Mein LO
Günther Neumann
22.08.2005

Lesetechnik für Lernende

Auf dieser Seite werden einfache und komplexe Lesetechniken kurz vorgestellt.

Ganz anders als beim belletristischen Lesen (entsprechend dem delectare) werden Sachtexte aufgenommen, die für den Unterricht, zur Vorbereitung auf eine Prüfung oder zur Erweiterung des  Allgemeinwissens gelesen werden (prodesse). Dafür stehen verschiedene einfache und komplexe Lesetechniken, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Scanning

punktuell finden

Um ein bestimmtes Wort in einem Wörterbuch oder einer Liste zu suchen, benutzt man das sogenannte Scanning. Von Schlüsselwörtern wie Namen oder Datumsangaben, Uhrzeiten und mathematischen Formeln hat man meist eine ungefähre Vorstellung im Kopf. Bei der schnellen Durchsicht einer Textseite fallen dem oder der geübten Lesenden Ähnlichkeiten mit dem gedachten Abbild sofort ins Auge. Mithilfe des Scannens kann man auch Antworten auf zuvor definierte Fragen finden. Gegebenenfalls muss ein Dokument mehrfach überflogen oder gescannt werden.

 
 

Gliederungsmerkmale beachten

Beim Scannen achtet man auf den Gebrauch von Gliederungsmerkmalen wie Nummern, Buchstaben, Schritten oder Wörtern wie erstens, zweitens oder ferner.

 
 

Hervorhebungen und Randnotizen

Hervorhebungen wie Fettschrift, Kursive, verschiedene Schriftgrößen, -stile und -farben helfen weiter. Manchmal stehen Kerngedanken in Randnotizen.

 
 

Online-Texte

Bildschirmtexte wie Webseiten werden oft nur gescannt, um bestimmte Informationen zu entnehmen. Wegen der undeutlicheren Darstellung kleiner Schrifttypen und ablenkender grafischer Elemente werden Bildschirmtexte langsamer gescannt als gedruckte Texte.

 

Skimming

Überfliegen
Durch das Skimmen sollen schnell die Kerngedanken eines Dokumentes erfasst werden. Beispiel hierfür ist das Lesen einer Zeitung. Diese wird in der Regel nicht von A bis Z durchgelesen, sondern der Leser springt von Schlagzeile zu Schlagzeile. Der Fließtext wird spaltenweise überflogen.

Schneller lesen
So kann ein Text drei- bis viermal schneller als "normal" gelesen werden, was sich besonders bei Zeitdruck spürbar macht. Bevor man sich mit einem Text intensiv beschäftigt, kann man ihn auch durch Skimmen auf Brauchbarkeit prüfen.

Orientieren an Gliederungsmerkmalen
Es gibt verschiedene Formen des Skimmens:

  • Man liest Überschriften, Zusammenfassungen, Aufzählungen und die jeweils ersten und letzten Absätze eines Kapitels.
  • Man liest Überschriften, Titel und Untertitel und erfasst die Abbildungen.
  • Man liest den ersten Satz in jedem Absatz.

Die MURDER-Methode - ein Stil des kombinierten Lesens

Die Murder-Methode verbindet mehrere Lesestile. Der oder die Lesende unterstreicht Hauptgedanken, markiert Schlüsselwörter, formuliert zu jedem Abschnitt zusammenfassende Sätze, streicht unwichtige Informationen durch und sammelt Ergebnisse und Schlussfolgerungen. Hat man mit dieser Methode einen Überblick über das Thema gewonnen, können die erarbeiteten Informationen in das Vorwissen integriert werden.

 

sechs Schritte

Der Name dieser Methode, MURDER, kommt nicht aus der Kriminalistik, sondern wurde im angloamerikanischen Raum geprägt. Die Buchstaben des Wortes "MURDER" stehen für die Schritte, mit denen der Leser einen Text erarbeiten soll:

 
  • Set Mood to study (Versetze dich in Lernstimmung)
  • Read for Understanding (Verstehendes, sinnentnehmendes Lesen)
  • Recall the material (Überdenke den Stoff)
  • Digest the material (Bewerte, würdige die Informationen)
  • Expand knowledge (Erweitere dein Wissen)
  • Review effectiveness of studying (Überlege, ob der Lernprozess erfolgreich war)

    (vgl. Ute Rampillon: Lerntechniken im Fremdsprachenunterricht. München 1996, S. 88)

Leitfragen zur MURDER-Methode

Diese Schritte werden durchlaufen, wenn der Lese(lern)prozess sich an den folgenden Fragen orientiert.

1. Warum soll der Text gelesen werden?
Es muss ein Interesse daran bestehen, über eine bestimmte Thematik mehr zu erfahren. Deshalb muss der Text geeignet sein, zu den gewünschten Ergebnissen zu kommen oder das Interesse daran zu wecken. In einem erweiterten Textverständnis muss an vorhandene Lesegewohnheiten angeknüpft werden, indem man etwa Jugendbücher, Werbung, Jugendmagazine und Sportberichte einbezieht, aber auch andere mediale Fertigkeiten und Fähigkeiten nutzt, zum Beispiel der Umgang mit Videoclips, Filmen, Fernseh- und Radiosendungen oder Webseiten.

