Heterogenität im Klassenzimmer: kreative Methoden für individuelle Zugänge und Arbeitsweisen in allen Fächern

Dieser Artikel zum Thema "Heterogenität im Klassenzimmer" zeigt, weshalb sich insbesondere kreative Unterrichtsmethoden für den angemessenen Umgang mit Vielfalt in Lerngruppen eignen. Zudem werden konkrete Beispiele vorgestellt, wie mit dem Einsatz von künstlerisch-ästhetischen Methoden im Fachunterricht individualisierte Lernarrangements gestaltet werden können.

Schüler arbeiten gemeinsam an einem Projekt

Vielfalt in Deutschlands Klassenzimmern

In jedem Klassenraum in Deutschland sitzen Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Talenten, Potenzialen und Interessen. Sie bringen alle unterschiedliche Erfahrungen und Vorprägungen aus ihrem sozialen und familiären Umfeld mit. Diese individuellen und sozial geprägten oder gar sozial konstruierten Eigenschaften wirken sich auf ihre Lernkompetenzen und -dispositionen aus.

Die PISA-Studien zeigen, dass nach wie vor im bundesdeutschen Schulsystem der Bildungserfolg innerhalb gleicher Altersstufen sehr stark variiert und von der sozialen und kulturellen Herkunft der Kinder abhängt (Reis et al. 2016: 5ff.). Vielfalt im Klassenzimmer wird als Hauptherausforderung des Schulsystems empfunden.

Auf diese Herausforderung reagiert das System mit einer Umsteuerung weg von Homogenisierungsbestrebungen hin zu Heterogenitätsorientierung (Budde 2018). Bezogen auf das "Kerngeschäft" von Schule – den Unterricht – wird daher der Anspruch erhoben, eine Binnendifferenzierung zu gewährleisten: Jede Lehrkraft in Deutschland hat den pädagogischen Auftrag, alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren jeweils individuellen Voraussetzungen bestmöglich in der Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung zu fördern.

Dies soll erreicht werden, indem Lehrkräfte:

  • vielfältige Lern- und Arbeitsmöglichkeiten anbieten, die die verschiedenen Begabungen in der Klassengemeinschaft fördern und unterschiedliche Lernzugänge eröffnen.
  • eine Auswahl an Methoden und Werkzeugen anbieten, die die individuellen Begabungen und Interessen der Schülerinnen und Schülern ansprechen.

Das bedeutet konkret, dass Lehrkräfte nicht "nur" unterrichten und erziehen, sondern zeitgleich die Entwicklung und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler individuell beobachten, diagnostizieren und entsprechend individuell fördern. Um individuelle Lernwege zu ermöglichen, bedarf es neuer und vielfältiger Arbeitsmethoden, die kennengelernt und erprobt werden sollten (Klippert 2012: 17ff.).

Wie unterstützen kreative Unterrichtsmethoden Fachlehrkräfte im Umgang mit Vielfalt?

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass künstlerische Ansätze in Schule nicht unmittelbar zur Bewältigung der schulischen Kernaufgaben beitragen. Mehr Kulturelle Bildung im Schulalltag zu verankern erscheint zweitrangig im Vergleich zum Anspruch, individuelle Förderung umzusetzen. Dabei sind es gerade künstlerische Ansätze, die ein gemeinsames Lehren und Lernen fördern und zugleich individuelle Zugänge unterstützen.

Im Folgenden wird erläutert, weshalb Kulturelle Bildung Antworten geben kann auf die Veränderungsbedarfe im Umgang mit Vielfalt. Es werden konkrete Beispiele aufgezeigt, wie durch den Einsatz künstlerischer Methoden im Fachunterricht individualisierte Lernarrangements auch ohne viel Aufwand hergestellt werden können.

Mit ästhetischen Zugängen unterschiedliche Lerntypen erreichen

Aus dem seit 2008 stattfindenden Schulentwicklungsprogramm "KulturSchule Hessen" sind 20 KulturSchulen hervorgegangen, die ästhetische Zugänge in allen Fächern ermöglichen. Für die Lehrkräfte der KulturSchulen bedeutet dies, dass sie neue, erfahrungsorientierte Methoden zur Stoffvermittlung ausprobieren. Im Rahmen einer Studie der Philipps-Universität Marburg geben Fachlehrkräfte Rückmeldung, worin sie den Mehrwert ästhetischer Zugänge im Unterricht sehen. Angesprochen auf die Wirkung ästhetischer Zugänge geben diese an, dass sie die größten Vorteile darin sehen, unterschiedliche Lerntypen zu erreichen. Gerade künstlerische Zugänge lassen die Schülerinnen und Schüler den "Sinn" und die konkreten Bezüge zwischen den Lerngegenständen und ihrer Erfahrungswelt erkennen (Ackermann et al. 2015: 150f.). Zudem aktivieren sie die Lernenden zum eigenständigen Arbeiten und schulen so ihre Problemlösungskompetenz. Mit welch einfachen Mitteln sich solche Lernerfahrungen und -räume herstellen lassen, kann in der Dokumentation zum Workshop "Mensch – Maschine – Android" - mit Schuhbürsten, Kabeln, Blinklicht, Star Wars-Musik und dem physikalischen Schaltkreis zu einer individuellen Roboterperformance" nachgelesen werden.

