3-R-Methode

Die 3-R-Methode ist ein wirksames Instrument der Gender-Analyse - auch um Verhaltensweisen im Rahmen des Unterrichts und vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Rollenmuster zu thematisieren.
 

Der Unterricht beginnt. In der ersten Stunde ist Informatik auf dem Plan. Die Mädchen sitzen vor den Bildschirmen, starten die PCs und checken schon mal ihre Daten. Einige Schüler sitzen lustlos daneben, andere warten bis die Lehrerin kommt. Im Unterricht geht es ein bisschen turbulent zu. Die Jungen verstehen die Fragen der Mädchen nicht, irgendwann geben sie das Nachfragen auf. Bei der Texteingabe dürfen die Jungen dann auch mal an die Tastatur. In der zweiten Stunde ist Französisch dran. Ein Schüler meldet sich und verliest seine Hausaufgaben. Der Aufsatz erzählt von seinen Ferien auf dem Reiterhof. Die Mädchen langweilen sich, stören und werden wiederholt ermahnt. Pause! Die Schülerinnen stürmen zum Schulkiosk, drängeln sich vor und schubsen eine Gruppe kichernder Jungs zur Seite... (Auszug einer Niederschrift im Rahmen eines Gender-Seminars).

Differenzen bewusst machen

Ob bei der Motivation, bei der Einstellung, beim Lernverhalten - die Vielfalt der geschlechtsspezifischen Differenzen, die sich im Schulalltag zeigen, ist vielen nicht bewusst. Für den Unterricht spielen zum Beispiel die folgenden Sachverhalte eine wichtige Rolle:

  • Musisch-sprachliche Fächer sind oft "weiblich" assoziiert.
  • Naturwissenschaftlich-technische Fächer gelten eher als "männlich".
  • Diese tradierten Rollenzuweisungen schlagen sich in der ungleichen Repräsentanz, also einem mehr oder weniger deutlichen Überwiegen eines Geschlechts bei den Lehrenden nieder.
  • Die ungleichgewichtige Repräsentanz der Lehrenden wird - sobald frei wählbar - häufig in den Geschlechterverhältnissen der Schülerinnen und Schülern gespiegelt.
  • Die Unterrichtsmaterialien beziehen geschlechtsspezifische Erfahrungswelten entsprechend einseitig ein.

Wie soll, wie kann der Gender-Blick verändern?

Rollenstereotype verlassen
Der Themenschwerpunkt "Geschlechter gerechter Unterricht" möchte darauf hinwirken die geschechtsspezifischen Zuweisungen in der Schule, die Verknüpfung von Geschlecht, Unterrichtsfächern, -methoden und -inhalten zu thematisieren. Denn unsere tradierten Rollenstereotype wurden im sozialen und kulturellen Kontext erlernt und sind damit - anders als das biologische Geschlecht - auch veränderbar.

Reflektieren - diskutieren
Die angeführten Unterrichtsbeispiele geben Anregungen, Gender-Aspekte zu integrieren, gemeinsam zu reflektieren und zu diskutieren. Sie fördern eine geschlechterbewusste Betrachtungsweise, eine Sensibilität für Geschlechtsrollenstereotype und tragen zum Aufbau von Gender-Wissen bei. Zu den langfristigen Zielen zählt es, die Schülerinnen und Schüler zu ermutigen, sich anhand ihrer individuellen Potenziale zu entwickeln und ihren Interessen, Fähigkeiten und Begabungen frei von Rollenzuweisungen nachzugehen.

Kompetenz und Kreativität entwickeln
Geschlechter gerechter Unterricht verlangt Kompetenz, Kreativität und die Bereitschaft neue Wege zu gehen, spezielle Methoden und Instrumente zu entwickeln und anzuwenden. Für den Weg zu mehr Gendergerechtigkeit setzt der europäische Vorreiter Schweden die "3-R-Methode" ein. Sie fragt für jeden Schritt nach der Repräsentation, den Ressourcen, der Realität und baut den nächsten darauf auf. Die Anregungen für einen Geschlechter gerechten Unterricht orientieren sich an diesem Instrument und werden im Folgenden anhand einiger Beispiele ausgeführt.

