Dana Schieck
28.11.2003

Kirche und Religion in der DDR

Wie stellte sich die politische Führung der DDR zur Weihnachtstradition, die eindeutig kirchlich geprägt war?

Religion und Sozialismus

"Opium für das Volk"
Die SED versuchte in der DDR, die von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelte Idee vom Kommunismus zu verwirklichen. Durch die Aufhebung der Klassenunterschiede sollte der Einzelne zum selbstständigen Individuum reifen und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Die Religion hingegen galt nach marxistischer Ideologie als Macht- und Unterdrückungsinstrument der Herrschenden. Durch ihre Jenseitsorientierung mache sie die Menschen zu schicksalsergebenen, unselbstständigen Wesen. Als Aberglaube und "Opium für's Volk" diffamiert, sollte die Religion durch wissenschaftliche Erkenntnis widerlegt und verdrängt werden.

Kirche in der DDR

Trennung von Staat und Kirche
Von 1949, dem Jahr ihrer Staatsgründung, bis 1958 betrieb die SED eine massive atheistische und antiklerikale (gegen die Kirche gerichtete) Propaganda. Die Grundgedanken dieser kirchen- und religionsfeindlichen Haltung bestimmten die Stellung der Kirche bis zum Ende der DDR im Jahr 1990. Ziel der SED war die klare Trennung der Kirche von Staat und Schule. Folglich galt die Religionsausübung offiziell als Privatsache. Erich Honecker betonte zwar: "Die Freiheit der Religionsausübung ist in der DDR bei klarer Trennung verfassungsmäßig garantiert und in der Praxis gesichert." (Erich Honecker, Aus meinem Leben, Ost-Berlin 1982, S. 597 f). In der Praxis beschloss der Staat jedoch Maßnahmen, die die Religionsfreiheit einschränkten.

Jugendweihe statt Kommunion oder Konfirmation
Der Religionsunterricht an den Schulen wurde abgeschafft. Die Konfirmation beziehungsweise Erstkommunion verdrängte die Staatsführung seit 1954 weitgehend durch die staatliche Jugendweihe, einen sozialistischen Ritus zur Einführung der Jugendlichen in die Welt der Erwachsenen. Durch die Jugendweihe sollten kommende Generationen der Kirche entfremdet werden. Wer trotzdem Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche blieb, hatte kaum Gelegenheit, in eine Führungsposition aufzusteigen oder in Schlüsselberufen tätig zu sein (zum Beispiel an Schulen und Universitäten, in der Medizin oder im Staatsdienst). Generell galten Kirchenmitglieder der SED-Führung als suspekt und als politisch nicht zuverlässig. In der Tat waren viele Kritiker des SED-Regimes in kirchlichen Gruppen organisiert.

  • DDR-Geschichte: Jugendweihe
    Wie man sich auf die Jugendweihe vorbereitete und wie die Feier verlief, beschreibt das Portal in der Rubrik "Bildung" unter dem Punkt Schule.

Konfliktträchtiges Verhältnis zwischen SED und Kirchen
Schließlich erkannte die SED jedoch, dass sie die Widersprüche zwischen Staatsideologie und Religion negieren musste. Nur so konnte sie ihre Anhängerschaft in der Bevölkerung, die mehrheitlich noch einer Kirche angehörte, vergrößern. So erklärte Walter Ulbricht 1960: "Das Christentum und die humanistischen Ziele des Sozialismus sind keine Gegensätze." Dennoch kam es immer wieder zu Machtdemonstrationen seitens der SED. 1971 erließ die Regierung eine Veranstaltungsverordnung, nach der alle kirchlichen Veranstaltungen angemeldet werden mussten, die keinem kultischen Zweck dienten. Durch solche Behinderungen gelang es der SED wiederholt, der Kirche politische Zugeständnisse abzuringen. Andererseits wurde der Kirche nach langjährigen Bemühungen 1976 gestattet, Kirchen und Gemeindezentren in Neubausiedlungen zu errichten. Höhepunkt der staatlichen und kirchlichen Zusammenarbeit war 1983 die Ausrichtung der Veranstaltungen zum 500. Geburtstag von Martin Luther.

Weihnachten ohne Religion

Christliche Bedeutung mehr und mehr verdrängt
Das wechselhafte Verhältnis von Kirche und Staat beeinflusste auch die Pflege christlicher Traditionen wie der des Weihnachtsfestes. Die Vermittlung und das Praktizieren christlicher Riten wurde im Laufe der Jahre aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Die Mitgliedschaft oder gar aktive Mitarbeit in der Kirche wirkten sich vielfach negativ aus, indem man berufliche Nachteile einstecken musste oder sogar von der Staatssicherheit überwacht wurde. Viele Menschen traten daher aus der Kirche aus, und die meisten Jugendlichen wurden nicht religiös erzogen. Der Ursprung des Weihnachtsfestes als Feier der Geburt Jesu Christi war zwar allgemein bekannt - nicht zuletzt wegen traditioneller Weihnachtslieder. Ein tieferes religiöses Verständnis des Weihnachtsfestes dürfte in der DDR jedoch auf einen kleinen Kreis beschränkt gewesen sein.

Wurzeln der Traditionen unbekannt
So war und ist das Wissen um die Verschmelzung des heidnischen Ritus der Wintersonnenwende und des römischen Festes zu Ehren des Gottes Saturn mit dem christlichen Weihnachtsfest (wird seit 354 nach Christus gefeiert) weitgehend unbekannt. Auch die Bedeutung des Weihnachtsbaumes als Symbol für das wiederkehrende Leben und der Verweis auf den Paradiesbaum (durch das Schmücken mit Früchten und Süßigkeiten) ist den meisten Menschen wohl unbekannt.

Propagandaübergriffe schlugen fehl
Im 20. Jahrhundert hat sich Weihnachten zu einem gleichermaßen religiösen wie weltlichen Fest entwickelt. Seine zentrale Botschaft ist es, das friedliche Zusammenleben der Menschen zu betonen. In diesem Sinne versuchte die SED, das Fest in säkularisierter Form zu vereinnahmen. In den Betrieben wurden zum Beispiel Weihnachtsfeiern (offiziell "Jahresendfeiern") organisiert, um das sozialistische Arbeitskollektiv zu stärken. Aber alle Bemühungen der Regierung, das Weihnachtsfest seiner religiösen Wurzeln zu berauben oder sogar propagandistisch zu nutzen, schlugen fehl. So sehr der Staat auch auf fast alle Lebensbereiche Einfluss nahm, so sehr blieb das Weihnachtsfest - wenn auch zunehmend verweltlicht - ein Fest im Kreis der Familie.

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