Ganz anders als beim belletristischen Lesen (entsprechend dem delectare) werden Sachtexte aufgenommen, die für den Unterricht, zur Vorbereitung auf eine Prüfung oder zur Erweiterung des Allgemeinwissens gelesen werden (prodesse). Dafür stehen verschiedene einfache und komplexe Lesetechniken, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.
punktuell finden
Um ein bestimmtes Wort in einem Wörterbuch oder einer Liste zu suchen, benutzt man das sogenannte Scanning. Von Schlüsselwörtern wie Namen oder Datumsangaben, Uhrzeiten und mathematischen Formeln hat man meist eine ungefähre Vorstellung im Kopf. Bei der schnellen Durchsicht einer Textseite fallen dem oder der geübten Lesenden Ähnlichkeiten mit dem gedachten Abbild sofort ins Auge. Mithilfe des Scannens kann man auch Antworten auf zuvor definierte Fragen finden. Gegebenenfalls muss ein Dokument mehrfach überflogen oder gescannt werden.
Gliederungsmerkmale beachten
Beim Scannen achtet man auf den Gebrauch von Gliederungsmerkmalen wie Nummern, Buchstaben, Schritten oder Wörtern wie erstens, zweitens oder ferner.
Hervorhebungen und Randnotizen
Hervorhebungen wie Fettschrift, Kursive, verschiedene Schriftgrößen, -stile und -farben helfen weiter. Manchmal stehen Kerngedanken in Randnotizen.
Online-Texte
Bildschirmtexte wie Webseiten werden oft nur gescannt, um bestimmte Informationen zu entnehmen. Wegen der undeutlicheren Darstellung kleiner Schrifttypen und ablenkender grafischer Elemente werden Bildschirmtexte langsamer gescannt als gedruckte Texte.
ÜberfliegenDurch das Skimmen sollen schnell die Kerngedanken eines Dokumentes erfasst werden. Beispiel hierfür ist das Lesen einer Zeitung. Diese wird in der Regel nicht von A bis Z durchgelesen, sondern der Leser springt von Schlagzeile zu Schlagzeile. Der Fließtext wird spaltenweise überflogen.Schneller lesenSo kann ein Text drei- bis viermal schneller als "normal" gelesen werden, was sich besonders bei Zeitdruck spürbar macht. Bevor man sich mit einem Text intensiv beschäftigt, kann man ihn auch durch Skimmen auf Brauchbarkeit prüfen.Orientieren an GliederungsmerkmalenEs gibt verschiedene Formen des Skimmens:
Die Murder-Methode verbindet mehrere Lesestile. Der oder die Lesende unterstreicht Hauptgedanken, markiert Schlüsselwörter, formuliert zu jedem Abschnitt zusammenfassende Sätze, streicht unwichtige Informationen durch und sammelt Ergebnisse und Schlussfolgerungen. Hat man mit dieser Methode einen Überblick über das Thema gewonnen, können die erarbeiteten Informationen in das Vorwissen integriert werden.
sechs Schritte
Der Name dieser Methode, MURDER, kommt nicht aus der Kriminalistik, sondern wurde im angloamerikanischen Raum geprägt. Die Buchstaben des Wortes "MURDER" stehen für die Schritte, mit denen der Leser einen Text erarbeiten soll:
Diese Schritte werden durchlaufen, wenn der Lese(lern)prozess sich an den folgenden Fragen orientiert.
1. Warum soll der Text gelesen werden?Es muss ein Interesse daran bestehen, über eine bestimmte Thematik mehr zu erfahren. Deshalb muss der Text geeignet sein, zu den gewünschten Ergebnissen zu kommen oder das Interesse daran zu wecken. In einem erweiterten Textverständnis muss an vorhandene Lesegewohnheiten angeknüpft werden, indem man etwa Jugendbücher, Werbung, Jugendmagazine und Sportberichte einbezieht, aber auch andere mediale Fertigkeiten und Fähigkeiten nutzt, zum Beispiel der Umgang mit Videoclips, Filmen, Fernseh- und Radiosendungen oder Webseiten.
2. Wie soll der Text verstanden werden?Im Schulalltag werden meist Erschließungsfragen und deren Bearbeitung vom Global- zum Detailverständnis des Textes führen. Ein anderer Ansatzpunkt ist das selbstständige Formulieren eines übergeordneten Ziels. Dabei können sich die Leser etwa folgende Leseziele setzen:Suche nach einer bestimmten InformationAllgemeiner Eindruck vom Inhalt dieses TextesKenntnis der wichtigsten Punkte und ihrer Beziehung zueinanderGenaues DetailwissenSpätere Erinnerung an die Inhalte des TextesZu jedem dieser möglichen Ziele muss man einen passenden Lesestil finden, der es ermöglicht, die Aufgabenstellungen zu bearbeiten und das Leseziel zu erreichen.
3. Mit welcher Technik soll der Text gelesen werden?Die Frage nach dem Lesestil hängt davon ab, welche Informationen dem Text entnommen werden sollen. Dies muss eventuellen Arbeitsanweisungen klar entnommen werden können, oder der Lernende muss selbst klare Fragen an den Text stellen. Mögliche Lesetechniken sind:
Diese Lesetechniken können sowohl auf kürzere als auch auf längere Texte angewendet werden. Abhängig von Leseintention und Leseauftrag besteht das Ziel im globalen Verständnis oder im detaillierten Wissen.
4. Wurde das Leseziel erreicht?Durch einen Vergleich des Ergebnisses mit dem Auftrag kann der Erfolg des Lesens festgestellt werden. Im schulischen Bereich erfolgt dies meist durch ein Unterrichtsgespräch, aber auch durch Handlungen, Spiel oder eine Zeichnung. Lehrkräfte oder Mitschülerinnen und Mitschüler helfen bei der Einschätzung des Leseerfolgs. Unter Umständen muss der Lesevorgang mit derselben oder einer anderen Methode so lange wiederholt werden, bis sich der gewünschte Erfolg einstellt.
5. Können dem Text weitere Informationen entnommen werden?Wenn der Leseauftrag nicht abgeschlossen ist oder erweitert wird, wiederholen sich die oben genannten Schritte: Neubestimmung der Aufgabenstellung, Wahl eines geeigneten Lesestils, Überprüfung der Arbeitsergebnisse.
6. War der Leseprozess erfolgreich?Im Rückblick sollen sich Lehrende und Lernende die Frage stellen, ob sie mit der gewählten Methode zum Ziel gelangt sind. Das Ziel kann Textverständnis, vermehrtes Wissen, Einsicht in komplexe Zusammenhänge oder die Bildung einer eigenen Meinung sein. Auf jeden Fall sollte durch den Lesevorgang eine Veränderung im Wissensstand stattgefunden haben, sonst muss konstatiert werden, dass das Lesen sinnlos war. In diesem Fall gilt es, die Ursachen für das Scheitern des Lesens herauszufinden.Solche Ursachen können sein:Wahl eines ungeeigneten TextesUnklare oder falsche Aufgabenstellungen oder FragenUngeeignete LesetechnikUngeschickte Überprüfung durch Maßstäbe, die durch den Lesevorgang nicht erreicht werden konnten