Energiebildung an Schulen aus der Sicht von Lehrkräften

Wie lehren Deutschlands Lehrkräfte "Energie"? Wo sehen sie Potenziale, wo Herausforderungen im Schulalltag? Die RWE Stiftung hat das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik (IPN) in Kiel beauftragt, eine Studie zum Thema Energiebildung in der Schule durchzuführen. Dieser Fachartikel stellt die Zwischenergebnisse der bundesweiten Lehrerbefragung vor.
 

Angesichts der umfassenden Bedeutung der Energie für die Entwicklung unserer Gesellschaft hat die RWE Stiftung das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik (IPN) in Kiel beauftragt, eine auf eine Laufzeit von zwei Jahren angelegte Studie zum Thema Energiebildung in der Schule durchzuführen. Ziel ist es, Umfang und Quantität der Vermittlung des Themas Energie an Schulen entlang der Bildungskette von der Grundschule bis zum Gymnasium zu evaluieren und Konzepte für eine substanzielle Verankerung der Energiebildung im Unterricht zu entwickeln. Im ersten Schritt der Studie wurden die Lehr- und Bildungspläne analysiert. Hierzu ist bereits ein Fachbeitrag bei Lehrer-Online erschienen.

 

Studie zur Energiebildung geht in die zweite Runde

Die Vorgaben der Lehrpläne reflektieren nur bedingt, was und wie tatsächlich in den Schulen unterrichtet wird. Daher wird nun im zweiten Schritt der Status der Energiebildung aus Perspektive der Schulpraxis untersucht. In der nächsten Phase der Studie werden die Ausprägungen energiebezogener Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern durch einen Energiebildungstest erfragt, bevor alle empirischen Bestandsaufnahmen in die Entwicklung von Handlungsempfehlungen einfließen werden.

Zum Vorgehen der Lehrerbefragung

Lehrkräfte wurden bundesweit aufgefordert, sich an einer Online-Umfrage zum Ist-Zustand der Energiebildung an Schulen und zu Entwicklungspotenzialen zu beteiligen. Die Online-Umfrage wurde ergänzt durch eine Fragebogen-basierte Erhebung an Schulen, die bereits ein erkennbares Profil im Bereich der Energiebildung aufweisen. Diese "Energieschulen" wurden ausgewählt aufgrund ihrer öffentlichen Darstellung im Internet sowie der aktiven Beteiligung an Energie-Projekten.

Den Auswertungen liegen die Aussagen von 394 Lehrkräften zugrunde (284 aus der Online-Umfrage, 110 aus der Befragung von Energieschulen). Aufgrund der freiwilligen Beteiligung an beiden Studien sowie angesichts des zeitlichen Aufwands, sich der circa 20 bis 25 Minuten dauernden Befragung zu unterziehen, kann man davon ausgehen, dass die Umfragen die Meinungen engagierter Lehrpersonen wiedergeben, denen die Qualität der Bildung im Energiebereich ein Anliegen ist.

Umfrageergebnisse haben bildungspolitisches Gewicht
Die vorliegenden Stellungnahmen sind insofern von hoher Relevanz, als die Lehrkräfte aufgrund ihrer Erfahrungen bestens in der Lage sind, Stärken und Schwächen der Energiebildung in den verschiedenen Schulstufen aus ihrer Innensicht der schulischen Wirklichkeit authentisch zu bewerten. Dieser Expertenstatus der Befragten verleiht den Umfrageergebnissen bildungspolitisches Gewicht. Über eine Beurteilung des Status Quo hinaus sind die Sichtweisen der Lehrkräfte in ihrer Rolle als Kooperationspartner für die Konzeption und Implementation innovativer Maßnahmen im Bereich der Energiebildung bedeutsam.

Energiebildung im Kontext von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft

Energie hat viele Gesichter
Energie ist ein außerordentlich facettenreiches Konzept mit vielen "Gesichtern". Auf einer konkret-intuitiven Ebene erschließen sich die Wirkungen von Energie als universellem Treibstoff in der natürlichen und in der vom Menschen gemachten Welt. Auf der fachlichen Ebene ist es der abstrakte Charakter der Energie als physikalische Bilanzierungs- und Erhaltungsgröße, deren konzeptuelles Verständnis vielen Lernenden enorme Schwierigkeiten bereitet. Auf der überfachlichen Ebene entfaltet Energie eine weitreichende Bedeutung als ein Querschnittskonzept, das naturwissenschaftliche, technologische sowie gesellschaftliche Aspekte verbindet und in sehr viele Lebensbereiche im Alltag wie im Beruf hineinwirkt.

