Florian Faderl
20.01.2012

Innenpolitik im Kaiserreich ab 1871

Im Fokus der Unterrichtseinheit "Innenpolitik im Kaiserreich ab 1871" steht die kritische Beschäftigung mit der historischen Figur des Reichskanzlers Otto von Bismarck (1871 bis 1890). Die Schülerinnen und Schüler sollen das politische Handeln des "Eisernen Kanzlers" aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.
 

Das von Bismarck auf den Weg gebrachte "Sozialistengesetz" (1878) sowie die auf sein Betreiben hin verwirklichte Sozialgesetzgebung (1883 bis 1890) stehen besonders im Blickpunkt der Unterrichseinheit. Mithilfe aufbereiteter Bild- und Schriftquellen aus dem Internet sollen die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und II dazu angeleitet werden, sich kritisch mit den Motiven Bismarcks im Kampf gegen die Sozialdemokratie und mit der Einführung der Sozialgesetze zu beschäftigen. Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) entwickelte Schulmaterial kann dabei gezielt eingesetzt werden, um Grundzüge der Bismarckschen Herrschaftstechnik der "politischen Doppelstrategie" herauszuarbeiten. Die Unterrichtseinheit wurde so konzipiert, dass sie an einen Besuch der Ausstellung "In die Zukunft gedacht" in Berlin anknüpfen kann. Jedoch können die einzelnen Bausteine der Unterrichtseinheit im Geschichtsunterricht auch eigenständig durchführen werden.

 

Kompetenzen

Fachkompetenz
Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • erkennen, dass Bismarck mit dem "Sozialistengesetz" ("Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie") vom 21. Oktober 1878 beabsichtigte, die Organisations- und Kommunikationsstrukturen der sozialdemokratischen Partei zu zerschlagen.
  • wissen, was die Motive und die sozialpolitischen Ziele der "Kaiserliche Botschaft" vom 17. November 1881 waren.
  • (in Grundzügen) den Inhalt der drei folgenden Sozialgesetze wiedergeben können: Die Krankenversicherung (1883), die Unfallversicherung (1884) und die Invaliditäts- und Altersversicherung (1889).
  • abwägend urteilen, mit welchem Ansatz Bismarck die "Soziale Frage" im Kaiserreich lösen wollte.

Methoden- und Medienkompetenz
Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • ihren Umgang mit unterschiedlichen historischen Quellengattungen schulen.
  • das Internet nutzen, um historisch aufbereitetes Quellenmaterial zu erschließen.
  • in Gruppen Quellentexte am Computer bearbeiten und dadurch ihr Textverständnis schulen.
  • politische Gesetzestexte verstehen und Karikaturen interpretieren können.

Sozialkompetenz
Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • in Gruppenarbeit Fragen zu Geschichtsquellen gemeinsam bearbeiten.
  • lernen, politische Karikaturen frei zu beschreiben und zu analysieren.

Kurzinformation zur Unterrichtseinheit "Innenpolitik im Kaiserreich"

ThemaDie Lösung der "Sozialen Frage"? - Innenpolitik im Kaiserreich ab 1871
AutorFlorian Faderl
FachGeschichte, Sozialkunde
ZielgruppeSekundarstufe I und II (Klasse 9 bis 12)
Zeitraum2-4 Unterrichtsstunden
Technische Voraussetzungenje ein Computer mit Internetanschluss für zwei bis drei Personen, Beamer für den Unterrichtseinstieg
PlanungTabellarischer Verlaufsplan

Didaktisch-methodischer Kommentar

Geschichtsbewusstsein
Die drei Sozialgesetze, wie sie am Ende des 19. Jahrhunderts im deutschen Reichstag beschlossen worden waren, standen im internationalen Vergleich auf lange Zeit konkurrenzlos da. Der in der schulischen Geschichtsdidaktik relevante Aspekt des Geschichtsbewusstseins lässt sich an der von Bismarck forcierten Sozialgesetzgebung gut darstellen. Die Krankenversicherung (1883), Unfallversicherung (1884) und Invaliditäts- und Altersversicherung (1889) markierten den Beginn einer neuartigen (deutschen) Sozialstaatspolitik und bilden bis heute die Grundlage des fünfgliedrigen staatlichen Sozialsystems der Bundesrepublik Deutschland. Ein Gespür für historische Wandelbarkeit kann mithilfe dieses Themas bei den Schülerinnen und Schülern erzeugt werden.

Multiperspektivität
Der Erfolg der Sozialgesetzgebung darf jedoch nicht zu einer einseitigen Betrachtung der Bismarckschen Sozialpolitik führen. Das schon zu Lebzeiten Bismarcks konstruierte Geschichtsbild des Reichskanzlers als "weitblickender und Fürsorge tragender Sozialreformer" muss schon im Unterricht der Sekundarstufe I hinterfragt und in den Kontext seiner innenpolitischen Maßnahmen zur Lösung der "Sozialen Frage" im Deutschen Kaiserreich gestellt werden. Dazu gehört es, neben den Sozialgesetzen auch Bismarcks gesetzlich angeordneten Kampf gegen die deutsche Sozialdemokratie zu thematisieren. Berücksichtigt man diese beiden Perspektiven bei der Quellenauswahl, kommt der Klassenverband zu einem differenzierteren Urteil über Bismarcks politisches Handeln und Staatsverständnis in Bezug auf die "Soziale Frage". Der Bismarck-Mythos wird dekonstruiert.

