Von Waschbecken lernen

Was haben Waschbecken mit Computern zu tun? Lassen sich Einrichtungstipps für Kreativräume auf die Gestaltung von Computerarbeitsplätzen übertragen? Der Artikel regt an, Überlegungen zur Gestaltung von Waschbecken als Denkmodelle für Medienarbeitsplätze in Schulen zu nutzen.

Beschreibung

In dem Ausstattungsprojekt für Arbeitsräume in Galerien und Schulen "The big sink" (Das große Waschbecken) gehen Künstlerinnen und Künstler in Zusammenarbeit mit Museumspädagogen, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern der Frage nach, was "ideale" Kreativräume in Schulen, Galerien und Museen auszeichnet. Der Titel verweist darauf, dass scheinbare Kleinigkeiten, wie Waschbecken, wichtig sind und sorgfältiger Planung bedürfen. Gutes Design von Lernorten kann Lern- und Lehrprozesse zweifellos befördern. In einem Definition "Transfer" werden die Ergebnisse als Grundlage für die Gestaltung von Computerarbeitsplätzen in Schulen genutzt.

Schulische Computerausstattung

"Accumulating the slashes and smears of those, who use it, the studio sink records the activities happening in the space around it."

 

Michael Prior,

Access and Education Programmer

Arnolfi, Bristol. (Quelle)

Computer klonen ...

Jeder Rechner kostet so viel wie drei Gitarren, und es wird viel von ihnen erwartet. Deshalb gibt es sie immer öfter in Schulen. Den Eltern zugewandt sagen sie: "Keine Sorge, hier wird zeitgemäß gelernt!" Von technikbegeisterten Jungen werden sie hin und wieder Definition "klonen". Dann stehen 30 identische Rechner in einer Schule, womöglich gar in einem Raum. Es scheint, als seien mit der Forderung nach Heterogenität nur die Schülergruppen und nicht die Lernangebote gemeint.

... oder besser: Computer gestalten?

Um Computer für Bildungsprozesse zu nutzen, wäre aber eine Anpassung der Technik an die jeweiligen Bedürfnisse der Benutzerinnen und Benutzer hilfreich, und diese unterscheiden sich voneinander. Wichtig für die Heterogenität von Computerarbeitsplätzen sind, genau wie in Bildungsprozessen selbst, die Schnittstellen, die an Schulen oft fehlen: Scanner, Digitalkameras, Diktiergeräte, Drucker für große Formate, fette Boxen, Mikrofone, hochwertige Soundkarten, Grafiktabletts, Webcams, Camcorder, Sensoren und Steuermodule. Es lohnt sich, in diese Werkzeuge zu investieren, wenn sie produktiv genutzt werden. Wenn man mehr über die unterrichtlichen Anwendungsmöglichkeiten wüsste und Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte sich bei der Gestaltung der Technik selbst auf den Weg machen könnten, wäre das zeitgemäßer als "Klonen". Es ist aber auch mit mehr Aufwand verbunden. Ich möchte hier einen Umweg vorschlagen, bei dem eine alte Netzwerktechnologie Hilfe leistet.

Lieber über Waschbecken reden

Planung von Kreativräumen

Unlängst fiel mir eine englische Broschüre mit dem Titel "The big sink" in die Hände. Sie enthält Anregungen für die Gestaltung von Kreativräumen in Schulen und Museen. Der Titel spricht Bände: Bei der Einrichtung von Arbeitsplätzen kommt es auf vermeintliche Kleinigkeiten und auf Genauigkeit bei der Planung an. Fragen Sie alle Beteiligten, involvieren Sie die Schülerinnen und Schüler, denken Sie zunächst nicht an Geld, seien Sie kreativ bei der Suche nach Lösungen! Formulieren Sie Vorstellungen zur Nutzung! Denken Sie an alle Sinne und achten Sie auf die Gesundheit! Glauben Sie keinen Spezialisten, die sagen: "Das geht leider nicht."

Wie sollen Waschbecken für Kreativräume aussehen?

Ich habe in meinem Kollegium gefragt. Das Ergebnis lautet: Der Musiklehrer wünscht sich ein Reinigungsritual mit Hintergrundmusik, eine Biolehrerin einen Druckknopf, damit man Wasser spart. Die junge Kollegin möchte nicht ans Geld denken und ein transparentes Waschbecken aus Plexiglas, damit Schülerinnen und Schüler die Prozesse des Zu- und Abfließens anschauen können. Die Klassenlehrerin der ersten Klasse besteht auf Seife und Handtuch, am liebsten will sie auch einen Spender für Handcreme, die ABM-Kraft, ein Tischler, denkt praktisch: Malerwaschbecken kann man an Raumgrößen anpassen, sie sind aus Edelmetall, haben mehrere Hähne, fallen leicht nach hinten ab, damit alles gut abfließt, da kann man Eimer drunter stellen und am Rost die Pinsel sauber machen.

Transfer muss her

Fantasie ...

Es zeigt sich, dass Kinder und Lehrerkräfte gerne fantasieren und Zeichnungen anfertigen, wenn sie eingeladen werden, ihr Wissen über Waschbecken auf Computerarbeitsplätze zu Definition "Transfer". Auch kritische Kolleginnen und Kollegen lassen sich auf diesen Dialog ein, vermutlich, weil es Spaß macht und sie Subjekte der Gestaltung werden. Die Frage "Der ideale Computer für mich und meine Klasse" fördert Interessantes zu Tage, macht aber auch die oben angesprochenen Grenzen der Methode deutlich: Unsere Kenntnisse über Waschbecken sind weit fortgeschrittener als unsere Erfahrungen mit Computern.

