Exkurs: Charakterisierung und Sozialcharakter II

Das Funktionale an Meursaults Charakter

Als "Sozialcharakter" ist Meursaults Charakter jedoch auch deshalb zu verstehen, weil seine Charaktereigenschaften nicht nur typisch für eine ganze Gruppe, Schicht oder Klasse sind, sondern weil sie als Sozialcharakter zudem funktional für das Fortbestehen der Kolonialgesellschaft sind:

Ein "Sozialcharakter" ist nach Erich Fromm eine Charakterdisposition, die ein Mensch im Rahmen seiner Sozialisation erwirbt. Sie ist typisch nicht nur für ihn als Individuum, sondern für eine größere soziale Gruppe, mit denen er diese Charakterdisposition, diese Eigenschaften gemeinsam hat:

"der Kern der Charakterstruktur, der von den meisten Angehörigen einer Gesellschaft geteilt wird, im Gegensatz zum individuellen Charakter, in dem die Menschen derselben Gesellschaft sich voneinander unterscheiden" (Fromm 1969, 73; z.n. Eschbach-Kreuzer 1972, 10).

Fromm unterstreicht die Notwendigkeit, Charakterstudien zu betreiben, denn "[d]ie Analyse der Gesellschaft und des historischen Verlaufs muss mit der Analyse des Menschen beginnen, aber nicht mit einer Abstraktion, sondern mit dem wirklichen konkreten Menschen in seinen physiologischen und psychologischen Eigenschaften. Am Anfang muss eine Konzeption vom Wesen des Menschen stehen, und das Studium des Wirtschaftslebens und der Gesellschaft dient nur dazu, verstehen zu lernen, wie die Verhältnisse den Menschen verkrüppelt haben" (Fromm 1969, 225).

Sozialcharaktere sind aber nicht nur Abbild einer Sozialisation und einer Gesellschaft, sondern ein Sozialcharakter muss von seiner Funktion her verstanden werden können. Diese besteht darin, "die menschlichen Energien innerhalb einer gegebenen Gesellschaft so zu formen und zu kanalisieren, dass sie das kontinuierliche Funktionieren eben dieser Gesellschaft verbürgen" (Fromm 1969, 74).

Als Beispiel verweist Fromm auf die Arbeitsdisziplin: "Die Notwendigkeit, zu arbeiten, pünktlich und ordentlich zu sein, musste umgewandelt werden in das Verlangen nach diesen Zielen. Dies bedeutet, dass die Gesellschaft einen Sozialcharakter zu züchten hatte, dem dieses Streben als selbstverständlich innewohnte, gleichsam zur zweiten Natur wurde" (ebd.).

Mit dem Verweis auf die Funktion des Sozialcharakters rückt Fromms Definition in die Nähe von Pierre Bourdieus Kategorie des "Habitus". Im Habitus verbergen sich nach Bourdieu "Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als [die Gesellschaft] strukturierende Strukturen zu wirken" (Bourdieu 1976, 165).

Im Sozialcharakter oder im Habitus einer Figur wie Meursault zeigen sich "transformierende Verinnerlichungen der äußeren [...] materiellen und kulturellen Existenzbedingungen". Er repräsentiert "ein dauerhaft wirksames System von [...] Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata [...], das sowohl den Praxisformen sozialer Akteure als auch der mit dieser Praxis verbundenen alltäglichen Wahrnehmung konstitutiv zugrunde liegt" (Schwingel 1998, 67).

Meursaults ideologische Weltsicht

Meursaults Sicht auf die Welt ist auch ideologisch in dem Sinne, dass sie "die gesellschaftlichen Gegensätze zu vertuschen und an Stelle der Erkenntnis der sozialen Antagonismen den Schein der Harmonie zu setzen" (Löwenthal, a.a.O.) versucht:

Meursaults Haltung, so konnte herausgearbeitet werden, besteht darin, traditionelle Werte wie Familie und Religion, die als Ideologien Handlungsnormen definieren, nicht mehr anerkennen zu wollen. Er hat Zukunftsperspektiven verloren, gibt sich stattdessen einem individualistischen Genusstreben hin, dessen Zentrum der Strand zu sein scheint, an dem er trotz dem ihn belastenden Klima Harmonie mit sich und der Welt empfindet.

