"Die Vorstellung, dass 40 Schüler in einen Raum rasen und sich eine Stunde vor Computer setzen, um im Internet zu surfen, ist absurd." Das Besondere an diesem Zitat ist, dass es von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, stammt. Die Kritiker des Internet befinden sich also in bester Gesellschaft. Kein Zweifel: Man kann auch ohne die digitalen Medien einen guten Deutschunterricht machen. Doch thematisieren sollte man das Phänomen der Änderung der Lesekultur in jedem Fall. Dieser Text ist die stark gekürzte Fassung des weiter unten als Download erhältlichen Artikels von Reinhard Lindenhahn.
Wir haben den Einsatz der digitalen Medien als eine Ergänzung zu verstehen. Mit dem Einsatz von Hypertext-Medien ergeben sich völlig neue unterrichtspraktische Dimensionen. Diese neuen Möglichkeiten müssen immer und immer wieder auf ihre Tragfähigkeit und ihren didaktisch-methodischen Nutzen überprüft werden.
Was ist das Neue an diesen "neuen Medien"? - In erster Linie ihre Hypertextstruktur. Darunter verstehen wir eine nicht-lineare Form der Darstellung, in die sich auch Bild- und Tonelemente implementieren lassen. Hypertexte werden nicht kursorisch, nicht sequentiell gelesen, sondern punktuell-hierarchisch. Einzelne farblich hervorgehobene Textbausteine oder auch Bilder des Ausgangstexts führen beim Anklicken mit der Maus auf eine andere hierarchische Ebene.
Neben textualen gibt es auf einer Hypertextseite auch illustrierende Hyperlinks in Form von Bildern oder Grafiken. Die typische Seitenaufteilung enthält verschiedenartige Gestaltungselemente, die eben nicht nur Gestaltungselemente sind, sondern Ausstiegsmöglichkeiten zu einer anderen Ebene bieten, von der aus in aller Regel weitere Verzweigungen möglich sind.
Neue LesegewohnheitenDie Gefahr ist evident: Leserinnen und Leser - zumal unerfahrene Jugendliche - können sich sehr leicht darin verirren. Zudem ist zu befürchten, dass der lebhafte Umgang der Jugendlichen mit dem Medium dazu führt, dass sie es nicht mehr gewohnt sind, einen Text von Anfang bis Ende zu lesen, sondern die Lesegewohnheiten mit der Hypertextstruktur auf die Printmedien übertragen.
Die neue Textstruktur bietet aber auch große Chancen. Ein gezielter Unterricht kann die schnelle und selbstständige Bewertung von Gelesenem fördern, und ein bewusster Umgang mit Hypertext-Strukturen kann das eigenständige, kreative Denken anregen. Durch die Hypertextstruktur lassen sich beispielsweise bei der Behandlung von Dramen oder Kurzgeschichten eigene Zusätze wie Personenbeschreibungen (auch in Bildform), Sprechblasen, Erläuterungen, Erzählerkommentare, Textalternativen kontextgenau einfügen.
Gerade die Hypertextstruktur kann man nutzen, um neue Blickwinkel, neue Aspekte, neue Präsentationsmethoden erfahrbar zu machen - und zwar auf eine Art und Weise, wie sie mit dem Buch nicht möglich wäre.
Eine nicht-lineare Struktur bietet auch die Möglichkeit zu individueller Lernprogression. Beim Lesen von Hypertexten formt sich gleich zu Beginn ein Eindruck, der dann nach Belieben immer genauer wird. Der Rezipient kann jederzeit abbrechen, wenn ihm das Bild, das er bekommen hat, genau genug erscheint.
Der eigentliche Nutzen von Hypertexten ergibt sich jedoch nicht aus ihrer Lektüre, sondern aus ihrer Produktion. Hier birgt die neue Struktur - richtig eingesetzt - große Chancen.
Wer Hypertexte verfasst, muss logische Hierarchien aufbauen. Die Schülerinnen und Schüler müssen erkennen, was die wirklich wichtigen Inhalte sind und was zusätzliche Randinformationen sind. Man kann Projekte starten, in denen Informationen zu einem System auf verschiedenen Ebenen vernetzt werden, veranschaulicht durch Bild- und Tonmaterial. Solche Projekte konservieren Einzelreferate, bündeln sie, erlauben es, Querbeziehungen herzustellen, Denken zu vernetzen, unerwartete Bezüge zu entdecken. Die Lernenden blicken über den Tellerrand hinaus und lernen zu denken, nicht nur auswendig zu lernen.
Bei der Erstellung eines Hypertexts sind die saubere Hierarchisierung des Gedankengangs und Kürze im Ausdruck notwendig. Das bedingt natürlich eine genaue Reflexion dessen, was man schreibt, und ein gründliches Überarbeiten, das im Heft häufig ausbleibt. Die Schülerinnen und Schüler müssen aus der Empfängerperspektive heraus denken lernen und ihr Geschriebenes von diesem Aspekt her prüfen.
Uns darf es nicht in erster Linie darum gehen zu zeigen, wie man technisch eine gute Homepage zusammenbaut, sondern wichtig ist hier, eine Art von Rhetorik des Internet zu vermitteln: Wer in sein Hausheft schreibt, schreibt für sich. Wer einen Text (mit Bildern) ins Netz stellt, tut dies für andere. Und wenn er bestimmte Regeln nicht beachtet, ist die ganze Arbeit vergebens.
Web-Seiten sind auch hinsichtlich des Layouts völlig anderen Gesetzen unterworfen als Buchseiten. Es kommt aber noch mehr hinzu: Die Website muss überzeugen. Erreicht werden kann diese Glaubwürdigkeit unter anderem durch gute sprachliche Gestaltung und überlegte Hypertextstruktur mit klarer Benutzerführung.
Ein weiterer Vorzug derartiger Projekte liegt darin, dass sie den Unterricht im engeren Sinne eigentlich nie ersetzen können, sondern sie führen ihn fort, erweitern oder vertiefen ihn mit anderen Mitteln. Um die Motivation bei den Lernenden braucht Ihnen dabei nicht bange zu sein, diese sind mit Feuereifer dabei, kommen sogar nachmittags und arbeiten freiwillig zu Hause - und zwar nicht nur die Kleinen.
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SchülerInnen können wirklich mit dem Internet etwas lernen. Medienkompetenz und Lesekompetenz sind bei genauerem Hinsehen durchaus keine Gegensätze, sondern sich ergänzende Fähigkeiten.
ist Lehrbeauftragter am Seminar für Schulpädagogik (Gymnasien) in Rottweil.
Hypermedia, multimediales Material, Website, Didaktik