Filmreihe "Himmlische Fundgrube – Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation"

Veröffentlicht am 20.10.2016
  • Geschichte / Religion / Ethik
  • Sekundarstufe I, Sekundarstufe II
  • variabel
  • Video
  • 11 Arbeitsmaterialien

Die Episoden der Filmreihe "Himmlische Fundgrube" und "Neues aus der Himmlischen Fundgrube" nehmen die Zeit des Spätmittelalters und der Vorreformation in Mitteldeutschland in den Blick. Die Filmepisoden zeigen, dass die Vorreformation als kulturell fruchtbare Zeitspanne angesehen werden kann und nicht – wie bisher angenommen – als Krisenzeit mit kirchlichen Missbräuchen und allgemeiner gesellschaftlicher Unruhe.

Didaktisch-methodischer Kommentar

Hintergrund

Die Jahrzehnte vor Beginn der deutschen Reformation galten lange als eine Krisenzeit, geprägt von klerikalen Missbräuchen, kirchlicher Unordnung und allgemeiner sozialer Unruhe. Ergebnisse neuerer Forschungen lassen diese Epoche jedoch als kulturell fruchtbare Zeitspanne erscheinen, in der eine starke und relativ konfliktfreie Verkirchlichung der gesamten Gesellschaft eine breite religiöse Vielfalt nicht ausschloss. Insbesondere der mitteldeutsche Raum, das Ursprungsland der Reformation, wurde dabei bislang wenig erforscht: Einerseits brachte die protestantische Prägung dieser Region ältere Formen der Frömmigkeit zum Verschwinden. Andererseits verhinderte die ideologische Dominanz des Dritten Reiches und der DDR ein halbes Jahrhundert lang die historische Erforschung religiöser Kultur und löschte das Bewusstsein für diese Aspekte der eigenen Geschichte weitgehend aus.

Inhalte der Episoden

Himmlische Fundgrube

Episode 1: Die Forschungsreise führt nach Mitteldeutschland – in das Mutterland der Reformation. Doch wie lebten die Menschen vor Martin Luther ihre Religiosität und Frömmigkeit aus? Waren Sie tiefkatholisch, so wie woanders auch? Konvertierten sie im Nachklang von Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg, weil sie nach Skandalen und Krisen der katholischen Kirche den Glauben an sie verloren hatten? Fragen, die auch der Kirchenhistoriker Dr. Hartmut Kühne stellt, der sich auf die Suche nach Spuren der Alltagsfrömmigkeit im Spätmittelalter macht.

Episode 2: Pilger im Mittelalter mussten auf ihren Wallfahrten oft schwierige Passagen bewältigen, wie zum Beispiel reißende Flüsse überqueren. In den meisten Fällen waren sie dabei auf die Dienste eines Fährmanns angewiesen, denn Brückenbau war auch schon damals eine teure Angelegenheit. Das Geld dafür kam in vielen Fällen aus kirchlichen Spenden, wie Dr. Hartmut Kühne auf seiner Forschungsreise nach Torgau an der Elbe und Grimmenthal an der Werra herausfindet.

Episode 3: Sie pilgerten quer durch das heutige Deutschland bis nach Santiago de Compostella – die Wallfahrer des Mittelalters. Doch wie sahen sie aus, wie waren sie gekleidet und was trugen sie bei sich? Der Kirchenhistoriker Dr. Hartmut Kühne sucht nach Antworten in den Kirchen Nord- und Südthüringens. Plaketten aus Blei und Zinn sowie alte, schwere Kirchenglocken geben vielsagende Hinweise.

Episode 4: Die Suche nach Zeugnissen spätmittelalterlicher Frömmigkeit führt diesmal über Thüringen hinaus nach Sachsen und Sachsen-Anhalt. Viele Kirchen beherbergen dort bis heute Votivgaben, die Gläubige einst zum Dank für erfolgte Wunder spendeten. Diese symbolischen Dankopfer für Heilung oder Rettung aus Notsituationen werden oft missverstanden. Dr. Hartmut Kühne findet für alte Kleider, Schiffsmodelle oder Holzfiguren in Kirchen neue Erklärungen.

Episode 5: Die Menschen im Mittelalter kannten in der Regel nur eine Christusdarstellung: den gekreuzigten Jesus – statisch und meist an Kirchenmauern fixiert. Es gab aber auch liturgische Inszenierungen, in denen sich Christus "bewegt". Dr. Hartmut Kühne entdeckt in verschiedenen Kirchen in Erfurt, Chemnitz, Döbeln oder Zwickau unter anderem die Phänomene des Mirakelmanns sowie des sogenannten Auffahrtschristus.

Episode 6: Im Generalinterview beantworten Thomas T. Müller, Prof. Dr. Enno Bünz und Dr. Hartmut Kühne Fragen zu Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation. Ausgangspunkt ist dabei ihre These, dass die Reformation nicht die Folge einer tiefen religiösen und kirchlichen Krise gewesen ist. Im Gegenteil: Das Spätmittelalter war von einer tiefen und lebendigen Frömmigkeit geprägt. Darüber und über die geplante Ausstellung mit Zeugnissen dieser besonderen Religiosität informieren die drei Experten.