Neben der Förderung von Interesse und Aufgeschlossenheit verfolgt ein umfassendes Bildungsprogramm zum Energiebereich ein Spektrum von Zielen:

  • In einem allgemeinen Sinn geht es darum, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich in einer durch Wissenschaft und Technik geprägten Welt zu orientieren und energiebezogene Entscheidungen auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene reflektiert und begründet zu treffen.
  • Darüber hinaus geht es um eine Förderung der Bereitschaft, sich mit wissenschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Problemstellungen im Energiebereich aktiv zu befassen, auch mit Blick auf das lebenslange Lernen sowie potenzielle berufliche Karrieren.

Status der Energiebildung an Schulen: Allgemeine Einschätzungen

Zentrale Forschungsfragen
Die Befragung untersucht vor allem den folgenden Komplex von Forschungsfragen, der im Hinblick auf die Praxis der Energiebildung an Schulen und deren Verbesserung von zentraler Bedeutung ist:

  • Wie sehen Lehrkräfte den gegenwärtigen Status der Energiebildung?
  • Wie werden die Gewichtung und das Zusammenwirken von fachlichen, überfachlichen und gesellschaftlichen Zielen im Unterricht beurteilt?
  • Wo formulieren Lehrkräfte Handlungsbedarf?

Zu diesen und weiteren Themenbereichen wurden Fragen und Aussagen vorgegeben neben der Erhebung von demografischen und berufsbezogenen Daten. Die Bewertung erfolgte auf einer vierstufigen Skala. Außerdem gab es eine Reihe von Punkten mit freien Antwortmöglichkeiten, über die separat zu berichten ist.

 
Klick zum Vergrößern Abb. 1, bitte anklicken

Handlungsbedarf auf globaler Ebene

Inwieweit auf einer globalen Ebene Handlungsbedarf gesehen wird, belegen die allgemeinen Meinungsäußerungen zur Energiebildung. Auf die Feststellung, dass die schulischen Bildungsangebote im Energiebereich ausreichend sind, um Schülerinnen und Schüler für die Lebenswelt fit zu machen, antworten circa 60 Prozent der Lehrkräfte im negativen Bereich. Die Notwendigkeit einer erheblichen Verstärkung der Anstrengungen im Bildungsbereich in Bezug auf die nachhaltige Gestaltung der Energieversorgung beurteilen sogar über 90 Prozent zustimmend (Abbildung 1, Platzhalter zum Vergrößern bitte anklicken).

 

Stellenwert der Energiebildung
Der Stellenwert der Energiebildung im eigenen Unterricht wird als relativ hoch beurteilt. Ihre Bedeutung an der eigenen Schule wird dagegen etwas geringer eingestuft und ähnlich dem Stellenwert in der Gesellschaft bewertet, in der Tendenz leicht positiv. Dagegen verweist das Urteil zur Stellung der Energiebildung in den Lehrplänen auf deutlichen Verbesserungsbedarf. Es liegt mit 60 Prozent der Wertungen im negativen Bereich ähnlich der Bewertung vorhandener schulischer Angebote zur Energiethematik.

Unterschied zwischen Standard- und Energieschulen
Bei den Ergebnissen ist zu bedenken, dass es sich hier um die Aussagen aller Lehrkräfte handelt, aus der Online-Befragung ebenso wie aus den ausgewählten Energieschulen. Stellt man die Sichtweisen dieser beiden Gruppen am Beispiel der Verankerung und des schulischen Stellenwerts der Energiebildung gegenüber, ergibt sich erwartungsgemäß ein deutlicher Unterschied: Zwei Drittel der Lehrkräfte an Standardschulen beurteilen die schulischen Bildungsangebote als nicht ausreichend, um Jugendliche für die Lebenswelt fit zu machen.

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Zusatzinformationen

Informationen zum Autor

Prof. Dr. Manfred Euler ist Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel und leitet die Abteilung Didaktik der Physik. Er promovierte in Physik an der Universität Gießen und war danach Hochschullehrer in Duisburg, Hannover und Paderborn. Er ist derzeit vor allem im Rahmen verschiedener nationaler und internationaler Projekte zur Verbesserung der Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte beziehen sich auf empirische Studien zum Lernen aus Experimenten, Untersuchungen zu Schülervorstellungen, Elementarisierung von Komplexität sowie Modellierung dynamischer Systeme und kognitiver Prozesse.

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  • RWE Stiftung
    Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der RWE Stiftung.
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