Indifferenz gegenüber der kolonialen Gewalt

Er betrachtet den permanenten gewaltvollen Konflikt seiner Nachbarn mit den Arabern indifferent, distanziert sich nicht von Gewalttaten gegen sie und wirkt an ihnen teilweise sogar mit. Meursault soziale Stellung, seine Haltung, sein Verhalten und seine Denkweise sind typisch für die soziale Gruppe der colonisateurs de classe moyenne inférieure, die in direktem Konflikt und in direkter Konkurrenz zu den indigènes stehen, und anders als die Mitglieder der kolonialen bürgerlichen Oberschicht und der Pariser Presse, die Meursault später aburteilen, wenig Karriereabsichten und -aussichten haben.

Die von Camus 1936 in seinen "Identitätstexten" "L'été à Alger" und 1937 in "La culture indigène. La nouvelle culture méditerranéenne" wiederholte idealisierend identitätsstiftende Überhöhung des "peuple d'Alger" und der "communauté algériennen" setzt an Stelle der Erkenntnis der Realität, der sozialen Antagonismen, einen Schein der Harmonie.

Das harmonische Bild des einfachen ehrenhaften Pied-noir in Camus' "Identitätstexten"

In "L'été à Alger" (1936, OC 1, 121ff.) unterstreicht Camus, wie oben bereits ausgeführt, die besondere Qualität der "Bewohner von Algier":

"Ce qu'on peut aimer à Alger, c'est ce dont tout le monde vit: la mer, au tournant de chaque rue, un certain poids de soleil, la beauté de la race. [...] Et je crois bien que la vertu est un mot sans signification dans toute l'Algérie. Non que ces hommes manquent de principes. On a sa morale, et bien particulière. On ne 'manque' pas à sa mère. On fait respecter sa femme dans les rues. On a des égards pour la femme enceinte. On ne tombe pas à deux sur un adversaire, parce que 'ça fait vilain'. Pour qui n'observe pas ces commandements élémentaires, 'il n'est pas un homme', et l'affaire est réglée. Ceci me paraît juste et fort. Nous sommes encore beaucoup à observer inconsciemment ce code de la rue, le seul désintéressé que je connaisse. Mais en même temps la morale de boutiquier y est inconnue. [...] Ce peuple sans religion et sans idoles [...]. Le peuple de ce pays est un peuple enfant [...]. J'entends bien qu'un tel peuple ne peut être accepté de tous. Ici, l'intelligence n'a pas de place comme en Italie. Cette race est indifférente à l'esprit. Elle a le culte et l'admiration du corps. [...] Ces barbares qui se prélassent sur des plages, j'ai l'espoir insensé qu'à leur insu peut-être ils sont en train de modeler le visage d'une culture où la grandeur de l'homme trouvera enfin son vrai visage. Ce peuple tout entier jeté dans son présent vit sans mythes, sans consolation. Il a mis tous ses biens sur cette terre et reste dès lors sans défense contre la mort."

Ehrenkodex

Meursault folgt am Strand kurz vor der Mordszene dem Ehrenkodex, dem "code de la rue", den Camus dem "peuple d'Alger" zuschreibt: Er nimmt Raymond den Revolver ab und zwingt ihn zu einem fairen Kampf Mann gegen Mann.

Camus' Beschreibung des "peuple d'Alger" grenzt die Araber jedoch aus der Bevölkerung Algiers aus. Von ihnen ist nicht die Rede. Wenn er über das Volk von Algier schreibt, beschreibt er die Kolonialfranzosen und leugnet damit die sozialen Konflikte innerhalb der Stadtbevölkerung in der Hauptstadt der Kolonie. André Abbous Deutung der im Roman wiederholt verwendeten Bezeichnung "Araber" kann nicht überzeugen:

"La désignation des adversaires de Raymond par le terme 'Arabes' […] L'emploi du terme 'Arabe' chez Camus est quoi qu'il puisse sembler une marque de respect et de considération à l'égard d'une communauté dont il demande l'émancipation politique et sociale dès 1937" (Abbou 2006, 1266).

Camus forderte stets eine Assimilation der algerischen Araber und lehnte eine politische Emanzipation nach den Vorstellungen der führenden arabischen Intellektuellen, die in den dreißiger Jahren die Unabhängigkeit zu fordern beginnen, vehement ab (vgl. Ansel 2012, 187). Und die Beschreibung der Araber im Roman lässt eine besondere Wertschätzung an keiner Stelle erkennen. Sie sind und bleiben stummes Dekor.

