Der Wert digitaler Bildung

Veröffentlicht am 09.01.2018

Dieser Fachartikel beschäftigt sich im Zusammenhang mit der KMK-Strategie "Bildung in der digitalen Welt" mit der Frage nach dem Wert digitaler Bildung.

Dass in der Schule mit digitalen Medien gelernt wird, wird von der Mehrheit der Menschen grundsätzlich befürwortet (Wößmann, Lergetporer, Grewenig, Kugler & Werner, 2017, 21 ff.). Trotzdem unterstützen viele Menschen die digitale Bildung nicht uneingeschränkt. Oftmals schätzen sie andere Bildungsinhalte mehr und befürchten, dass diese durch die Medienbildung verdrängt werden.

Konkurrenz im Stundenplan

Die verschiedenen Bildungsinhalte konkurrieren um die Lernzeit der Schülerinnen und Schüler. Weil diese Zeit begrenzt ist, muss vorab abgewogen werden, wie viel Raum ein bestimmter Bildungsinhalt in den Lehr- und Bildungsplänen erhält. Es stellt sich die Frage, welches Bildungsziel verfolgt wird und wie wichtig ein bestimmter Bildungsinhalt im Vergleich zu einem anderen ist.

Die Antworten auf diese Frage fallen höchst unterschiedlich aus. So finden beispielsweise 54 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, dass Informatik und andere Digitalthemen in der Schule einen höheren Stellenwert genießen sollten, auch wenn dies zu Lasten von Fächern wie Musik, Sport oder Religion geht (Bitkom, 2016, 10). Orthopäden hingegen fordern mehr Schulsport, weil sich die Schülerinnen und Schüler zu wenig bewegen (Deutscher Orthopäden- und- Unfallchirurgenverband, 2010). Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt fordert die Stundentafel um ein Pflichtfach "Ernährung" zu erweitern, weil Schülerinnen und Schüler Lebensmittel nicht genügend wert schätzen (taz, 2016). Diese Forderung erhebt auch Gerd Müller, Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Allerdings begründet er damit, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler unter Adipositas leiden (WeltN24, 2008). Anderen Menschen liegen andere Themen auf dem Herzen, zum Beispiel ein Pflichtfach "Liebe" oder "Benehmen" (Süddeutsche Zeitung, 2017; Sächsische Zeitung, 2015).

Symbiose von Fachunterricht und Medienbildung

Medienpädagogen weisen schon seit längerer Zeit darauf hin, dass solche Forderungen nicht im Widerspruch zur Medienbildung stehen. Vielmehr besteht die Möglichkeit einer symbiotischen Beziehung von Fachunterricht und Medienbildung. So lässt sich beispielsweise der Sportunterricht bereichern, wenn man den Bewegungsablauf von Schülerinnen und Schülern mit dem Handy filmt und später mit dem Vodcast eines idealen Bewegungsablaufs vergleicht. Das Fach Politik gewinnt, wenn sich die Schülerinnen und Schüler über die aktuellen Entwicklungen online informieren können und nicht auf ein veraltetes Schulbuch angewiesen sind. In Geschichte oder auch in Kunst können Schülerinnen und Schüler online entsprechende Museen besuchen. Im Fach Hauswirtschaft ist es möglich, sich im Internet mit aktuellen BMI-Tabellen zu beschäftigen, Informationen zu Adipositas zu suchen oder Kochanleitungen auf YouTube schauen. Selbst den Inhalt "Benehmen" kann man zeitgleich sowohl für die reale als auch für die digitale Welt thematisieren.

Viele Menschen wollen sich auf diese Argumentation jedoch nicht einlassen. Sie argwöhnen, dass ein Mehr auf der einen Seite zwingend zu einem Weniger auf der anderen Seite führt, und dass die Fachinhalte unter dem Medieneinsatz leiden. Aus diesem Grund fordern sie in der öffentlichen Diskussion immer wieder die traditionellen Bildungsinhalte nicht zu vernachlässigen.

Diese Diskussion verschwimmt dann nicht selten mit den Grundsatzdiskussionen zu anderen Unterrichtsinhalten, für die sich ebenfalls viele Menschen stark machen. Eine besonders große Lobby hat beispielsweise das Vorhaben, ein Pflichtfach "Ökonomische Allgemeinbildung" einzuführen (Bundespräsidialamt, 2014, 5). Begründen lässt sich dies unter anderem mit der Abkehr vom deutschen Verbraucherleitbild, das den Verbraucher bis Anfang des Jahrtausends in einem erheblichen Maße schützte. Mittlerweile dominiert das europäische Verbraucherleitbild die Rechtsprechung. Dieses setzt einen durchschnittlich informierten, aufmerksamen und verständigen Durchschnittsverbraucher voraus und schützt diesen erst, wenn er seine Sorgfaltspflichten erfüllt hat. Folglich ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler zum Beispiel in einem Pflichtfach "Ökonomische Allgemeinbildung" in die Lage zu versetzen, diese Sorgfaltspflichten erfüllen zu können. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler auf eine verantwortungsvolle Teilnahme am Wirtschaftsleben vorzubereiten, genauso wie die Verkehrserziehung sie auf die Teilnahme am Straßenverkehr vorbereitet.