Im rheinland-pfälzischen Programm zur kulturellen Schulentwicklung "Generation K", an dem sechs Schulen teilnehmen geben die Schulleitungen an, dass herkömmliche Unterrichtsmethoden nicht mehr ausreichen, um den Ansprüchen der heutigen schulischen Ausbildung gerecht zu werden. Die Schulleitungen setzen auf künstlerische Methoden im Schulalltag, um die Motivation der Schülerschaft zu steigern und ihnen damit neue Perspektiven zu eröffnen (Kastenholz 2019).

Ästhetische Zugänge machen Begabtenförderung und Integration möglich

Lehrkräfte der KulturSchulen in Hessen sprechen kreativen Lehr- und Lernsettings eine hohe integrative Funktion zu. Kunstaffine Kinder und Jugendliche können neue Zugänge zum Lerninhalt entdecken und ihre künstlerischen Fähigkeiten weiterentwickeln. Diejenigen, die noch nicht mit Kunst in Berührung gekommenen sind, bekommen eine Möglichkeit, diese für sich zu entdecken (Ackermann et al. 2015: 150).

Auch der Spracherwerb bei Kindern und Jugendlichen, die noch kein oder kaum Deutsch sprechen, kann mithilfe sinnlich-ästhetischer Methoden im Unterricht "angekurbelt" werden. Das zeigt unter anderem das von der Hamburger Schulbehörde anerkannte Fortbildungsprogramm zur "Sprachförderkraft mit künstlerischen Mitteln" des Kinderkulturhauses Lohbrügge. Interessierte Lehrkräfte, insbesondere Lehrkräfte im DaZ-Bereich, können sich über künstlerische Sprachfördermethoden in diesem Werkzeugkasten informieren. Dafür ist eine kostenlose Registrierung erforderlich.

Ästhetische Zugänge in naturwissenschaftlichen Fächern

Lehrkräfte der naturwissenschaftlichen Fächer merken häufig an, dass ästhetische Zugänge in ihren Unterrichtsfächern schwieriger anzuwenden seien als in geisteswissenschaftlichen Fächern. Diesen Vorbehalt widerlegen die Erfahrungswerte der Schulen, die Kunst und Kultur als fächerübergreifendes Lehr- und Lernprinzip etabliert haben.

Die Lehrkräfte naturwissenschaftlicher Fächer der KulturSchulen in Hessen geben an, dass mit dem Einsatz ästhetischer Methoden die Distanz zwischen den Schülerinnen und Schülern und den oftmals abstrakten Inhalten, beispielsweise in den Fächern Chemie und Physik, überbrückt werden (Ackermann et al. 2015: 140). Sie nutzen vermehrt visuelle und haptische Zugänge, um fachliche Aufgabenstellungen zu veranschaulichen (ebd.: 230).

Auch im rheinland-pfälzischen Programm zur kulturellen Schulentwicklung "Generation K" werden mit Unterstützung künstlerischer Methoden abstrakte Lerngegenstände visualisiert und sinnlich erfahrbar gemacht. Damit verbinden die Lehrkräfte eine Verbesserung der Lernleistung und die Nachhaltigkeit von Lernprozessen (Kastenholz 2019). In der folgenden Liste finden Sie Beispiele für den Einsatz kreativer Methoden im naturwissenschaftlichen Unterricht.

Dokumentation "Kreativcamp" zum Download

Literaturverzeichnis

  • Ackermann, Heike, Michael Retzar, Sigrun Mützlitz und Christian Kammler (2015): KulturSchule. Kulturelle Bildung und Schulentwicklung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Budde, Jürgen (2018): Heterogenität in Schule. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Online.
  • Kastenholz, Jaqueline (2019): Persönliches Gespräch mit der für die Evaluation im Programm "Generation K" zuständigen wissenschaftlichen Mitarbeiterin. Die Veröffentlichung eines Abschluss-Evaluationsberichts ist geplant und voraussichtlich unter www.generationk.de einsehbar.
  • Klippert, Heinz (2012): "Heterogenität im Klassenzimmer". In: Zeitschrift Pädagogik.Leben 2012:2. 16-19.
  • Reiss, Kristina, Christine Sälzer, Anja Schiepe-Tiska, Eckhard Klieme und Olaf Köller (2016): PISA 2015: Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation. Münster: Wachsmann.
  • Vock, Miriam und Anna Gronostaj (2017): Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. Schriftreihe des Netzwerks Bildung. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Weiterführende Literatur

  • Kammler, Christian und Armin Lohmann (2018): Kulturelle Bildung an Schulen. Konzeptionell gestalten – konkret verankern. München: Carl Link.
  • Vielfältige Fachpublikationen zum Thema "Kulturelle Schulentwicklung" finden Sie auf dem Webauftritt der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung.

In Kooperation mit

Kreativpotentiale im Dialog

Das Projekt Kreativpotentiale im Dialog fördert den länderübergreifenden Wissensaustausch zwischen Akteuren aus Kultur und Bildung, die daran mitwirken, Kulturelle Bildung zum festen Bestandteil des Schullebens zu machen. Wissen, Erkenntnisse und Ideen, wie Schulveränderungsprozesse mit und durch Kulturelle Bildung erfolgreich gestaltet werden können, werden in diesem Netzwerk zugänglich gemacht.

Gefördert von

Stiftung Mercator

"Kreativpotentiale im Dialog" ist ein Projekt der MUTIK gGmbH, gefördert von der Stiftung Mercator.

Autorenteam
Avatar Seida Bahtovic und Kristin Naujokat

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