Erzählperspektive und Desillusion I

Eine Rückerinnerung aus großer Distanz

Rieger lässt im Unklaren, an welcher Stelle des Textes die Unzuverlässigkeit des Erzählers klar belegt werden kann.

Die Zeitangaben und die Darstellung der Geschehnisse in "L’Etranger" sind gleichermaßen unzuverlässig. Soelberg (1985) hat darauf hingewiesen, dass die Zeitangaben nachweisbar durch den Erzähler infrage gestellt werden, wenn er zum Beispiel am Ende von Kapitel 1 anfügt:

"J'ai encore gardé quelques images de cette journée."

Soelberg weist zu Recht darauf hin, dass diese Aussage nur dann Sinn macht, wenn man davon ausgeht, der Erzähler erinnere sich hier mit einem gewissen zeitlichen Abstand an etwas: "cette phrase n'a guère de sens que si elle est prononcée longtemps après l'enterrement" (Soelberg 1985, 79).

Deutlich erkennbar ist zu Beginn des Romans "le soin du narrateur d'instituer une narration proche" (ebd., 79), die aber keine sein kann, sondern als solche vom Erzähler konstruiert wird. Ein erzählerischer Abstand zum Erzählten in der nahen Vergangenheit ist an verschiedenen anderen Stellen ebenfalls feststellbar – so auch Ende Kapitel 4, wenn die Erzählzeit "Il fallait que je me lève le lendemain" der mit dem Einstieg "Ce matin" behaupteten "narration proche" widerspricht – und ein ganz und gar eindeutiger Beleg für das Vorhandensein einer "narration reculé" findet sich in Kapitel 5: Hier deutet der Erzähler einen Rückblick auf seine spätere Verurteilung zum Tode an ("je ne sais pas encore pourquoi") und deren Begründung mit seinem Verhalten gegenüber seiner Mutter:

"Salamo m'a dit […] qu’il savait que dans le quartier on m'avait mal jugé parce que j'avais mis ma mère à l'asile […] J'ai répondu , je ne sais pas encore pourquoi, que j'ignorais jusqu'ici qu'on me jugeât mal à cet égard".

Die Erzählung entsteht und beginnt in der Handlungsgegenwart

Der zweite Teil des Romans erzählt also, so der meines Erachtens überzeugende Nachweis von Soelberg (1985), im Rückblick die Geschehnisse nach seiner Verhaftung. Im ersten Romanteil ist die erzählte Vergangenheit in paradoxer Weise durchbrochen von Hinweisen auf ein später erfolgtes rückblickendes Erzählen. Er endet in einer unklar bleibenden Situation, möglicherweise wenige Stunden vor seiner Hinrichtung.

Die Ich-Erzählung entsteht und beginnt in dem Moment, in dem das Erzählte im letzten Kapitel in der Gegenwart ankommt.

Meursault ist ein unzuverlässiger Erzähler

Und der Ich-Erzähler, der von der Prämisse ausgeht, alles, was er erzählt als bedeutungslos betrachten zu wollen, muss als ein unzuverlässiger, paradoxer Erzähler betrachtet werden. Mit gutem Grund wurde hierauf bereits mehrfach hingewiesen, so unter anderem durch Joseph Vogel: "certains indices nous confirment dans l'impression que Meursault n'est peut-être pas ce que l'on croyait" (Vogel 2013, 249).

Ein paradoxer Erzähler erzählt im Licht der von ihm gewonnenen Erkenntnis, dass in seinem Leben nichts bedeutsam war. Vogel geht davon aus, dass Meursaults Erkenntnis über die Indifferenz aller Geschehnisse in seinem Leben, schon immer seine Wahrheit gewesen sei und ihm dies, was er schon immer gewusst habe, nun bewusst erfahre: "dans l'aveuglante lumière de la mort qui vient, il adhère en toute clarté à ce qui avait été, plus ou moins consciemment, sa vérité de toujours" (Vogel 2013, 250). Für Vogel ist nicht die Revolte gegen die religiösen Wahrheitsbehauptungen der Auslöser, sondern das Bewusstsein des nahenden Todes: "la mort, quelque lointaine qu'elle soit encore, rend dès aujourd'hui toutes choses égales parce que toutes sans importance. Telle est la vérité profonde de Meursault et de sa vie. Si on relisait maintenant toute l'œuvre, plusieurs passages prendraient un relief nouveau" (ebd., 251).

