Helene Skladny
29.06.2009

Das Projekt im Überblick

Die Lernenden erstellen eine seriös wirkende Website zum erfundenen und gefälschten Ort "Castra Berolina". Dabei entwickeln sie ein kritisches Bewusstsein für den Wahrheitsgehalt von Informationen aus dem Internet.

"Expertengruppen" bilden

Während des Projekts werden die heterogenen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler genutzt, es entwickeln sich "Expertengruppen". Zwei Schülerinnen und Schüler lassen sich von der Lehrkraft für Informationstechnische Grundbildung in das schulinterne CMS-System einarbeiten und helfen den Kleingruppen bei der Erstellung der Webseiten. Andere Gruppen engagieren sich beim "Faken" hinsichtlich der erfundenen Geschichten um die spektakulären Funde oder kümmern sich um die historischen Informationen.

Fächerübergreifendes Arbeiten inner- und außerhalb der Schule

Steigende Eigendynamik
Das Projekt findet vor allem in Einzelstunden statt, gewinnt zum Ende hin jedoch mehr und mehr an Eigendynamik. So werden zum Beispiel projektfremde Lehrerinnen und Lehrer in die Arbeit eingebunden, teilweise wird außerhalb des Unterrichts gearbeitet.

Selbstständige Gruppenarbeit
Nach einer Planungsphase agieren die Gruppen selbstständig und treffen sich wöchentlich im Projektplenum. Der Unterricht findet im Computerraum statt - wobei immer einige Schülerinnen und Schüler auf dem Schulgelände unterwegs sind, um Fotos oder Filme zu erstellen oder nach geeigneten Requisiten (beispielsweise Tonscherben) zu suchen beziehungsweise diese selbst herzustellen.

Bilder und Texte - Urheberrechte klären!

Die Bild- und Textrechte zu klären ist sehr wichtig. Eigene Fotos und Texte können verwendet werden, wenn die darauf abgebildeten Personen zustimmen. Aber wie sieht es mit Informationen aus dem Internet aus? Zwei Jugendliche wenden sich an die Verantwortlichen der Ausgrabungsstätte "Augusta Raurica" und schildern ihnen unser Projekt. Daraufhin erhalten wir die Rechte, Bilder der Originalhomepage zu verwenden, so dass unser Fotomaterial auch Fotos von archäologischen Ausgrabungsstätten beinhaltet.

Was ist eigentlich "wahr"?

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Im Ethikunterricht geht es auch um die Frage, was eigentlich "Wirklichkeit" ist. Ist das, was wir sehen und wissen, wirklich wahr, und woher wissen wir, dass es wahr ist? Dazu wird diskutiert und es werden Texte gelesen, unter anderem das Höhlengleichnis von Platon: Die Höhlenbewohner glauben ein Leben lang, dass die Schattenbilder an der Wand die Wirklichkeit sind - schließlich kennen sie ja nichts anderes.

Matrix & Co. - virtuelle Realitäten
Im Kinofilm Matrix leben alle Beteiligten in einem Computerprogramm, das die Wirklichkeit nur vorspielt. Und Truman aus dem Film "Die Truman Show" ist sich sicher, in einer kleinen netten Stadt zu leben, bis er langsam dahinter kommt, dass er der unfreiwillige Hauptdarsteller in einer lebenslangen Fernseh-Dokusoap ist. Leben wir auch "im Medium" wie die Fische im Wasser, die das sie umgebende Element nicht kennen, wie Thorsten Meyer (Professor für Kunsterziehung in Hamburg) fragt?

Präsentation und Reaktionen

Staunen und Zweifeln
Am Ende des Schuljahrs werden die "Ausgrabungsergebnisse" in der Aula per Beamer einer größeren Gruppe von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern vorgestellt. Die am Projekt beteiligten Jugendlichen sind so sehr von "Castra Berolina" begeistert, dass sie überzeugende Vorträge halten. Und tatsächlich werden einige Zuhörerinnen und Zuhörer staunen und zweifeln.

Fiktion mit Wirklichkeitscharakter
Die intensive Beschäftigung mit dem Thema hat zu einer Eigendynamik geführt, so dass dem Erfinden und Fälschen um "Castra Berolina", dem fikiven Ort, eine gewisse "Wirklichkeit" verliehen wird. "Castra Berolina" ist mittlerweile dauerhaft auf unserer Schulhompage verlinkt, wird vom Rektor in einer Abiturrede erwähnt, und erst vor kurzem erreichte mich die E-Mail einer Mutter, die mehr über die Ausgrabungen an unserer Schule erfahren möchte ...

Fazit

Durststrecken überwinden
Das Projekt dauerte mit Unterbrechungen acht Wochen. Trotz der hohen Motivation und des gelungenen Ergebnisses waren in dieser Zeit auch Durststrecken zu überwinden. So waren die Computer nicht immer zugänglich, oder das Internet funktionierte nicht, leere Akkus in den Digitalkameras störten genauso wie verschwundene Daten und Schülerinnen und Schüler, die die hohe Eigenverantwortlichkeit zwischendurch zum Computerspielen nutzten.

Technische Grenzen Die erste Idee, eine eigene schulunabhängige Website zu erstellen, musste aufgegeben werden, da keiner der Lernenden (und auch nicht die Lehrerin) über die notwendigen technischen Voraussetzungen verfügte. Durch die Nutzung der schulinternen Communitysite, in deren Nutzung wir während des Projekts von einem Informatiklehrer eingewiesen wurden, spielte sich nach und nach ein sicherer Umgang mit den digitalen Medien ein.

Expertinnen und Expterten helfen Allerdings scheint das Aushalten von technischen Problemen eine wesentliche Medienkompetenz bei der Bewältigung solcher Projekte zu sein. Es entwickelten sich schnell Expertinnen und Experten, die ihr Wissen (zum Beispiel über das Einfügen von Bildern in eine Bildergalerie) an die anderen weitergeben können.

Bemerkenswertes Engagement Bemerkenswert sind die Ideen und auch das über den Unterricht hinausgehende Engagement einzelner Schülerinnen und Schüler. So wurde beispielsweise die Geschichte der fiktiven Schulleiterin "Clarissa Ochenschnitt" von einer Schülerinnengruppe erfunden und mit gefakten Fotos und Texten konsequent auf der Website umgesetzt.

Informationen zur Autorin

Dr. Helene Skladny ist seit 2002 Lehrerin der Berliner Wald-Oberschule mit den Fächern Kunst, Deutsch und Ethik.

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Material
 
lo-extra
Leseförderung
  • Leseförderung
    Leselust lässt sich auch mit digitalen Medien fördern - in allen Schulformen.
Besucher-Hits
 
  • Herder
    Die "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" wird Thema.
  • Georg Büchner: Woyzeck
    Textanalyse und Online-Recherche zu Autor und Werk
  • Stilmittel
    Die Lernenden setzten sich kreativ mit verschiedenen Stilmitteln auseinander.
 
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