Chapitre V – Die Kolonialisten und das Klima

Meursaults indifferente Haltung

Auch im Verlauf der weiteren Handlung zeigt Meursault, dass er dem Wert "Familie" indifferent gegenübersteht. Ihm gelten alle auf diese bezogenen romantischen Gefühle und Werte als gleichwertig und nicht unterscheidbar. Auf Maries Frage, ob er sie heiraten wolle, entgegnet er "cela m'était égale ..." (51).

Warum löst seine Antwort auf Maries Frage keine Krise zwischen den beiden aus? Meursault erzählt, Marie habe nach kurzem Nachdenken eingeräumt, dass auch sie verstehe, dass Liebe und Heirat letztlich nichts Besonderes mehr seien: "Elle m'a dit qu'elle me comprenait" (52). Damit stimmt sie Meursaults Haltung zu, der ihr gesteht, dass für ihn die Menschen austauschbar geworden sind: "Elle voulait simplement savoir si j'aurais accepté la même proposition venant d'une autre femme ... . J'ai dit: 'Naturellement!'" (51). Zwei Antworten sind möglich: Entweder denkt Marie wie Meursault und sie teilt seine Indifferenz, die damit eine für ein bestimmtes soziales Milieu, für eine soziale Schicht typische Haltung wäre. Oder aber das Gespräch hat so nicht stattgefunden, sondern anders und erscheint im Licht der Erzählweise anders als es sich in der Situation selbst gezeigt hat.

Auch das Angebot seines Patron in Paris Karriere zu machen, lehnt er mit dem gleichen Argument ab, "cela m'était égale ..." (50) und er begründet dies perspektivlos damit, dass "toutes [les vies] se valaient et que la mienne ici ne me déplaisait pas du tout"(ebd.). Das einzige, auf das er, anders als auf traditionelle Werte, Menschen und Karrieremöglichkeiten nicht indifferent reagiert, ist das Klima. Dies ist ihm, mit wenigen Ausnahmen an milden Tageszeiten, zu heiß und unerträglich: "Le jour, déjà plein de soleil, m'a frappé comme une gifle" (57). "Le soleil était ... insoutenable" (63). Offensichtlich ist, dass Meursault mit dem Klima nicht zurechtkommt.

Ursprung dieser Indifferenz

Welchen Ursprung hat diese Indifferenz nach der bis zu dieser Textstelle erkennbaren textimmanten inneren Textlogik? Meursault erzählt von sich, ein gescheiterter Student zu sein: "Quand j'étais étudiant, j'avais beaucoup d'ambitions"(51). Für seine Zeit gehört er also zur Bildungselite. Er konnte das Abitur erwerben und ein Studium beginnen, das ihm Aufstiegsmöglichkeiten eröffnete. Nun, so könnte man annehmen, glaubt er nicht mehr daran, im Leben etwas erreichen zu wollen. Ist er nach oder wegen dem Abbruch seines Studiums frustriert, desillusioniert und perspektivlos geworden? Der Text erklärt es nicht direkt. Mit seiner indifferenten Haltung aber fällt er nicht als Sonderling auf. Er bewegt sich in einem Umfeld, das so lebt wie er. In einem Umfeld kleiner Leute, für die Indifferenz, Gewalt gegen und Ausbeutung von Arabern normal zu sein scheint. Bis zu dieser Stelle gibt der Text jedoch keine klaren Antworten auf die Frage. Im Verlauf der hier vorgeschlagenen Deutung wird sich später zeigen, dass eine soziologische Verortung der sozialen Schicht, in der sich Meursault bewegt, als auch eine Analyse der Erzählform Antworten eröffnen.

Autor
Portrait von Dr. Achim Schröder Dr. Achim Schröder

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