Eine Forderung, die erneut nicht im Widerspruch zur Medienbildung steht. Denn auch in der digitalen Welt geht es nicht nur um technische, sondern ebenfalls um ökonomische und rechtliche Aspekte. So müssen Schülerinnen und Schüler zum Beispiel lernen, welche Bedeutung die AGBs haben, die sie häufig einfach nur anklicken und damit ungelesen bestätigen. Sie müssen zeitnah lernen, welche Online-Inhalte erlaubt und welche verboten sind, und welche Konsequenzen drohen, wenn solche Verbote ignoriert werden, zum Beispiel beim Filesharing oder Streaming aktueller Kinofilme. Somit lassen sich auch im Bereich der ökonomischen Allgemeinbildung reale und digitale Bildungsinhalte sinnvoll miteinander verknüpfen.

Es gibt viele Argumente für viele Anliegen. Und natürlich gibt es nicht nur Menschen, die sich gegen Medienbildung aussprechen, weil sie befürchten, dass die Medienbildung andere – in ihren Augen wertvollere Bildungsinhalte – verdrängt. Es gibt auch Menschen, die sich gegen Medienbildung aussprechen, weil ihnen Medienbildung, also der verantwortungsvolle und sichere Umgang mit Medien, nicht genügt. Sie wollen mehr! In der Regel fordern sie, dass Schülerinnen und Schüler zusätzlich programmieren lernen sollen. Für dieses Anliegen engagiert sich nicht nur der IT-Verband (F.A.Z., 2017), sondern auch die SPD-Bundestagsfraktion. Ab der Sekundarstufe I sollen alle Schülerinnen und Schüler Unterricht in Informatik erhalten (WirtschaftsWoche, 2016). NRW will sogar noch früher starten und bereits Grundschülerinnen und Grundschüler an das Programmieren heranführen. Ziel sei es, dass bis 2025 alle Schülerinnen und Schüler über Grundkenntnisse in Informatik, die Funktionsweise von Algorithmen und im Programmieren verfügen (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2016, 50).

Um dieses Ziel zu erreichen, reiche es nicht aus, dass die digitale Bildung nur als Querschnittsthema in allen Fächern zum Zuge komme. Informatik benötige genauso wie Mathematik oder Deutsch ein eigenes Fach. Der Fachunterricht in Informatik dürfe nicht Lehrerinnen und Lehrern überlassen werden, die das Fach gar nicht kennen (WirtschaftsWoche, 2017).

Ausblick

Die Frage, wie viel Zeit und welche Inhalte die Schülerinnen und Schüler mit digitalen Medien lernen sollen, wird sehr kontrovers diskutiert. Hier gibt es viele Argumente für die unterschiedlichsten Meinungen. Die Unterrichtsorganisation war schon immer umstritten und wird es auch in Zukunft bleiben. Niemand kennt die ideale Fächerstruktur, was unter anderem daran liegt, dass hierfür empirische Daten fehlen (Hedtke, 2015).

Deutschland will sich hier in Zukunft an der Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt" orientieren. Dort findet sich ein sehr umfänglicher Katalog von Kompetenzen, die sich Schülerinnen und Schüler in Zukunft erschließen können sollen (Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2016, 15 ff.)

Literaturverzeichnis

Bitkom (2016). "Digitale Schule - vernetztes Lernen." Online

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hrsg.) (2016). "Digitale Strategie 2025." Online

Bundespräsidialamt (2014). "Bundespräsident Joachim Gauck zur Eröffnung des 20. Deutschen Bankentages am 9. April 2014 in Berlin." Online

Deutscher Orthopäden- und Unfallchirurgenverband e.V. (Hrsg.) (2010). "Orthopäden plädieren für mehr Schulsport." Online

F.A.Z. (2017). "IT-Verband schlägt Alarm. "Wir brauchen dringend das Schulfach Programmieren."" Online

Hedtke, R. (2015). "Debatte über Wirtschaftsunterricht: Unkritisch und überflüssig." Online

Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2016). "Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt"". Online

Sächsische Zeitung (2015). ""Benehmen“ als Pflichtfach? - Debatte über eine lebensnahe Schule." Online 

Süddeutsche Zeitung (2017). "Liebe sollte ein Schulfach sein". Online

taz (2016). ""Ernährung"" als Schulfach. Kinder sollten kochen lernen." Online

WeltN24 (2008). "Kochen könnte auch an Deutschlands Schulen Pflichtfach werden." Online

WirtschaftsWoche (2017). "Lehrer-Forderung: Informatik muss Pflichtfach für alle werden." Online

WirtschaftsWoche (2016). "Informatikunterricht. SPD will Programmieren zur Pflicht machen." Online

Wößmann, L., P. Lergetporer, E. Grewenig, F. Kugler & K. Werner (2017). "Fürchten sich die Deutschen vor der Digitalisierung? Ergebnisse des ifo Bildungsbarometers 2017". In: ifo Schnelldienst 70:17, 17-38. München: ifo Institut.

Weiterführende Literatur

Niederastroth, M. (2018). Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt". Herausforderung für Educational Governance, Schulentwicklung und schulisches Qualitätsmanagement. Baden-Baden: Tectum Wissenschaftsverlag.

Portrait von Markus Niederastroth Markus Niederastroth Gymnasium Thusneldastraße

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