Internetadressen

Einstieg

Politische Karikatur
Mit einer politischen Karikatur aus der Zeit des Kaiserreichs wird die Unterrichtseinheit über Bismarcks Innenpolitik eröffnet. Die Unterrichtsmethode des "stummen Impulses" setzt voraus, dass der Klassenverband bei der eigenständigen Beschreibung und Analyse von visuellen Quellen Übung hat. Die Karikatur "Kurz oder weit?" aus der politisch-satirischen Zeitschrift "Kladderadatsch" wird an eine Wand projiziert, um die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse zu bündeln ("Interessensfixierung").

Reproduktion und Transfer
Dabei beginnen die Schülerinnen und Schüler zunächst ohne Anleitung der Lehrkraft, den nicht einfachen Inhalt der Karikatur zu beschreiben. Lediglich beim Übergang von der Reproduktion (Beschreibung der Quelle) zur Transferleistung (Analyse der Quelle) sollte die Lehrkraft Hilfestellung leisten, falls der Klassenverband die Figur Bismarcks nicht zutreffend analysieren kann: Der Reichskanzler wird von dem ihm wohl gesonnenen Blatt als fähiger und weitblickender Sozialpolitiker charakterisiert. Dieses vom "Kladderadatsch" gezeichnete Bild Bismarcks soll zur übergeordneten Fragestellung der Unterrichtseinheit hinführen, mit der sich die Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen werden.

Erarbeitung

Kontrastive Quellen
Um die Ambivalenz und das taktische Kalkül von Bismarcks politischem Handeln deutlich zu machen, ist eine kontrastive Auswahl der Textquellen von der Lehrkraft vorzunehmen. Am Ende der Sekundarstufe I sollten die Schülerinnen und Schüler damit vertraut sein, die unterschiedliche Perspektiven einer Quelle ("Sozialistengesetz" versus "Kaiserliche Botschaft") zu beschreiben, zu bewerten und in ihren historischen Kontext einordnen zu können.

Bismarcks Herrschaftsführung
Zur Thematik der Bismarckschen Sozial- und Innenpolitik bietet der "Zeitenklicker" eine große Zahl von methodisch aufbereiteten visuellen Quellen, mit deren Hilfe die von Bismarck betriebene Sozialpolitik in sein gesamtpolitisches Verständnis von Herrschaftsform und Herrschaftsführung eingeordnet werden kann. In einer zweiten Erarbeitungsphase soll sich die Klasse mit dem Inhalt der Sozialgesetze beschäftigen (Versicherungspflicht für wen genau? Finanzierung? Leistungen?). Diese Gesetze bilden die Grundlage des deutschen Sozialsystems und bieten somit für die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, Vergangenes im hier und jetzt begreifbar zu machen ("Historizitätsbewusstsein").

Präsentation, Auswertung, Ergebnissicherung

Die schriftlichen Quellen werden von den Schülerinnen und Schülern in Kleingruppen (zwei bis drei Personen) bearbeitet und anschließend im Plenum vorgestellt. Bei der Gestaltung des Tafelbildes sollte darauf geachtet werden, den doppeldeutigen Charakter von Bismarcks Sozialpolitik optisch zu betonen. Das Ziel der Unterrichtseinheit ist dann erreicht, wenn die Herrschaftstechnik des Reichskanzlers am Beispiel seiner Innen- und Sozialpolitik nachvollziehbar gemacht wurde.

Tafelbild.rtf
 

Abschlussdiskussion und Ausstellungsbesuch

Besonders in der Sekundarstufe II ist eine abschließende Diskussion der zu Beginn der Unterrichtseinheit gestellten Frage "Bismarck - Ein Sozialreformer mit Weitblick?" notwendig. Auf der Basis der erworbenen Kenntnisse aus den Textquellen sollen die Schülerinnen und Schüler reflektieren, ob das in der Karikatur konstruierte (Geschichts-)Bild Bismarcks in Bezug auf die von ihm gestaltete Sozialpolitik berechtigt ist, oder eher nicht. Der Besuch der Ausstellung "In die Zukunft gedacht" in Berlin im Anschluss an die Unterrichtseinheit könnte dazu genutzt werden, die Bismarcksche Innenpolitik auf ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen. Wie langlebig war die von ihm entworfene Sozialgesetzgebung? Gelang es Bismarck dauerhaft, die deutsche Sozialdemokratie zu unterdrücken? Diese Fragen sind nur einige Beispiele, die durch die Ausstellung beantwortet werden können.

  • ausstellung.bmas.de
    Alle notwendigen Informationen (Öffnungszeiten, Führungen für Schulklassen) über den Besuch der Ausstellung in Berlin finden Sie hier.

Informationen zum Autor

Florian Faderl hat Geschichte, Englisch und Erziehungswissenschaften für das Lehramt an Gymnasien studiert (Staatsexamen I) und ist als Mitarbeiter für Lehrer-Online tätig.

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