Frieder Kerler
19.04.2005

Sehreise über das Mehr: Anregungen aus der Kunstwerkstatt

Diese CD-ROM der Kunstschule KunstWerk stellt einen reich bebilderten, anregenden Bericht über den Schulalltag und die Bedingungen einer kreativen Medien-Kunst-Werkstatt vor.
 

Die CD-ROM mit dem beziehungsreichen Titel "Sehreise über das Mehr" ist eine Produktion der Kunstschule KunstWerk in Hannover. Sie erschien 2003 im Rahmen des kubim-Projekts sense&cyber und stellt einen reich bebilderten, anregenden Bericht über den Schulalltag und die Bedingungen einer kreativen Kunstwerkstatt vor. Anlass zu dieser Arbeit war die neu eingerichtete Medienwerkstatt und die zentrale Frage, wie sich diese ins Konzept der Kunstwerkstatt integrieren lässt.

Die multimediale CD-ROM dokumentiert eine intensive Standortbestimmung des Kunstwerkkonzepts von Anne Möllers und Britta Schiebenhöfer. Sie beobachteten und hinterfragten ihre Arbeit über einen Zeitraum von drei Jahren. Vorgelegt haben sie einen vielseitigen Erlebnisbericht, der den Betrachterinnen und Betrachtern keine Rezepte andient, sondern sie einlädt, sich selbst auf eine Reise zu begeben.

Navigation

Erschließungsmöglichkeiten
Die Abbildung einer geknitterten CD-ROM, die an ein Zifferblatt oder eine Windrose erinnert, empfängt uns auf dem Startschirm, während das Navigationsprogramm der Reise lädt. Der Metapher entsprechend folgen daraufhin mehrere Erschließungsmöglichkeiten, die verschiedene Reiserouten eröffnen. Zunächst befinden wir uns auf einer aleatorischen "Assoziationsebene", die trudelnde Bilder und Texte sind ein Blättergestöber über einer Landschaft. Klickt man einen Bildschnipsel an, findet man sich auf einer sehr übersichtlichen "Reiseebene" wieder. Dort wird von den Beteiligten dieser Werkstatt und ihrem Unterwegssein in Bildern, Texten, Tönen und Filmen berichtet. Die Kinder und Jugendlichen, einige Werkstatträume sowie fertige Arbeiten werden vorgestellt.

 

Rezeptive und produktive Ebenen

Eine Navigationskugel führt den Wanderer entweder zu der "Assoziationsebene" zurück oder zur "Metaebene", die Texte
aus der Produktionsphase und über das Projekt versam-
melt. Längere Texte erscheinen in einem eigenen Fenster mit Rollbalken. Lässt man sich auf die Lektüre ein, wirken ein kleineres Fenster mit animierten Inhalten sowie eine Laufschriftzeile am unteren Bildschirmrand - Börsennotierungen vergleichbar - etwas ablenkend. Die Begleitgeräusche sind abschaltbar, die Begleitbewegungen leider nicht. Alle Texte sind aber einzeln speicherbar, um sie mit einem Textprogramm in Ruhe lesen zu können. Die bewegte Schriftunterzeile führt zu einer ersten produktiven Ebene, die Transformationen anbietet: Auf Wunsch werden dort Texte zeilenweise in Muster aus Farbquadraten übersetzt. Man könnte sich an synästhetische Farb-Klang-Visionen etwa von Skrjabin oder an die entsprechenden Experimente von Kandinsky erinnert fühlen (hierzu mehr unter den Zusatzinformationen unten).

 

Text und Transformation
Im digital programmierten virtuellen Raum wird eine Beziehung von Text als Vertreter von Sinn, Bedeutung, Idee und Farbfolgen hergestellt. Wobei die Transformationsbeziehung natürlich rein formal bleiben muss: Buchstaben- und Wortfolgen werden in Farbfolgen übersetzt. Eigene Texte sind als Ausgangsmaterial möglich. Das bunte Ergebnis ist in seinem Zustandekommen nicht zu beeinflussen, kann aber wie ein Geschenk entgegengenommen werden, zum eigenen Gebrauch. Es lässt sich speichern und weiterverarbeiten. Die Umkehrung, also die Transformation farbiger Kompositionen in sinnreichen Text, ist noch nicht Teil des Angebots. Nebenbei bemerkt: Alle verwendeten Medien - Texte, Bilder, Filme - sind auf der CD-ROM offen abgelegt und somit einzeln und direkt zu erreichen.

Reflexion

Der Sehweg
Im Zentrum der Metaebene beginnt der "Sehweg": eine weitere produktive Ebene. Dort versammelt sich die ständig wachsende Anzahl der betrachteten Bilder in Ausschnitten, die ihrerseits als optisches Material neu geordnet werden kann und die Rückkehr zu früheren Orten ermöglichen. Neben der Metapher des Unterwegsseins spielt das Prinzip Collage bei der Struktur dieser CD-ROM eine Hauptrolle: Bewegung, assoziative Verknüpfungen, Zufälligkeiten aller Art und parallele Gleichzeitigkeit sind die konstitutiven Merkmale, um den Kunstwerkstatt-Alltag zu simulieren. Dieses Konzept setzt bei der Betrachtung eine gewisse Flexibilität, Neugier und einen Forscherdrang voraus, aber auch frei. Werkstattmethoden und -erfahrungen bilden sich in Ergebnisoffenheit und Chaosmanagement ab und beanspruchen zunächst einen gewissen Vorschuss an Geduld. Lässt man sich auf die Reise ein, entfaltet sich ein beträchtliches Anregungspotenzial.