... und ihre praktische Umsetzung

Trotzdem kann das Ersponnene mit der Wirklichkeit in einen fruchtbaren Dialog treten. Kinder, Lehrerinnen und Lehrer werden zu Raumgestaltern und achten dabei auf ihre Bedürfnisse und auf praktische Details. Sie formulieren Anforderungen und Wünsche. Ich arbeitete an der Heinrich-Zille-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, an der behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen. Ein Kind im Rollstuhl muss Zugang zum Computer-Arbeitsplatz der Klasse haben. Ein stabiles Regalbrett, unter das der Rollstuhl fahren kann, bietet sich als Lösung an. Der Musiklehrer bestellt sich ein Midi-Interface, Keyboards und eine gute Soundkarte. Ein 21-Zoll Monitor neben der Tafel (Spende eines Architekturbüros) ersetzt den Beamer.

Persönliche Wunschvorstellungen

Ich wünsche mir ein Stehpult als Surfterminal mit Barhocker, am besten mit einer wasserfesten Tastatur, damit ich in der Pause bei Kaffee und Brötchen meine E-Mails abfragen kann. Monitor und Scanner wären unter Glas geschützt. Ich würde Fundstücke, vielleicht auch die Kaffeeflecken einscannen, bearbeiten und per Mail ...

Schönere Medienkonzepte

"A sink that never gets blocked no matter what goes down the plughole."

 

Dave Eva,

Assistant headteacher,

Sir William Burrough Primary School Limehouse London (Quelle)

 

 

Kein Medienkonzept dient als Patentrezept

Allerorten werden Medienkonzepte entwickelt. Ihr Problem ist, dass sie sich oft nur schwer umsetzen lassen, denn vom bedruckten Papier in die Realität der Schule ist es ein langer Weg und kein Medienkonzept ist auf alle Situationen übertragbar. Vielleicht wäre es eine Form der "heterogenen Anwendung" dieser Konzepte, sie mit Fotos oder Zeichnungen (Ideen, Visionen) zu garnieren? Diese Bilder von gestalteten Medienecken kann man dann mit der Bitte um Kooperation vielen an Schule Beteiligten zeigen. Dies hieße, sichtbar und nachvollziehbar zu machen, ob und wie Ideen im Alltag angekommen sind und die Erfahrungen vieler Menschen für die schwierige, aber notwendige Aufgabe der Technikgestaltung zu nutzen.

Netze aller Art

Vom Definition "Transfer" her gedacht ist da noch die Sache mit den Netzen bedenkenswert: Es gibt Wasserversorgungsnetze, Abwassernetze, kleine und weltweite Informationsnetze (Internet und Intranet), Rohstoffe (Wasser, Informationen), Strom und Ströme. Damit eröffnen sich Felder für den weiteren gemeinsamen Gestaltungsbedarf!

Archiv und Werkstatt

"My ideal sink is: a deep, ceramic butler sink with a big draining board ... raked so that everything drains away."

 

Cornelia Parker,

Artist (Quelle)

Ein "Archiv" der Lernfortschritte, Arbeitsprozesse und Projekte

Das Waschbecken zu Beginn dieses Artikels (Abbildung 1) verweist vielleicht auf große Festplatten mit vielen Ordnern und von Schülerinnen und Schülern gestalteten Bildschirmschonern. Die Dateien enthalten Arbeitsprozesse und Ergebnisse ganzer Klassen, die auch im Intranet einer Schule verfügbar sein können. Die Kinder tragen für die Funktionstüchtigkeit die Verantwortung. Mädchen bauen Netzwerkkarten ein. Es ist notwendig, einmal in der Woche zu putzten und aufzuräumen und in Bad und PC ist alles o.k. Wenn eine Administratorin oder ein Administrator die Daten einfach löscht, zerstört sie oder er ein "Archiv" der Lernfortschritte, Arbeitsprozesse und Projekte.

Raum zum Arbeiten

Das Waschbecken mit der großzügigen Ablagefläche (Abbildung 3) hat mich an das letzte Schuljahr erinnert. In meiner zweiten Klasse wurden Bilderbücher, Spiele, Kalender, Geburtstagskarten und Elternbriefe am Computer produziert und Digitalfotos ausgedruckt. Dazu wurde viel geschrieben. Der preiswerte Laserdrucker (Spende einer Bank) machte es möglich. Das braucht Platz: zum Auslegen, Anschauen, Begutachten, Verändern und neu Kombinieren.

Zusatzwerkzeuge für alle zugänglich machen

Schneidemaschine, Bindemaschine und Laminiergerät sind hilfreich. Solche Arbeitsplätze kann man in Gruppenräumen auch gut mit anderen Klassen teilen. Mit einem Mikrofon für zehn Euro und Freeware lassen sich bebilderte Hörbücher herstellen.

Literatur

  • Meyer, Torsten: Interfaces, Medien, Bildung. Bielefeld, 2002.
  • Manushardt, D.: "Welche pädagogischen Maßnahmen können im ersten Schuljahr die Heterogenität der Lerngruppen erhalten?" In: Burk 1993: Heterogenität - Unterschiede nutzen, Gemeinsamkeiten stärken. Friedrich Jahresheft XXII 2004.
  • Lüth, N., Mörsch, C.: Kinder machen Kunst mit Medien. kopaed Verlag, 2005.
Autor
Avatar Markus Schega

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