Für Soelberg erklärt sich der Sinn des "procédé narratif dont le caractère 'impossible' ne saurait passer inapercu" (Soelberg 1985, 67) aus seiner erst am Ende des Romans sich ergebenden neuen Erkenntnis. Meursault erkennt nicht, was er schon immer wusste, er erkennt und empfindet etwas Neues, und das bewegt ihn dazu, sein Leben rückblickend umzudeuten: "La prise de conscience finale transforme Meursault du tout au tout. (Soelberg 1985, 86).

Daraus ergibt sich für Soelberg der Sinn der disparaten Erzählzeit zwischen narration proche und narration reculée: Da eine narration reculé alles Erzählte bedeutsam werden ließe, muss es in der spontan erscheinenden narration proche erzählt werden, eben um zu beweisen, dass es eigentlich nur spontan Erlebtes war und nichts Bedeutsames. Meursault deutet sein Leben rückblickend um, um sich zu beweisen, dass seine Erkenntnis über die in der Welt und in seinem Leben herrschende Indifferenz gültig ist. Die Disparität der Erzählzeiten ergibt sich zwingend aus dem Ziel des Erzählers, zu beweisen, dass nichts Bedeutung hatte (ebd., 88). Auch von seinem bevorstehenden Tod erzählt er nichts, er würde ja durch die Erzählung bedeutsam werden. Meursault erzählt von einem Leben ohne Bedeutung: "Meursault raconte maintenant son passé […] pour assumer une vie sans importance, couronnée par une mort sans importance" (ebd., 93).

Meursaults Indifferenz ist subversiv

Meursaults Indifferenz ist für Soelberg anders als für Vogel nicht auf eine allgemeinmenschliche Todeserfahrung bezogen, sondern auf Wertvorstellungen, nicht auf das Leben allgemein. Sie ist subversiv in dem Sinne, dass sie die herrschenden Ideologien Familie, Arbeit, Religion etc. der Gesellschaft ablehnt und ihnen im ersten Teil des Romans eine hedonistische Lebensführung entgegensetzt und im zweiten Teil des Romans eine satirische Verzeichnung der herrschenden Ideologien hin zu ihrer Auflösung ins Lächerliche:

"L'indifférence de Meursault concerne les seuls jugements d'ordre moral. Jamais, la question du Bien et du Mal ne se pose pour lui" (Soelberg ,78; vgl. sein Verweis auf Merad 1975, 53).

"La révolte de Meursault est celle d’une nature maltraitée par l’idéologie" hat in ähnlicher Weise auch Peter V. Zima festgestellt und die "Spiegelstruktur" (Steinbrügge 2008, 87) des Romans lässt sich wie folgt erklären:

Subversive Zerstörung von Ideologien

Meursault dekonstruiert die Ideologien, wegen denen er sterben muss. Im ersten Teil, indem er rückblickend unter dem Einfluss seiner neuen Empfindung der Indifferenz in paradoxer Weise provozierend vorführt, dass auch ohne Werte und Ideologien ein lustvolles Leben möglich ist. Alle um ihn herum führen ein wertloses Leben. Im zweiten Teil, indem er die Lächerlichkeit und Verlogenheit derjenigen vorführt, die im Namen der Ideologien, der Gerechtigkeit und Werte handeln.

Paradox ist das Vorgehen von Meursault in dem Sinn, dass er in der rückblickenden Erzählung beweisen will, dass alles egal (gewesen) ist, und dabei gleichzeitig zeigen will, dass die Indifferenz den Ideologien vorzuziehen sei.

Dossier "Vertretungsstunden sind kein Hexenwerk"
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Portrait von Dr. Achim Schröder Dr. Achim Schröder

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