Thoraxklinik Heidelberg: Per Videokonferenz in den OP

Wenn das Lungengewebe überdimensional auf der Leinwand erscheint, wird es still im Saal. In Heidelberg können Jugendliche eine Lungenspiegelung per Video-Konferenz live verfolgen und Krebs-Patienten zu ihren Rauchgewohnheiten befragen.

Beschreibung

Langsam gleitet das Endoskop die Luftröhre hinab in den Tunnel aus feucht schimmerndem Gewebe, vorbei am Gaumenzäpfchen, an den Stimmbändern, hinunter bis in die Bronchien, wo sich dichte Fäden aus gelb-braunem Schleim spannen. Die dunkle Narbe, die die Entfernung des Lungentumors hinterlassen hat, ist hier noch gut zu erkennen. 120 Schülerinnen und Schüler sind live dabei. Nicht im Operationssaal, sondern 300 Meter entfernt im Vortragssaal der Thoraxklinik Heidelberg, der größten Lungenfachklinik Deutschlands.

Das Konzept

Live dabei: Rauchspuren

Im Rahmen der Rauchprävention lädt die Thoraxklinik Heidelberg wöchentlich Schulklassen ein, über moderne Videokonferenztechnik die Untersuchung von Patienten mitzuerleben, bei denen sich der Rauchgenuss in chronische Bronchitis oder Lungenkarzinome verwandelt hat. 90 Prozent der Patienten in der Thoraxklinik sind oder waren Raucherinnen oder Raucher. Aus diesem Grund hat die Klinik ein Programm entwickelt, das Jugendliche überzeugen soll, gar nicht erst mit dem Rauchen zu beginnen (Primärprävention). Nach einem einführenden Vortrag zum Thema Rauchen wird eine Lungenuntersuchung live auf zwei Leinwände im Saal übertragen, bei der die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen direkt an den untersuchenden Arzt stellen können. Gleichzeitig wird die Untersuchung über das Internet übertragen. Fast 20.000 Jugendliche haben die Veranstaltungen seit Juni 2000 bereits besucht, und die Anmeldefristen für Schulklassen sind lang.

Authentizität wirkt

Den Erfolg erklärt sich Michael Ehmann von der Thoraxklinik durch die Authentizität des Informationsangebotes: "Die Konfrontation mit einer authentischen Situation macht die Wirkung aus. Die Schülerinnen und Schüler erleben keine didaktisierte, sondern eine reale Situation. Die 30minütige Live-Sequenz beeindruckt sie sichtbar, und beim anschließenden Gespräch mit Patienten aus unserer Klinik wird deutlich, dass die Krankheitsgeschichten sie auch berühren." Wenn ein 52jähriger Patient von seinem hühnereigroßen Lungentumor berichtet, wenn er erzählt, dass die Metastasen bis in seine Wirbelsäule reichen und er vier Tage pro Woche in der Chemotherapie verbringt, bekommt die statistische Wahrscheinlichkeit, nach der jeder zweite Raucher an den Spätfolgen seiner Sucht erkrankt, ein Gesicht.

Technik ohne Grenzen

Video-Konferenz bundesweit an Schulen möglich

Auch Schulen außerhalb von Baden-Württemberg können von dem Angebot der Thoraxklinik Heidelberg profitieren. Es wird gefördert durch die Klaus Tschira Stiftung. Sie hat die Thoraxklinik mit modernsten technischen Möglichkeiten ausgestattet - einem komplexen System zur Sprach-, Video- und integrierten Datenübertragung. Schulen haben so die Möglichkeit, Informationsveranstaltungen mittels modernster Telefon-Videokonferenztechnik, zum Beispiel in der eigenen Aula, mitzuerleben. Einzige technische Voraussetzung sind drei ISDN-Leitungen im Raum. Die komplette Konferenztechnik stellt die Thoraxklinik als mobile Anlage kostenfrei zur Verfügung, inklusive der Techniker, die sie an der Schule aufbauen. Die Schülerinnen und Schüler können sich dann aus jedem Ort der Republik direkt in das Geschehen im Vortragssaal der Thoraxklinik Heidelberg einschalten und Fragen an den Operateur oder später an Patienten stellen.

Spezielle Informationsangebote für Lehrkräfte

Lehrkräften, Lehramtstudierenden oder Personen aus der Jugendarbeit bietet die Klaus Tschira Stiftung außerdem die Möglichkeit, die Informationsveranstaltung und die Bronchoskopie der Thoraxklinik Heidelberg im Studio der Villa Bosch in Heidelberg zu verfolgen und sich von dort direkt mit Fragen in das Geschehen im Vortrags- oder OP-Saal der Klinik einzuschalten.

Schulklassen per Internet live dabei

Wer mit seiner Klasse oder Gruppe einfach nur zuschauen will, kann das mithilfe des Internets. Ein normaler Computer mit DSL-Internetzugang, Soundkarte, der aktuellen Version der Freeware Realplayer (Realplayer v10) und bestenfalls ein Beamer sind die einzigen technisch nötigen Voraussetzungen. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich allerdings im Vorfeld mit ihrer Klasse anmelden, bekommen dann ein Login und ein Passwort zugeteilt. Auch wenn im Rahmen der reinen Internet-Präsentation keine Interaktion mit den Medizinern möglich ist und die Bildqualität phasenweise an Livebilder von der Internationalen Raumstation ISS erinnert, beeindrucken die Bilder und das Live-Erlebnis am Monitor. Derzeit erarbeitet die Klinik weitere Zusatzangebote für Schulklassen, unter anderem einen WebQuest mit Fragen rund ums Rauchen.

Die Botschaft

Die Konsequenzen erkennen

Die Heidelberger Mediziner wollen nicht moralisieren. Unverblümt gesteht Prof. Dr. Peter Drings, dass auch er einmal geraucht hat. Aber das ist lange her. Warum er aufgehört hat, muss er den Jugendlichen nach seinem Vortrag und den OP-Bildern nicht mehr erklären. Wer weiterrauchen will, soll es tun, aber sich gleichzeitig der Konsequenzen für seine Gesundheit bewusst sein. Drings betont:

  • "Wer täglich eine Schachtel Zigaretten raucht, 'verzichtet' im Durchschnitt auf acht Lebensjahre. Die Hälfte der Raucher haben eine geringere Lebenserwartung als Nichtraucher.
  • Rauchen ist für 30 Prozent der krebsbedingten Todesfälle verantwortlich. 90 Prozent der Patienten mit Lungenkrebs waren Raucher.
  • Und je früher zur Zigarette gegriffen wird, desto größer das Krebsrisiko. Die meisten Tabaktoten sind keine besonders starken Raucher, aber sie haben sehr früh begonnen."

Nicht zu spät kommen

Dass die Raucher unter den jugendlichen Besuchern auch nach dem Klinikbesuch erst einmal weiter zur Zigarette greifen, ist den Medizinern bewusst. Stichprobenartige Umfragen in Schulklassen haben jedoch gezeigt, dass besonders die Nichtraucher durch den Klinikbesuch in ihrem Verhalten bestärkt werden. Und in einigen Klassen haben Jugendliche nach einigen Wochen (erst einmal) mit dem Rauchen aufgehört. Das Konzept der Primärprävention scheint aufzugehen. Auch 2005 bauen die Mediziner der Thoraxklinik daher ihr Informationsangebot aus. Sie wollen im OP einfach nicht immer zu spät kommen.

Autorin
Avatar Ute Schröder

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