Machen Medien „dick, dumm, krank und traurig“?

Veröffentlicht am 05.10.2005

In einem SPIEGEL-Artikel wurde eine Studie von Christian Pfeiffer zitiert, nach der "ein Übermaß an Medienkonsum dick, dumm, krank und traurig" mache. Lesen Sie, was Dr. Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz dazu meint.

Gute Medien - Schlechte Medien?

Polarisierung bringt nicht weiter

Beide Aussagen werden medienwirksam in die Öffentlichkeit getragen und verunsichern und bestätigen zum Teil zugleich, was in den Köpfen vieler Pädagog(inn)en und Lehrpersonen schon als Meinung vorhanden ist: Es gibt gute Medien - das Buch - und es gibt schlechte Medien - zum Beispiel das Fernsehen - und man muss Kinder und Jugendliche vor den schlechten Medien schützen. Wenn wir uns an die Rolle von Comics in den 1950er und 1960er Jahre erinnern, wo sie verdammt wurden, und mit heute vergleichen, wo sie in den Lehrplänen für Schulen vertreten sind, dann wird deutlich, dass eine solche Polarisierung von Medien nicht weiter bringt.

Notwendig sind differenzierte Sichtweisen

Die Medienpädagogik beziehungsweise die Medienforschung will die genannten Positionen nicht als völlig falsch dahin stellen und Medienkonsum verharmlosen. Was sie will, ist eine differenzierte Sichtweise, denn die ist in der Auseinandersetzung mit den Positionen von Pfeiffer beziehungsweise Spitzer notwendig.

Macht also Fernsehen wirklich dick, dumm, krank, traurig und gar gewalttätig?

Ich denke, dass in der Debatte um diese Aussage die Positionen von Pfeiffer und Spitzer scharf voneinander zu unterscheiden sind. Zum einem spricht Pfeiffer von "übermäßigen Fernsehkonsum", Spitzer hingegen schränkt seine Aussage nicht ein. Zum anderen beruht die Aussage von Pfeiffer auf einer eigenen sozialwissenschaftlichen Studie, die von Spitzer auf der Auswertung internationaler empirischer Studien sowie auf den Ergebnissen der Gehirnforschung. Die Argumente sind also recht unterschiedlicher Natur.

Die Veröffentlichung der Studie steht noch aus

Leider macht es Pfeiffer einem nicht einfach, sich mit seiner Aussage seriös auseinander zu setzen, da die in den Medien zitierte Studie bis jetzt noch nicht veröffentlicht ist. Eine Analyse der Datengrundlage und der darauf beruhenden Verallgemeinerung ist also nicht möglich beziehungsweise muss bei Vorliegen derselben nachgeholt werden. Nach dem, was Pfeiffer in einer Gesprächsrunde und in Interviews dargestellt hat, denke ich, dass dies eine sehr seriöse und differenziert arbeitende empirische Studie ist. Aber wie gesagt: wir kennen die Stichprobe, die Erhebungsverfahren sowie die Ergebnisse nicht, sondern lediglich die daraus folgernden Verallgemeinerungen.

Fernseher und Videokonsole raus - und schon ist alles o.k.?

Aber angenommen, die Daten unterstützen eine Sichtweise, dass es eine Problemgruppe gibt - dies sind nach Pfeiffer die Jungen mit einem eigenem Fernsehapparat und einer eigenen Videospielkonsole in ihrem Zimmer -, die sich aufgrund ihrer Mediennutzung durch schlechte Schulleistungen auszeichnet, dann stellt sich die Frage, ob die Folgerung, den Fernsehapparat und die Playstation aus dem Kinderzimmer zu verbannen, die ausreichende Antwort ist. Zum einem wissen wir aus vielen anderen auch internationalen Studien, dass das Fernsehen wissensaneignend und lernanregend sein kann. Lernen unsere Kinder nicht viel, wenn sie die Sach- und Lachgeschichten mit der Maus verfolgen, wenn sie durch Peter Lustig in Löwenzahn angeregt werden, ihre Umwelt zu erkunden, oder wenn sie sich die Kindernachrichten Logo anschauen und so Politik verstehen? Sie bekommen dort einen Einblick in die Welt wie sonst nie zuvor. Ich denke, dass das vorhandene soziale und ökologische Engagement unserer Kinder fast ausschließlich auf den Informationen aus dem Fernsehen beruht. Dass daneben Fernsehen nicht nur durch seine Inhalte, sondern auch durch seine Struktur kognitiv anregend sein kann, wissen wir nicht nur seit dem aktuellen Buch von Steven Johnson ("Everything bad is good for you"), sondern schon seit den medienpsychologischen Studien von Gavriel Salomon.

 

Emotionaler Aspekt

Mediennutzung hat immer auch einen emotionalen Aspekt. Wir können in andere Welten fliehen, vom Alltag flüchten und uns mit Charakteren in Mediengeschichten identifizieren. Medien dienen - wie es Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun einmal ausgedrückt haben - auch der Lebensbewältigung und Identitätsfindung.