Episode 7: Die Reformation war nicht Folge einer einschneidenden Kirchen- oder gar Glaubenskrise – so die These der Forschergruppe um Thomas T. Müller, Dr. Hartmut Kühne und Prof. Dr. Enno Bünz. Im Gegenteil: Die Religiosität war um die Wende zum 16. Jahrhundert ausgeprägt und im Kernland Martin Luthers sehr vital. Überhaupt wirkte Luther in einer Zeit, in der die mitteldeutschen Regionen um die freien Reichsstädte Magdeburg und Erfurt wirtschaftlich aufblühten und vor allem vom Kupferbergbau profitierten. Das ist das gesellschaftshistorische Umfeld, in dem Martin Luthers Thesen zu wirken begannen.

Episode 8: Eine mumifizierte Hand in einem Holzkästchen, versteckt im Mauerwerk einer Kirche. Entdeckt wurde sie zufällig vor mehr als siebzig Jahren beim Abriss eines Kirchenschiffs. Erste Vermutungen deuten darauf hin, dass die Hand einst einem Straftäter als Sühnemaßnahme abgeschlagen worden ist. Der Kirchenhistoriker Dr. Hartmut Kühne hat Zweifel an dieser Deutung. Er kommt zu einem anderen Befund, der die mumifizierte Hand zu einem Schlüsselstück seiner Forschungsarbeit werden lässt.

Episode 9: Die Mühlhäuser Museen – ein Verbund aus fünf Ausstellungshäusern. Dort werden im Herbst 2013 die Ergebnisse des Forschungsprojekts ausgestellt, an dem mehrere Forscher und Mitarbeiter beteiligt waren. In dieser abschließenden Episode werden Thomas T. Müller, Dr. Hartmut Kühne, Jens Olaf Herz, Dr. Johannes Mötsch, Prof. Dr. Enno Bünz, Dr. Christian Philipsen, Doris Mundus und Dr. Ulrike Theisen näher vorgestellt.

Neues aus der Himmlischen Fundgrube

Episode 1: Ein Germanistikstudent hat im Rahmen lokalhistorischer Recherchen im Archiv der Stadt Zerbst Dokumente des Zerbster Prozessionsspiels entdeckt, die seit dem Zweiten Weltkrieg als vernichtet galten. Die Manuskripte aus dem frühen 16. Jahrhundert enthalten Spieltexte und Regieanweisungen des mittelalterlichen Schauspiels. Sie bilden damit ein wichtiges Zeitdokument zur Erforschung der vorreformatorischen Frömmigkeit in Mitteldeutschland. Doch wie würde ein mittelalterliches Laienspiel heute aussehen? Die Forscher haben es nachstellen lassen.

Episode 2: Martin Luther gilt landläufig als erster Übersetzer der Bibel aus dem Griechischen ins Deutsche. Demnach sei die Übersetzung, die er auf der Wartburg schrieb und die im September 1522 veröffentlicht wurde, die erste Heilige Schrift in deutscher Sprache gewesen. Das allerdings entspricht nicht dem aktuellen Stand der Forschung. Tatsächlich gab es schon lange vor Luther deutschsprachige Bibeln – handschriftliche und gedruckte. Im Reichsstädtischen Archiv von Mühlhausen liegt ein entsprechendes Beweisstück. Bleibt die Frage, warum ausgerechnet Luthers Übersetzung so erfolgreich wurde?

Arbeitsmaterial

Hier können Sie die Episoden "Himmlische Fundgrube" und "Neues aus der Himmlischen Fundgrube" einzeln als mp4-Dateien zur Offline-Verwendung herunterladen. 

Zusatzinformationen zum Forschungsprojekt

Thomas T. Müller, Leiter des Zweckverbands der Mühlhäuser Museen, initiierte das vorliegende Forschungsprojekt mit folgendem Ziel: Die in dieser Region weitgehend vergessene religiöse Lebenswelt des späten Mittelalters durch eine repräsentative Bestandsaufnahme von Sachzeugnissen vorreformatorischer Alltagsreligion aus dem mitteldeutschen Raum wieder zu entdecken und kontextuell zu dokumentieren. Die Phänomene spätmittelalterlicher Frömmigkeit sollen dabei als Wirklichkeit verstanden werden, welche das gesamte Leben der Gesellschaft integriert. Im Rahmen des Projekts führt der Bearbeiter, Dr. Hartmut Kühne, umfangreiche Recherchearbeiten in den Inventaren, Katalogen und Sammlungsbeständen mittlerer und kleiner Museen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen durch.

Das Projekt ist eingebunden in eine Forschungskooperation der großen kulturhistorischen Museen in Magdeburg, Leipzig und Mühlhausen, des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und der Historischen Kommission für Thüringen. Im Rahmen des Projektes, das die Grundlage für einen von 2013 bis 2015 geplanten Ausstellungszyklus in den Mühlhäuser Museen, dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg und dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig war, fand im April 2012 an der Universität Leipzig eine von der Gerda-Henkel-Stiftung unterstütze wissenschaftliche Tagung statt. Unter der Leitung von Prof. Dr. Enno Bünz und Dr. Hartmut Kühne trafen sich mehr als 100 Wissenschaftler, um ihre einschlägigen Forschungen vorzustellen und sich an den aktuellen Diskussionen zu beteiligen.


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Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum 2017.

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