3-R-Methode

Die 3-R´s der Methode aus Schweden, Repräsentation, Ressourcen und Realität, werden im Folgenden beschrieben. Die zentralen Fragestellungen dieser 3-R´s und wie man die Chancengleichheit unter Gender-Aspekten messen kann, bzw. wie sie diskutiert wird, stehen im Vordergrund.

Repräsentation
Die Frage nach der Repräsentation stellt sich im Rahmen der 3-R-Methode rein quantitativ und für die Unterrichtsinhalte zum Beispiel wie folgt:

  • Wie groß ist der Anteil von Frauen und Männern, von Jungen und Mädchen?
  • Wie oft sind die handelnden, führenden oder entscheidenden Personen männlichen oder weiblichen Geschlechts?
  • Wie oft werden Männer und Frauen zitiert, abgebildet, angeführt?
  • Wie oft verwenden Lehrmaterialien Beispiele aus tradierten "weiblichen" bzw. "männlichen" Lebenszusammenhängen und wie oft gegenteilige?
  • Wie oft werden in sprachlicher Hinsicht Sachverhalte sachlich richtig, also differenziert und geschlechtergerecht beschrieben?

Ressourcen
Auch die Frage nach den Ressourcen stellt sich quantitativ und für die Unterrichtsinhalte zum Beispiel wie folgt:

  • Wie werden die verschiedenen Ressourcen zwischen Mädchen und Frauen bzw. Jungen und Männern verteilt?
  • Wie viel Platz, Raum oder Zeit nimmt die Darstellung der Personen männlichen und weiblichen Geschlechts ein?
  • In welchem Umfang fließen Haushaltsmittel in geschlechtsspezifische Interessensbereiche?
  • In welchem Umfang werden zum Beispiel geschlechtsspezifisch bevorzugte Sportarten gefördert?
  • In welchem Umfang werden geschlechtsspezifische Aspekte der medizinischen Forschung gefördert?

Realität
Die Frage nach der Realität stellt sich qualitativ und für die Unterrichtsinhalte zum Beispiel wie folgt:

  • Warum ist die Situation so wie sie ist?
  • Warum werden Männer und Frauen in Tageszeitungen, Geschichtsbüchern etc. nicht gleich häufig zitiert, abgebildet und angeführt?
  • Warum sind Mädchen und Jungen, Frauen und Männer in Gremien ungleich vertreten?
  • Warum entscheiden sich Mädchen und Jungen für unterschiedliche Berufe?

Fazit

Warum Schülerinnen im Informatikunterricht manche Fragen ihrer Kollegen nicht verstehen und auch das Nachfragen schließlich aufgeben, warum Schüler den Unterricht zu stören beginnen, weil sie der Aufsatz über die Reiterferien langweilt: Diese Verhaltsweisen lassen sich vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Rollenmuster thematisieren. Und die 3-R-Methode ist hiefür ein wirksames Instrument der Gender-Analyse. Die Fragestellungen der drei R´s (Repräsentation, Ressourcen, Realität) sollten auch für die Unterrichtsvorbereitung und im Unterricht Berücksichtigung finden.

Download

projektbeschreibung_3r_methode.pdf
 

QUELLEN

Feedback

Gefallen Ihnen die Unterrichtsideen und die Art ihrer Aufbereitung? Haben Sie im Rahmen von Gender Mainstreaming in Schule und Unterricht digitale Materialien entwickelt und eingesetzt, die Sie bei Lehrer-Online Ihren Kolleginnen und Kollegen vorstellen möchten?

Frank Neises

Informationen zur Autorin

Dr. Imke Troltenier ist freie Journalistin, Beraterin in Gender-Fragen und wissenschaftliche Begleiterin zahlreicher Projekte im Kontext von Gender Mainstreaming. Bei Lehrer-Online ist sie zuständig für den Themenschwerpunkt "Gender gerechter Unterricht".

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