Mediennutzung im Vergleich

Vielfach wird bemängelt, dass "Kinder nur noch vor dem Fernsehen hocken würden". Der Anstieg der Fernsehnutzung wird auch von Spitzer hervorgehoben. Dies stimmt aber definitiv nicht! Die Daten der Medienforschung (vergleiche: media perspektiven) zeigen seit Anfang der 1990er Jahre konstante Zeiten für die Mediennutzung von Kindern zwischen sechs und 13 Jahren bei circa 95 Minuten täglich. Es gibt keinen Anstieg bei Kindern im Gegensatz zu Erwachsenen und vor allem Senioren! Auch international liegen deutsche Kinder unter dem Durchschnitt: der europäische Durchschnitt lag 2001 für alle Kinder zwischen sechs und 13 Jahren bei 152 Minuten, für Deutschland wie schon erwähnt bei 95 Minuten. Und wenn wir unseren Blick auf Süd-Korea wenden, einem der "Gewinner" bei der PISA-Studie, dann wird auch hier deutlich, dass eine einfache Korrelation von Fernsehnutzung und Schulleistung nicht zu verallgemeinern ist. Die koreanische Kinder schauen im Durchschnitt 148 Minuten pro Tag fern, besitzen häufig einen eigenen Fernsehapparat und besitzen weltweit mit die meisten Videokonsolen.

Wie umgehen mit Medienproblemen in Familien?

Problemgruppen ermitteln

Um es noch einmal deutlich zu machen: mir geht es nicht darum die Daten von Pfeiffer abzustreiten, mir geht es um die damit verbundenen Verallgemeinerungen. Wenn der Forschungsbericht geliefert wird, können wir die eigentliche Problemgruppe heraus arbeiten und gemeinsam darüber diskutieren, wie Medienprobleme in Familien angegangen werden sollten. Die Forderung, keinen Fernsehapparat und keine Videokonsole beziehungsweise Computerspiele für Kinder unter zehn Jahren im eigenen Kinderzimmer, erscheint mir jedenfalls nicht nur unrealistisch, sondern auch gefährlich.

Schlüsselrolle der Eltern

Gefährlich deshalb, weil sie möglicherweise das Gewissen der Eltern beruhigen könnte, mit der Auslagerung der "gefahrvollen" Medien aus dem Kinderzimmer genug getan zu haben. Dass dies nicht immer der richtige Weg sein muss, weiß die Medienpädagogik schon seit langem. Denn alle Studien und alle Erfahrungen in medienpädagogischer Elternarbeit zeigen, dass die Rolle der Eltern für die Mediennutzung von Kindern einen ganz entscheidenden Faktor darstellt. Fernsehen und andere Medien müssen nicht dumm, dick, gewalttätig und traurig machen, wenn Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder sinnvoll begleiten. Aber - und dies muss natürlich zugestanden werden - sind nicht alle Eltern dazu fähig. Diesen Eltern muss durch sozialpädagogische Betreuung geholfen werden und nicht nur den Hinweis, ihren Kindern den Fernsehapparat zu entziehen.

 

 

Was bleibt also?

Medienpädagogik muss auch die negativen Aspekte in den Blick nehmen

Zusätzlich zur Argumentation bezogen auf das Medium Fernsehen bedarf es einer Ergänzung um die Rolle der Videokonsolen und Computerspiele. Außerdem ist eine Auseinandersetzung mit dem Buch von Spitzer nötig, die hier wegen der notwendigen Ausführlichkeit nicht erfolgen kkann, aber an anderer Stelle noch erfolgen wird. Es muss andererseits aber auch deutlich gemacht werden, dass die Medienpädagogik sich zu den aufgeworfenen Fragen bisher sehr passiv verhalten hat. Sie hat bisher keine vergleichbare Studie wie Pfeiffer sie durchgeführt hat vorgelegt. Sie hat in ihrem akademischen Diskurs zu lange immer nur die positiven Aspekte der Mediennutzung verfolgt, ohne die vorliegenden negativen Aspekte gebührend in den Blick zu nehmen. Das dies notwendig ist, macht zum Beispiel die aktuelle Übersicht von Michael Kunczik zur Wirkung von Mediengewalt im Auftrag des Familienministeriums deutlich.

"Schönwettermedienpädagogik"?

Diese Sichtweise der Medienpädagogik hängt sicher zum einen mit der häufig vorfindbaren Ablehnung des Wirkungsbegriffs zusammen, zum anderen aber auch mit der mangelnden empirischen Fundierung dieser Disziplin. Vielfach wurden die Problemgruppen, wie Pfeiffer sie in seiner Studie anscheinend isoliert hat, außer Acht gelassen beziehungsweise eine "Schönwettermedienpädagogik" betrieben. Auch die Forderung, sich mit solchen Positionen wie sie von Pfeiffer und Spitzer vertreten werden, nicht auseinander zu setzen, halte ich für falsch. Nicht nur, dass dies akademisch unseriös wäre, sondern auch wegen ihrer Breitenwirkung. Nur eine aktive Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit mit der Betonung einer dem familialen Leben gerecht werdenden differenzierten Sichtweise erscheint mir angemessen zu sein.

Literatur

Vorsicht Bildschirm!Autor: Spitzer, Manfred Erscheinungsdatum: Januar 2005 Klett-Verlag ISBN: 3120101702 Preis: 16,95 €
Everything bad is good for youAutor: Johnson, Steven Erscheinungsdatum: Mai 2005 ISBN: 0713998024 Preis: 16,95 €
"Medien und Gewalt"Übersichtsstudie im Auftrag des BMFSFJ Stand: Juli 2004 Download auf den Seiten des BMFSFJ

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Avatar Dr. Stefan Aufenanger

ist Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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