Touchscreen-Studie: Anfassen hilft, wenn es kniffelig wird

veröffentlicht am 07.10.2015

Ob mit der Maus, per Touchscreen oder mit Gesten: Es gibt viele Möglichkeiten, Computer und andere technische Geräte zu bedienen. Bei der Entscheidung für die eine oder andere Variante sollten jedoch nicht nur technische Trends eine Rolle spielen.

Man sollte auch mit einbeziehen, was die Nutzerin beziehungsweise der Nutzer inhaltlich vorhat, zum Beispiel das Lösen von Rechenaufgaben oder die Steuerung eines Flugzeugs. Das geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Münster und Dresden jetzt auf der Grundlage neuer Studienergebnisse zu bedenken. Denn manche Aufgaben würden besser gelöst, wenn die Hand - wie beim Touchscreen - nahe am Bildschirm liege. Bei anderen Aufgaben sei es besser, wenn die Hand weiter weg sei, wie zum Beispiel bei der Computermaus. Die Studie wurde im Fachmagazin "Psychonomic Bulletin and Review" veröffentlicht.

Die Studie

Reiz-Hand-Nähe

"Wir haben ein in der Psychologie bekanntes Phänomen im Kontext der modernen Informationstechnologie erforscht", erläutert der Psychologe Dr. Roman Liepelt, Privatdozent an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). "Wenn Menschen sich für Dinge interessieren, dann nehmen sie diese Dinge typischerweise in die Hand. Frühere Studien haben gezeigt, dass die Nähe der Hand zum Objekt zu einer verstärkten kognitiven Verarbeitung des Objektes führt." Eine Erklärung dafür ist unter anderem, dass Gegenstände in der Nähe der Hand Kandidaten für zukünftige Handlungen sind, wie zum Beispiel beim Werkzeuggebrauch. Roman Liepelt untersuchte gemeinsam mit Privatdozent Dr. Rico Fischer von der Technischen Universität Dresden, welche Auswirkungen die "Reiz-Hand-Nähe" auf kognitive Aufgaben unterschiedlicher Komplexität hat.

Der Versuchsaufbau

Die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer lösten dazu Aufgaben am Computer. Bei den komplexeren Aufgaben sollten sie auf farbige Zahlen reagieren (eins bis neun), die zufällig an der linken oder rechten Seite des Bildschirms gezeigt wurden. Sie sollten entscheiden, ob die Zahl größer oder kleiner fünf ist und beispielsweise auf eine linke Taste drücken, wenn die gezeigte Ziffer kleiner ist, und rechts drücken, wenn sie größer als fünf ist. In einer einfacheren Versuchsvariante sollten die Probanden nur auf die Farbe der Zahlen reagieren (Rot oder Grün). Die Versuche wurden in zwei Versionen durchgeführt: Tasten nah am Monitor (vergleichbar mit einem Touchscreen) oder auf dem Schoß (analog zur Computermaus).

 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten die gegenseitige Beeinflussung von Hand- und Reizposition, den sogenannten Simon-Effekt. Dieser Effekt beruht auf der räumlichen Übereinstimmung von Reizposition (linke und rechte Position auf dem Bildschirm) und Handposition (linker und rechter Tastendruck): Es ist leichter, auf die rechte Taste zu drücken, wenn der Reiz auf dem Monitor auch rechts gezeigt wird. Hingegen verzögert sich die Reaktionszeit und die Fehlerrate wird höher (stärkerer Simon-Effekt), wenn der Reiz auf dem Monitor links gezeigt wird, aber die rechte Taste gedrückt werden muss. Die Wissenschaftler untersuchten, wie stark jeweils der Simon-Effekt auftrat.

Bei schweren Aufgaben hilft die Nähe zur Hand

Das Fazit: Bei der komplexeren Aufgabe, die Nachdenken erforderte ("Zahlen sortieren"), war der Simon-Effekt geringer, wenn die Hände ähnlich wie bei Tablet-Computern und Smartphones nah an den auf dem Monitor gezeigten Symbolen lagen. Bei einfachen, unmittelbar auf einem Sinneseindruck basierenden Entscheidungen ("auf Farbe reagieren"), wurde der Simon-Effekt in dieser "Tablet-Versuchsvariante" jedoch stärker.

 

"Die Hand am Monitor führte zu einer vertieften Verarbeitung der wahrgenommenen Informationen. Dies scheint ganz unterschiedliche Konsequenzen zu haben, je nachdem, ob wir einfache oder komplexere Aufgaben verarbeiten. Bei schweren Aufgaben hilft die Nähe zur Hand, die Aufgabe zu lösen und den Einfluss der irrelevanten räumlichen Information zu unterdrücken. Bei einfachen Aufgaben wurde die irrelevante räumliche Information stärker mitverarbeitet und führte zur stärkeren Interferenzeffekten", fasst Rico Fischer zusammen.

Touchscreen nicht immer von Vorteil

Bevor die Wissenschaftler Ratschläge für Verbraucher geben können, ist noch weitere Anwendungsforschung nötig. "Auch wenn unser Experiment reine Grundlagenforschung ist, implizieren unsere Befunde, dass ein kritikloser Transfer von Maussteuerung zur Touchscreen-Steuerung zum Beispiel in Cockpits von Hubschraubern oder Flugzeugen nicht gegeben ist", gibt Roman Liepelt zu bedenken. "In einer kognitiv optimierten Zukunft sollte daher genau überprüft werden, für welche Art von Aufgabe technische Erneuerungen wie Touchscreen- oder Gesten-Steuerung tatsächlich einen Vorteil oder vielleicht sogar einen Nachteil darstellen könnten. Dies eröffnet auch weitere spannende Forschungsfragen, zum Beispiel, ob es sinnvoll ist, Schüler in Zukunft ihre Mathearbeiten mit einem Tablet-PC lösen zu lassen."


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