Graf Ortho stellen. Im Lehrerteil werden die Materialien des Konzepts beschrieben, einige Beispiele stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung. Außerdem finden Interessierte hier ein Fachforum sowie Informationen zum Konzept der Rechtschreibwerkstatt und zu Fortbildungen. Der Autor selbst nimmt Stellung zu Kritik bezüglich seines Konzeptes.

Einsatz im Unterricht

In der Praxis zeigte sich, dass die Schülerinnen und Schüler gerne und selbstständig mit den Materialien der Rechtschreibwerkstatt arbeiten. Anhand des "Haus-Posters" sehen die Kinder ihre Fortschritte und wollen unbedingt im "Haus der Rechtschreibung" voranschreiten. Ein positiver Effekt neben dem des differenzierenden Rechtschreiblernens ist, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenz hinsichtlich der Organisation ihres Arbeitens steigern, da sie mit der Zeit selbstständig zwischen dem Lernangebot auswählen können und ihre Fortschritte dokumentieren müssen.

Literatur

  • Sommer-Stumpenhorst, Norbert: Rechtschreiben lernen mit Modellwörtern. Berlin: Cornelsen 2005

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Avatar Sven Ludwig

ist Lehrer an einer Grundschule in Wuppertal. Seit dem Studium an der BUGH Wuppertal interessiert ihn der Einsatz des Computers und Internets im Unterricht der Primarstufe.

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