Dr. Axel Ehlers
22.04.2004

Ritter Arthaud - Abenteuer im Heiligen Land

Der fiktive Ritter Arthaud soll die Reliquien des heiligen Kreuzes nach Frankreich bringen. Das Infotainment-Adventure des Cornelsen-Verlages bietet spannende, teilweise aber auch zeitraubende Unterhaltung.
 

Der fiktive französische Ritter Arthaud wird von seinem König Philipp II. Augustus (1180-1223) ins Heilige Land geschickt, um die Reliquien des heiligen Kreuzes nach Frankreich zu bringen. Er ist also kein Kreuzfahrer, der aufgrund eines Gelübdes ins Heilige Land reist. Er nimmt nicht an einem Kreuzzug teil, und Gefolge hat er auch nicht. Man sieht ihn am Beginn seiner Reise zu Fuß in eine südfranzösische Hafenstadt marschieren. Für einen in königlichem Auftrag reisenden Ritter ist das, gelinde gesagt, ungewöhnlich.
Um historische Authentizität geht es denn auch nur teilweise, das Abenteuerspiel steht im Vordergrund. "Ritter Arthaud" ist eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe der Software "Kreuzzüge - Verschwörung im Königreich des Orients", die gegenüber der ersten Version nach Angaben des Verlags "erhöhtes Spielvergnügen" bieten soll. Das tut sie gewiss, ob sie auch ein erhöhtes Lernvergnügen bietet, scheint hingegen fraglich.

Aufbau und Inhalt

Reise durch fotorealistische 3D-Animationen
Insgesamt zehn Handlungsabschnitte haben die französischen Schöpfer des Programms kreiert. Ein arabischer Erzähler namens Al Hârawî führt die Spielerinnen und Spieler in die Handlung ein und begleitet sie mit seinen Kommentaren durch das gesamte Abenteuer, tritt darin auch handelnd in Erscheinung. Die Spielerinnen und Spieler bewegen sich mittels Maus in aufwändigen, fotorealistischen 3D-Animationen. Jede Spielstufe enthält Aufgaben ("Rätsel"), die gelöst werden müssen, bevor die Spielerinnen und Spieler die nächste Spielstufe erreichen können. Das Überspringen einer Stufe oder einzelner Aufgaben ist nicht möglich.

Spielerische Interaktion und Rätsel
In interaktiven Bildern gilt es mit der Maus Gegenstände zu sammeln, zu tauschen, zu kaufen, zu platzieren oder Personen zum Sprechen zu bringen oder sie umzustellen. Die Spielerinnen und Spieler sollen Informationen finden und verknüpfen. Das macht Vergnügen, solange es funktioniert. Zuweilen bedarf es jedoch erheblicher Ausdauer, um ein entscheidendes Detail zu entdecken oder herauszufinden, was zu tun ist, um die Handlung voranzubringen. Alle Rätsel sind lösbar, versichert der Verlag. Im Falle zunehmenden Zweifels können sich die Spielerinnen und Spieler an eine Hotline wenden, die per E-Mail kostenlos Lösungen zur Verfügung stellt. Rätsel-Lösungen gibt es auch im Internet (siehe Zusatzinformationen). Der Rezensent gesteht, trotz dieser Lösungen an der "Seeschlacht" (3. Kapitel) beinahe gescheitert zu sein. Hier kommt es darauf an, dass mehrere Schiffe in einer bestimmten Formation möglichst nahe aneinander manövriert werden, aber bis jemand das gemerkt hat, kann schon mehr als eine Stunde vergehen. Das stellt hohe Ansprüche an die Frustrationstoleranz; denn es geht ja nicht weiter, bevor die zunehmend unsinnig erscheinende Aufgabe gelöst ist.

Historisches Lernen bleibt eingeschränkt
Wer die bereitgestellten Texte und Bilder aufmerksam nutzt, hat nicht nur mehr Spaß am Spiel, sondern kann gleichsam nebenbei auch einiges lernen. Wie nachhaltig dieses Wissen ist, sei dahingestellt. Auch werden geschichtliche Sachverhalte nicht wirklich problematisiert, so dass historisches Lernen im engeren Sinne nur eingeschränkt gefördert wird. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn im erklärenden Text zur Karte "Der Erste Kreuzzug" der gewiss nicht unproblematische Begriff "Feudalstaat" verwendet, aber nicht erklärt wird. Eine Suche im Archiv bringt keine Verständnishilfe. Fragen der politischen und sozialen Verfassung interessieren eben nur am Rande.

