Wie lernen Kinder die Rechtschreibung? Über diese schon seit langer Zeit diskutierte Frage herrscht nach wie vor Uneinigkeit zwischen Wissenschaftlern, Lehrkräften und Eltern. Sicher ist aber, dass es den Weg zum richtigen Schreiben nicht gibt. Das Konzept nach Norbert Sommer-Stumpenhorst orientiert sich an bereits lange veröffentlichten Untersuchungen aus der Lernpsychologie, die aber von vielen Lehrkräften und Schulbuchverlagen immer noch ignoriert werden. Dieser Artikel stellt kurz das Konzept und die Theorie der Rechtschreibwerkstatt vor.
Rechtschreibgespür entwickelnGeübte Diktate werden in der Schule nicht mehr geschrieben, seitdem man weiß, dass man sich zwar im Kurzzeitgedächtnis Wörter merken kann, sich dadurch aber kein Rechtschreibgespür aneignet. Der Rechtschreiblernprozess ist nicht additiv und der Mensch besitzt keinen "Wortbildspeicher". Deshalb lernen die Kinder nicht einzelne Wörter auswendig, sondern erhalten über das Konstruieren von Wörtern ein Gespür für die Rechtschreibung. Dabei verbessert sich die Qualität des Rechtschreibens auf den drei Ebenen Laut-, Wort- und Satzkompetenz. Diese Entwicklung wird angeregt und unterstützt, wenn die Kinder viel schreiben und ihre Ergebisse regelmäßig kontrollieren.
Das Haus der Rechtschreibung soll den Schülerinnen und Schülern die Ordnung der Rechtschreibung und den Verlauf des Rechtschreiblernprozesses überschaubar machen. Die drei Etagen stehen für die drei grundlegenden Rechtschreibprinzipien, die einzelnen Zimmer geben die Lernbereiche an (Abbildung, bitte anklicken).
In der Rechtschreibwerkstatt lernen die Kinder unter anderem mit dem Modellwortschatz, einer Methode, die sehr viele Möglichkeiten zum differenzierten Erlernen der Rechtschreibung bietet. Der Modellwortschatz besteht aus ausgewählten Wörtern, mit denen die Kinder langfristig Rechtschreibregeln konstruieren können. Neben dem Schreiben der Wörter per Selbst- oder Partnerdiktat lernen sie hauptsächlich durch Sortieraufgaben zu bestimmten Rechtschreibphänomenen. (Zum Beispiel: "Suche alle Wörter mit einem au heraus und schreibe sie auf.") Über das Heraussuchen und Konstruieren der Wörter können die Kinder später die Rechtschreibphänomene auf andere Wörter übertragen. Die verschiedenen Übungen können auf die Lernbereiche bezogen und sowohl in Einzel- als auch in Partnerarbeit zur Entwicklung eines Rechtschreibgespürs sowie zur Reflexion des bereits Gelernten eingesetzt werden.
Sommer-Stumpenhorst hat passend zu seinem Rechtschreibkonzept eine Website aufgebaut, die sehr ausführlich und anschaulich über das Konzept informiert. Dort gibt es einen Lehrer- und einen Schülerbereich. Im Schülerbereich erklärt der Chef der Rechtschreibwerkstatt, Graf Ortho, in kindgerechter Weise, was die Schulkinder im Rechtschreibhaus lernen. Hier werden auch verschiedene Rechtschreibphänomene erklärt, wie zum Beispiel: "Warum wird Ärger mit Ä und nicht mit E am Anfang geschrieben?". Die Schülerinnen und Schüler können hier zudem Fragen an Graf Ortho stellen. Im Lehrerteil werden die Materialien des Konzepts beschrieben, einige Beispiele stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung. Außerdem finden Interessierte hier ein Fachforum sowie Informationen zum Konzept der Rechtschreibwerkstatt und zu Fortbildungen. Der Autor selbst nimmt Stellung zu Kritik bezüglich seines Konzeptes.
In der Praxis zeigte sich, dass die Schülerinnen und Schüler gerne und selbstständig mit den Materialien der Rechtschreibwerkstatt arbeiten. Anhand des "Haus-Posters" sehen die Kinder ihre Fortschritte und wollen unbedingt im "Haus der Rechtschreibung" voranschreiten. Ein positiver Effekt neben dem des differenzierenden Rechtschreiblernens ist, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenz hinsichtlich der Organisation ihres Arbeitens steigern, da sie mit der Zeit selbstständig zwischen dem Lernangebot auswählen können und ihre Fortschritte dokumentieren müssen.
Literatur
Sven Ludwig ist Lehrer an einer Grundschule in Pulheim-Stommeln.
Rechtschreibförderung, Diktat, Unterrichtsmethode