Der unideologische Pied-noir

Der Roman leistet vielmehr eine Idealisierung der Pieds-noirs, die für Camus zum Hoffnungsträger einer neuen, entideologisierten europäischen Kultur stilisiert wird. Die Pieds-noirs seien anders als die Bevölkerung Europas nicht ideologisiert, sicher nicht sonderlich kultiviert, aber gerade daraus erwachse die Chance, eine neue, von Ideologien und Religionen unverfälschte menschliche Kultur aufzubauen. Ihr Ehrenkodex beruht auf einer Idealisierung von Kampfbereitschaft, er entsteht in einem sozialen Milieu, das sich in ständigem Kampf behaupten muss.

In seinem Vortrag "La culture indigène – La nouvelle culture méditerranéenne" aus dem Jahr 1937 findet sich eine etwa zur gleichen Zeit geschriebene ganz ähnliche Überhöhung. 

Eine Kultur des Mittelmeerraumes

Camus bezeichnet hier die in Algerien von den europäischen Kolonisatoren zu erschaffene neue Kultur als Ausdruck einer Kultur des Mittelmeerraumes, die er den Kulturen Nordeuropas entgegenstellt:

"II. – ÉVIDENCES. – a) Il y a une mer Méditerranée, un bassin qui relie une dizaine de pays. Les hommes qui hurlent dans les cafés chantants d’Espagne, ceux qui errent sur le port de Gênes, sur les quais de Marseille, la race curieuse et forte qui vit sur nos côtes, sont sortis de la même famille. Lorsqu’on voyage en Europe, si on redescend vers l’Italie ou la Provence, c’est avec un soupir de soulagement qu’on retrouve des hommes débraillés, cette vie forte et colorée que nous connaissons tous. J’ai passé deux mois en Europe Centrale, de l’Autriche à l’Allemagne, à me demander d’où venait cette gêne singulière qui pesait sur mes épaules, cette inquiétude sourde qui m’habitait. J’ai compris depuis peu. Ces gens étaient toujours boutonnés jusqu’au cou. Ils ne connaissaient pas de laisser-aller. Ils ne savaient pas ce qu’est la joie, si différente du rire [...]." 

Vermenschlichung unmenschlicher Ideologien durch die Mittelmeerkultur

Die besondere Qualität dieser Mittelmeerraumkultur bestehe darin, Ideologien und Doktrinen, das doktrinäre Frühchristentum wie den Faschismus zu vermenschlichen:

"b) Il y a d'autres évidences, historiques celles-là. Chaque fois qu'une doctrine a rencontré le bassin méditerranéen, dans le choc d’idées qui en est résulté, c'est toujours la Méditerranée qui est restée intacte, le pays qui a vaincu la doctrine. Le christianisme était à l'origine une doctrine émouvante, mais fermée, judaïque avant tout, ignorant les concessions, dure, exclusive et admirable. De sa rencontre avec la Méditerranée, est sortie une doctrine nouvelle: le catholicisme. [...] Le monument [...] s'est adapté à l'homme. Grâce à la Méditerranée, le christianisme a pu entrer dans le monde pour y commencer la carrière miraculeuse qu'on lui connaît. [...] Regardons encore plus près. Pour ceux qui ont vécu à la fois en Allemagne et en Italie, c'est un fait évident que la fascisme n'a pas le même visage dans les deux pays. On le sent partout en Allemagne, sur les visages, dans les rues des villes. Dresde, ville militaire, étouffe sous un ennemi invisible. Ce qu'on sent d'abord en Italie, c'est le pays. Ce qu'on voit dans un Allemand au premier abord, c'est l'hitlérien qui vous dit bonjour en disant 'Heil Hitler!'. Dans un Italien, c'est l'homme affable et gai. Ici encore la doctrine semble avoir reculé devant le pays – et c'est un miracle de la Méditerranée de permettre à des hommes qui pensent humainement de vivre sans oppression dans un pays à la loi inhumaine."

Autor
Portrait von Dr. Achim Schröder Dr. Achim Schröder

Zum Autoren-Profil

Frei nutzbares Material
Die von Lehrer-Online angebotenen Materialien können frei für den Unterricht genutzt und an die eigene Zielgruppe angepasst werden.