Detailwissen statt historischer Zusammenhänge
Den Ritterorden der Johanniter gibt es bei "Ritter Arthaud" nicht, nur die "Hospitaliter". Der Begriff wurde offenbar wörtlich aus der französischen Vorlage übernommen, ohne den deutschen Sprachgebrauch zu beachten. Ärgerlich auch, dass im gesprochenen Kommentartext der Titel des venezianischen Dogen falsch ausgesprochen wird (mit hartem statt weichem "g"). Historische Zusammenhänge bleiben vielfach im Dunklen, und ein chronologischer Überblick über die Kreuzzüge ist mit dieser Sofware nur sehr mühsam zu gewinnen. Dafür erfährt man viel über technische Details: Wie man eine Burg erobert oder worauf man bei einer Schiffspassage achten muss.

Navigation

Informationen im Beiheft
Spielverlauf, Navigation und sonstige Handhabung des Programms werden im Booklet zur CD-ROM hinreichend erklärt und können auch über das Programm selbst gut erschlossen werden. Der Vorspann zu Beginn kann laut Begleitheft bei wiederholtem Neustart des Spiels durch Anklicken abgebrochen werden, was dem Rezensenten nicht gelang. Die Escape-Taste leistet hier den gewünschten Dienst. Über ein Anklickmenü können sich Spielerinnen und Spieler entscheiden, ob sie ein neues Spiel starten oder einen zuvor erreichten Spielstand laden wollen.

Von einem Schauplatz zum anderen
Jedes Kapitel bietet mehrere Schauplätze. Über eine Menüleiste mit Icons rechts über dem Hauptbild kann auf jeden Schauplatz direkt zugegriffen werden. Ein Pop-up-Menü rechts unter dem Hauptbild bietet drei Funktionen: Die Funktion "Zurück" leitet zum letzten Bildschirminhalt, über "QuickMove" gelangt man zum Archiv, das viele zusätzliche Informationen liefert, und mit "Optionen" kann man auf das Hauptmenü zugreifen (neues Spiel starten, Spielstufe speichern, Lautstärke regeln, Spiel beenden).

Verzahnung von Spiel und Zusatzinformationen
Links unterhalb des Hauptbildes befindet sich eine Leiste, in der gesammelte Objekte und Personen angezeigt werden. Die meisten dieser Icons lassen sich auf ein Fragezeichen ziehen, das ein Archivfenster mit erläuternden Informationen öffnet. Links oben lässt sich in bestimmten Stadien des Spiels ein Rätseltext öffnen, der Hinweise für das weitere Vorgehen bereithält. Das alles ist gut durchdacht und trotz der Komplexität des Programms recht übersichtlich. Gut gelungen ist die Verzahnung der Zusatzinformationen im Archiv mit dem Spielverlauf.

Fazit

Ein spannendes Abenteuer-Spiel mit historischer Kulisse, das zum Hingucken und zur Verknüpfung von Informationen nötigt, aber historisches Lernen nur eingeschränkt ermöglicht. Hier geht es weniger um das Verstehen als vielmehr um die Faszination von Geschichte, wie es in der Werbung des Verlages zutreffend heißt. Das Spiel bietet eine Fülle von Details und ist für die historisch grundierte private Unterhaltung zu empfehlen. Einzelne Inhalte erweisen sich jedoch als unzuverlässig. Für den Einsatz in der Schule ist das "Adventure" weniger geeignet. Die geforderten Denkoperationen laufen häufig auf Geschicklichkeitsübungen  und Detektivspiele hinaus, die viel Zeit in Anspruch nehmen, aber kaum zu historischen Problematisierungen führen.

Kurzinformation

TitelRitter Arthaud - Abenteuer im Heiligen Land
Herausgeberwanadoo/France Telecom; dt. Version: Cornelsen Verlag, Berlin, 2001.
VertriebCornelsen Verlag, Berlin
Preis€ 24,95 (CD-ROM oder DVD)
ISBN3-464-90956-5 (3 CD-ROMs für PC + Mac)
3-464-90957-3 (DVD-ROM für PC + Mac)
Technische VoraussetzungenWindows 95 oder höher, Pentium-PC mit 133 MHz (besser 166 MHz oder höher), 4-fach CD-ROM (besser 8-fach oder höher), 32 MB Arbeitsspeicher, Grafikkarte High Color, 16-bit Soundkarte;
Mac OS 7 oder höher, 12 MB RAM, 4-fach CD ROM oder höher, Grafikkarte mit 1000 Farben min.
Der erforderliche Quick-Time-Player wird mitgeliefert. Bei der CD-Version müssen während des Spiels zweimal die CDs gewechselt werden.

Zusatzinformationen

Informationen zum Autor

Dr. Axel Ehlers hat in Göttingen und Cambridge Geschichte und evangelische Religion studiert und nach dem Ersten Staatsexamen eine Dissertation über "Die Ablasspraxis des Deutschen Ordens" verfasst.

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