2. Wie soll der Text verstanden werden?
Im Schulalltag werden meist Erschließungsfragen und deren Bearbeitung vom Global- zum Detailverständnis des Textes führen. Ein anderer Ansatzpunkt ist das selbstständige Formulieren eines übergeordneten Ziels. Dabei können sich die Leser etwa folgende Leseziele setzen:
Suche nach einer bestimmten Information
Allgemeiner Eindruck vom Inhalt dieses Textes
Kenntnis der wichtigsten Punkte und ihrer Beziehung zueinander
Genaues Detailwissen
Spätere Erinnerung an die Inhalte des Textes

Zu jedem dieser möglichen Ziele muss man einen passenden Lesestil finden, der es ermöglicht, die Aufgabenstellungen zu bearbeiten und das Leseziel zu erreichen.

3. Mit welcher Technik soll der Text gelesen werden?
Die Frage nach dem Lesestil hängt davon ab, welche Informationen dem Text entnommen werden sollen. Dies muss eventuellen Arbeitsanweisungen klar entnommen werden können, oder der Lernende muss selbst klare Fragen an den Text stellen. Mögliche Lesetechniken sind:

  • Suchendes Lesen (scanning)
    Suche nach Schlüsselwörtern oder Zahlen, die man genau kennt. Wenn man mit den Augen den Text Zeile für Zeile überfliegt, fallen diese ins Auge.
  • Orientierendes Lesen (skimming)
    Den Text ausgehend von Überschriften, grafischen Hervorhebungen oder Bildern überfliegen. Anschließend werden Thesen zum Inhalt formuliert.
  • Kursorisches Lesen (receptive reading)
    Zunächst den Text überfliegen, dann den ersten und letzten Satz jedes Textabschnitts lesen und eventuell Notizen anfertigen.
  • Detailliertes Lesen
    Der Text wird intensiv gelesen und mit Unterstreichungen von Schlüsselwörtern, Hauptgedanken und Thesen bearbeitet; eventuell mit Notizen.
  • Analytisches Lesen (responsive reading)
    Intensive Analyse und Auseinandersetzung mit dem Text oder Teilen davon, um tieferes Verständnis beispielsweise für eine Interpretation zu erlangen. Markierungen und Querverbindungen unterstützen das Textverständnis.
  • Argumentatives Lesen
    Intensive Auseinandersetzung mit dem Text durch Markierungen und Notizen zu Schlussfolgerungen, Bewertungen und persönlicher Stellungnahme.
  • Kombiniertes Lesen
    Stufenweise Anwendung der oben genannten Lesestile auf sorgfältig ausgewählte Textpassagen.

Diese Lesetechniken können sowohl auf kürzere als auch auf längere Texte angewendet werden. Abhängig von Leseintention und Leseauftrag besteht das Ziel im globalen Verständnis oder im detaillierten Wissen.

4. Wurde das Leseziel erreicht?
Durch einen Vergleich des Ergebnisses mit dem Auftrag kann der Erfolg des Lesens festgestellt werden. Im schulischen Bereich erfolgt dies meist durch ein Unterrichtsgespräch, aber auch durch Handlungen, Spiel oder eine Zeichnung. Lehrkräfte oder Mitschülerinnen und Mitschüler helfen bei der Einschätzung des Leseerfolgs. Unter Umständen muss der Lesevorgang mit derselben oder einer anderen Methode so lange wiederholt werden, bis sich der gewünschte Erfolg einstellt.

5. Können dem Text weitere Informationen entnommen werden?
Wenn der Leseauftrag nicht abgeschlossen ist oder erweitert wird, wiederholen sich die oben genannten Schritte: Neubestimmung der Aufgabenstellung, Wahl eines geeigneten Lesestils, Überprüfung der Arbeitsergebnisse.

6. War der Leseprozess erfolgreich?
Im Rückblick sollen sich Lehrende und Lernende die Frage stellen, ob sie mit der gewählten Methode zum Ziel gelangt sind. Das Ziel kann Textverständnis, vermehrtes Wissen, Einsicht in komplexe Zusammenhänge oder die Bildung einer eigenen Meinung sein. Auf jeden Fall sollte durch den Lesevorgang eine Veränderung im Wissensstand stattgefunden haben, sonst muss konstatiert werden, dass das Lesen sinnlos war. In diesem Fall gilt es, die Ursachen für das Scheitern des Lesens herauszufinden.

Solche Ursachen können sein:
Wahl eines ungeeigneten Textes
Unklare oder falsche Aufgabenstellungen oder Fragen
Ungeeignete Lesetechnik
Ungeschickte Überprüfung durch Maßstäbe, die durch den Lesevorgang nicht erreicht werden konnten

Weiterlesen

Exklusive Angebote
 
Collage mit Deutsch perfekt -Schriftzug
Leseförderung
  • Leseförderung
    Leselust lässt sich auch mit digitalen Medien fördern - in allen Schulformen.
Besucher-Hits
 
 
Impressum | Über uns | RSS-Feeds | Seite bookmarken:  del.icio.us Yahoo! My Web google Bookmarks Digg Mister Wong OneView MerklisteEmpfehlenDruckenSeitenanfang
Nicht redaktionelle Inhalte nach § 6 TMG von anderen Anbietern als Lehrer-Online werden durch den Namen des Anbieters gekennzeichnet.