Methodische Überlegungen
"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen", weiß der Volksmund und richtig: Die Sehreise erweist sich als eine ebenso unterhaltsame wie spannende Unternehmung. Sie führt von den Tätigkeiten der Kunstschule, der Schilderung herkömmlicher Verwirklichungsweisen der Aneignung und Gestaltung über den Umgang mit Digitalkamera und Computer bis zu methodischen, gruppendynamischen und pädagogischen Überlegungen. Immer bleibt ein wohltuender Abstand zu jeder Form von Technikhuberei gewahrt. Der Umgang mit den Apparaten wird ebenso offen und kritisch beobachtet wie die Nutzung herkömmlicher Mittel künstlerischen Ausdrucks. Im Vergleich kommen die Vorteile wie die Hemmnisse klar in den Blick.

Reflexionen über Medienkompetenz und ästhetische Kompetenz
Aus der sehr detaillierten Beobachtung der Arbeit werden Reflexionen zu ganz grundlegenden Themen wie "Medienkompetenz" und "ästhetischen Kompetenz" entwickelt. Dabei wird mit empirischer Selbstverständlichkeit Grundlegendes verhandelt, etwa die zehn Gebote des "Hannoverschen Manifests": Thesen zur Arbeit einer Kunstschule, die manchmal an Paul Klees künstlerisches Programm die "Schöpferische Konfession" von 1920 erinnern (hierzu mehr unter den Zusatzinformationen).

 

Brüche und Leerstellen, quasi weiße Flecken auf der Landkarte des kunstpädagogischen Alltags, werden nicht mit alerter Eloquenz forsch kaschiert, sondern wahr- und ernstgenommen. Gelegentlich werden sie sogar fruchtbar gemacht für eigenwillige Ansätze, immer getragen von den Säulen der Freiwilligkeit, des Ernstnehmens, der Eigenverantwortlichkeit und der Selbstbeauftragung. Ganz nebenbei geraten aber auch Beobachtungen und Begegnungen am Wege in den Blick: Schöne Geschichten von allerlei Erheblichkeiten des Alltags. Wunderbar, fast anrührend der Bericht, wie das Fachbuch für Ölmaltechnik gleich zweimal in den Besitz der Kunstwerkstatt gelangte.

 

Fazit

Kunstpädagogische Standortbestimmung
Aus der ebenso sorgfältigen wie authentischen Reflexion der Beobachtungen und Erlebnisse leiten die beiden Kunstpädagoginnen Anne Möllers und Britta Schiebenhöfer Ansätze einer sehr überzeugenden kunstpädagogischen Standortbestimmung ihrer Arbeit ab. Besonders die Metaebene hält köstlich schimmernde Perlen bereit: sowohl für praxisorientierte wie für theoriebezogene Neugierige. Ein Entwicklungsvorschlag für das Update einer Neuauflage könnte sein, die Geschwindigkeit der Laufschrift an die Aktivität des Benutzers zu koppeln: Während man längere Texte liest, kämen die Animationen zum Erliegen, erst wenn der Cursor bewegt wird, erwachten sie wieder zu neuer Aktivität.

Umfassenden Blick auf kunstpädagogische Arbeit
Es sind keine Kaffeefahrten zu den heilsverheißenden Quellen didaktischer Erkenntnis. Die Mühen des Unterwegsseins werden den Interessierten nicht erspart, was bei einem so komplexen Unterfangen auch nicht zu erwarten ist. Wer also nicht den Last-Minute-Kurztrip zur schnellen Erleuchtung erwartet, sondern bereit ist, sich auf den mitunter auch anstrengenden Pfad zu machen, der wird mit blühenden Anregungen am Wegesrand belohnt. Für einen offenen - wahrscheinlich sehr weiblichen - fast vorbehaltlosen, jedenfalls ziemlich umfassenden Blick auf kunstpädagogische Arbeit an einer Kunstschule mit Werkstattmodell, sei diese CD-ROM sehr empfohlen. Auch der Kunstunterricht an Schulen kann hiervon profitieren.

Kurzinformation

TitelSehreise über das Mehr (CD-ROM)
KonzeptionAnne Möllers, Britta Schiebenhöfer
VertriebLandesverband der Kunstschulen Niedersachsen,
Tel. 0511/414776, E-Mail lv-ks@t-online.de
Preis10,00 €
SystemvoraussetzungenWin 98/NT/2000/ME/XP, 128 MB RAM, 1 GHz, Pentium III, Qiucktime 6; MacOS 8.6 oder höher, 128 MB RAM, 350 MHz, Quicktime 6

Zusatzinformationen

Im WWW

Informationen zum Autor

Frieder Kerler
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